existieren und sollen uns Brot und Wein des Lebens sein . Aber sie sind nicht ein Schlagwasser oder Riechsalz , um uns in jedem beliebigen Momente plötzlich aus unserer Ohnmacht aufzuwecken . Es gibt auf diesem Gebiete nichts Plötzliches , sondern nur ein Allmähliches , auch die geistige Genesung ist ein stilles Wachsen , und je tiefer Sie sich mit dem Glauben an den Erlösertod Jesu Christi durchdringen , desto sicherer und fester wird in Ihnen der Friede der Seele sein . « Neunzehntes Kapitel Während der Hofprediger mit Cécile dies Gespräch führte , schlenderte Gordon am andern Kanalufer auf seine Wohnung zu , bog aber , als er auf diesem Rückwege die Pfeiler der die Straße kreuzenden Eisenbahnbrücke passiert hatte , zunächst nach links hin in einen wenig belebten Weg ein , um hier , am Potsdamer Bahndamm entlang , ungehinderter seinen Gedanken nachhängen zu können . Ahnungslos hinsichtlich des Stimmungsumschlages , der sich , nachdem er den Balkon verlassen , im Gemüte seiner Freundin vollzogen hatte , war das ihn beherrschende Gefühl lediglich ein freudiges Staunen über die vorgefundene Wandlung zum Guten und Gesunden hin . Ja , die Cécile seiner Thalenser Tage war eine schöne , trotz aller Melancholie beständig nach Huldigungen ausschauende Dame gewesen , während die Cécile von heut eine heitre , lichtvolle Frau war , vor der der Roman seiner Phantasie ziemlich schnell zu verblassen begann . » Was bleibt übrig ? Ich glaube jetzt klar zu sehen . Sie war sehr schön und sehr verwöhnt , und als der Prinz , auf den mit Sicherheit gerechnet wurde , nicht kommen wollte , nahm sie den Obersten . Und ein Jahr später war sie nervös , und zwei Jahre später war sie melancholisch . Natürlich , ein alter Oberst ist immer zum Melancholischwerden . Aber das ist auch alles . Und schließlich haben wir nichts als eine Frau , die , wie tausend andre , nicht glücklich und auch nicht unglücklich ist . « Unter solchem Selbstgespräche war er bis an die Bülowstraße gekommen und wollte sich eben , unter Benutzung derselben , in weitem Bogen wieder zurück nach dem Tiergarten schlängeln , als er , in einiger Entfernung , eines Begräbniszuges gewahr wurde , der nach dem Matthäikirchhofe hinaus wollte . Der gelbe , mit Kränzen überdeckte Sarg stand auf einem offnen Wagen , in dessen Front ein schmales , silbernes Kreuz beständig hin und her schwankte . Hinter dem Wagen kamen Kutschen und hinter den Kutschen ein ansehnliches Trauergefolge . Gordon wäre gern ausgewichen , aber der gehabten Anwandlung sich schämend , blieb er und ließ den Zug an sich vorbeipassieren . » Es ist nicht gut , die Augen gegen derlei Dinge zu schließen , am wenigsten , wenn man eben Luftschlösser baut . Der Mensch lebt , um seine Pflicht zu tun und zu sterben . Und das zweite beständig gegenwärtig zu haben erleichtert einem das erste . « Gordon wuchs sich rasch wieder in Berlin ein und war nur verwundert , nach wie vor keinen Brief aus Liegnitz eintreffen zu sehn , auch nicht , als er die saumselige Schwester gemahnt hatte . Seine Verwunderung war aber nicht gleichbedeutend mit Verstimmung , vielmehr gestand er sich , alles in allem nie glücklichere Tage verlebt zu haben . Auch nicht in Thale . Wenn es sein konnte , sprach er täglich bei seiner Freundin vor und erneuerte , dabei die freundlichen , gleich bei seinem ersten Besuche gehabten Eindrücke . Was ihn einzig und allein störte , war das , daß er sie nie allein fand . Mitte September traf Céciles jüngere Schwester auf Besuch ein und wurde ihm als » meine Schwester Kathinka « vorgestellt . Bei diesem Vornamen blieb es . Sie war um mehrere Jahre jünger und ebenfalls sehr schön , aber ganz oberflächlich und augenscheinlich mehr nach Verhältnissen als nach Huldigungen ausblickend . Cécile wußte davon und schien erleichtert , als die Schwester wieder abreiste . Der Besuch hatte nur wenig über eine Woche gedauert und war niemandem zu rechter Befriedigung gewesen . Auch Gordon nicht . Desto größere Freude hatte dieser , als er eines Tages Rosa traf und von ihr erfuhr , daß sie verhältnismäßig häufig im St. Arnaudschen Hause vorspreche , weshalb es eigentlich verwunderlich sei , sich bis dahin noch nicht getroffen zu haben . Das müsse sich aber ändern , womit niemand einverstandener war als Gordon selbst . Und zu dieser Änderung kam es denn auch ; man sah sich öfter , und erschien bei diesen Begegnungen auch noch der in der benachbarten Linkstraße wohnende Hofprediger , so steigerte sich der von Rosas Anwesenheit beinah unzertrennliche Frohsinn , und vom Harz und seinen Umgebungen schwärmend , erging man sich in Erinnerungen an Roßtrappe , » Hotel Zehnpfund « und Altenbrak . Der Oberst war selten da , so selten , daß Gordon sich entwöhnte , nach ihm zu fragen . » Er ist im Club « , hieß es ein Mal über das andre . Der Club aber , um den sich ' s handelte , war kein militärischer , sondern ein Haute-Finance-Club , in dem Billard , Skat und L ' hombre mit beinah wissenschaftlichem Ernst gespielt wurde . Nur die Points hatten eine ganz unwissenschaftliche Höhe . Neben Rosa war es der alte Hofprediger , der , wenn man gemeinschaftlich heimging , über diese kleineren oder größeren Inkorrektheiten Aufklärung gab , meistens vorsichtig und zurückhaltend , aber doch immer noch deutlich genug , um Gordon einsehen zu lassen , daß er es mit seinem in seinem langen Skriptum an die Schwester im halben Übermute gebrauchten » Jeu-Oberst « richtiger , als er damals annehmen konnte , getroffen habe . Teilnahme mit Cécile war , wenn er derlei Dinge hörte , jedesmal sein erstes und ganz aufrichtiges Gefühl , aber eine nur zu begreifliche Selbstsucht sorgte gleichzeitig dafür , daß dies Gefühl nicht andauerte . St. Arnaud war nicht da , das war doch schließlich die Hauptsache , das gab