weit ins Land hinaussehen ! Es soll ein allerliebster kleiner Saal sein , hat er mir geschrieben . « Jetzt aber sahen sie mit noch größerer Sehnsucht , als in das Land hinaus , dem kommenden Sonntag entgegen , so daß derselbe für sie nicht so unversehens da war wie für die Eltern . Frau Salander hatte sich inzwischen aus den Unterredungen mit Martin schmerzlich überzeugt , daß kein greifbarer Grund zu längerem Widerstande vorhanden war , der das bevorstehende Heiraten vor der Welt nur noch auffälliger machen würde , wenn die Töchter einfach wegliefen . Sie brachte es aber nicht über sich , der Heimsuchung und dem Triumphe der beiden hinterlistigen Töchter als Opferlamm beizuwohnen ; daher beschloß sie , den Tag zu einem längst verheißenen Besuch auf dem Lande zu benutzen und zugleich durch ihre Abwesenheit den nach ihrer Meinung mutwillig verirrten Kindern eine Strafe anzutun . Da sie jedoch dem Mann zugegeben hatte , man werde die Freier in jedem Falle zu Tische behalten müssen , so sorgte sie selbst für ein anständiges und doch in richtigem Maße gehaltenes Essen , und niemand war froher mitzuhelfen als Magdalene , welche durch den glücklichen Ausgang ihrer Sünden völlig entlastet zu werden hoffte . Sie diente gern in dem Hause und wünschte dasselbe nie zu verlassen . Als am Sonntagvormittag der Wagen für die Mutter schon vor dem Hause stand , sprach sie gegen Mann und Töchter noch die Hoffnung aus , man werde , was auch kommen möge , von einer Verlobungsfeier absehen , welche ja keinen Sinn haben würde , da man sich auf Grund der Volljährigkeit ohne Zutun der Eltern schon verlobt habe . Die zwei Fräulein verzichteten in ihrer Freude gern auf das Fest , das die Mutter selbst für überflüssig erklärte ; sie waren sogar ja froh , daß sie für heute fortging , weil sie wußten , wie die Zwillinge sich vor ihr scheuten und die heutige Handlung leichter abgewickelt werde . Martin Salander hingegen sah die Frau fast mit Trauer wegfahren , betroffen von ihrer beharrlichen Strenge in dieser Sache ; er wußte , wie redlich und frei von aller Gehässigkeit sie war , und fühlte daher aus ihrem Verhalten eine schwere Ahnung von Unglück heraus , die er nicht zu teilen vermochte und doch achten mußte . Nicht lange war Frau Salander fort , so erschienen die Brüder Julian und Isidor , beide feiertäglich gekleidet . Mit ihnen trat ein voller Sonnenschein in das Zimmer . Salander war wie geblendet von den Gesichtern der Mädchen , die nicht einmal lachten und doch so von Glück leuchteten , daß er wünschte , die Mutter könnte die merkwürdige Erscheinung auch sehen . Die Fräulein saßen standesgemäß auf dem Sofa des Besuchzimmers , der Vater und die Freiersjünglinge auf Stühlen , und letztere so befangen , daß es einer guten angeborenen Bescheidenheit gleichsah . Das kam vornehmlich von der Abwesenheit der Hausfrau her . Die Spazierstöcke hatten sie vor der Türe stehenlassen , wie es die Landleute taten , wenn sie auf die Kanzlei kamen ; die Hüte hielten sie in den Händen und schauten während der ersten Wechselreden verlegen im Zimmer umher . Endlich brachte Salander sie auf den Zweck ihres Besuches ; es gefiel ihm , daß so kecke und jugendliche Politiker doch bescheiden und sogar schüchtern sein konnten in ernstem Augenblick . Selbstverständlich hatten sie nach allem , was geschehen , nicht mehr viel zu sagen und taten es auch kurz und natürlich ; der Herr Großratspräsident hätte nichts daran zu tadeln gefunden . Wieder sahen sie sich an den Wänden um , während Salander seine Antwort erst flüchtig erwog ; der wohlgeordnete Raum erhöhte ihre ungewohnte Achtung und diese wieder Salanders gute Meinung ; jedes Bedenken , jede Vorstellung über diesen oder jenen Punkt , alle Fragen nach ihren Lebensplänen und Aussichten unterlassend , erklärte er , immerhin mit ernster Miene , daß er und die Mutter dem Willen der Töchter nicht entgegen seien und nur der Hoffnung leben könnten , diese Verbindungen werden usw. , worauf er kurz abschnitt und die Notare , wenn sie nichts anderes vorhätten , auf den Mittag zum Essen einlud . Sie waren noch immer so befangen , daß sie nicht einmal wagten , in Bräutigamsweise sich den Mädchen zu nähern , die sie doch so gut kannten , und diese von ihrer feierlichen Würde zur Verlegenheit übergingen und darob fast erbost wurden ; denn sie wußten selbst nicht , wie vornehm sie plötzlich den Zwillingen erschienen . Der Vater , solche Zartheit mit neuem Wohlgefallen bemerkend und in der Absicht , die Verlobten jetzt allein zu lassen , nahm für kurze Zeit Abschied , um auf das Kontor zu gehen und die eingegangenen Briefe zu öffnen . Am Mittagsmahle tauten die Notare ein wenig auf , doch nicht genug , um das Gespräch zu würzen . Salander wollte von Politik und den Ratsverhandlungen reden ; sie schienen aber nicht dazu gelaunt und ließen ihm meistens allein das Wort , was er schließlich auch als Bescheidenheit auslegte . Er bedachte hierauf , daß man den Eltern Weidelich , die so nah wohnten , doch auch entgegenkommen müsse , und daß der Anfang am besten zu bewerkstelligen wäre , wenn er jetzt die Töchter ermahnte , mit den Herren nach dem Zeisig zu spazieren und sich den künftigen Schwiegereltern vorzustellen . Dadurch würde Frau Marie Salander des ersten Schrittes überhoben ; er selbst wollte sie auf der einsamen Rückfahrt überraschen und dem Mietwagen ein paar Stunden weit entgegenwandern . Sein Vorschlag wurde von jedermann sehr gebilligt , von den Töchtern , weil sie auf einen ergiebigen Spaziergang rechneten , von den Zwillingen , weil sie ein böses Gewissen hatten und die Eltern zu versöhnen hofften . Die drei Sitzungstage im Beginn der verflossenen Woche waren nämlich vorübergegangen , ohne daß sie ein einziges Mal Zeit gefunden , die sehnsüchtig ihrer harrenden Eltern aufzusuchen , die nicht wußten , was sie denken sollten , bald mit