malen lassen . Margarete zog das köstliche Fundstück ans Tageslicht . Ja , Tante Sophie hatte recht , wenn sie behauptete , in alten Zeiten habe man für sein Geld solider gekauft . Das echte Silber der eingewebten Blumen schimmerte , das Grün war vollkommen frisch und unverblichen , und nur in den Falten zeigte sich der dicke , starrende Seidenstoff etwas brüchig . Es war ein enges , schmales Mieder , an welches das junge Herz der Frau Dore einst geklopft hatte . Margarete meinte , es müsse auch ihr selbst passen - und da hatte plötzlich » der Kindskopf der lustigen Gretel « die Oberhand . Ganz nahe an der Wand lehnte auch ein hoher Pfeilerspiegel ; er stand den Bildern gegenüber . Es schreckte die junge Uebermütige nicht , daß es just die hohe , stolze Gestalt des Urgroßvaters Justus war , die der Spiegel zurückwarf . Sie löste das lange Kragenband vom Halse und band sich die Lockenfülle hoch über der Stirn zum Toupet . Die sternförmige Brosche , und die dazu gehörigen Ohrringe und Manschettenknöpfe von böhmischen Granaten mußten die Rubinensterne vertreten , und für einen ersten flüchtigen Blick täuschten sie auch hinlänglich . Es war doch wunderlich , daß die Natur noch einmal an Größe und schmächtigem Wuchs genau dieselbe Gestalt geschaffen hatte , wie sie vor fast einem Jahrhundert durch das Lamprechtsche Haus gewandelt war . Das Mieder schmiegte sich glatt und faltenlos an den Leib des jungen Mädchens , und das silberstoffene Tablier des Rockes berührte gerade ihre Fußspitzen . Sie erschrak vor sich selber , als sie die letzte Spange des Brustlatzes festgenestelt hatte und noch einmal vor den Spiegel trat . Sie sah auch ein wenig scheu zur Seite , wo neben ihrer Schulter die Augen des Justus Lamprecht aus dem Düster des Ganges glühten und seine beringte Hand so plastisch dort auf dem großen Folianten lag , als werde sie sich im nächsten Augenblick von der Leinwand lösen und nach der Vermessenen herübergreifen ... Nun , die frevelhafte Maskerade sollte rasch ein Ende haben ; in wenigen Minuten hing das Kleid unversehrt wieder im Schranke , freilich nicht , ohne daß Tante Sophie die moderne Ahnfrau gesehen hatte . Mit unwillkürlich verlangsamten Schritten und Bewegungen trat sie aus dem Gange . Die Schleppe rauschte mit einem förmlichen Getöse über die rauhen Dielen - in diesem panzerartig klirrenden Staatsgewande wäre der schönen Dore das lautlose Huschen freilich nicht möglich gewesen . Der Hausknecht kam eben aus dem großen Salon und schritt durch den Flursaal nach dem Ausgang . Bei dem herankommenden Geräusch wandte er arglos den Kopf zurück und schoß gleich darauf entsetzt mit einem grotesken Sprunge zur Thüre hinaus , die er rasselnd hinter sich zuschlug . Margarete lachte über den Effekt und trat über die Schwelle des großen Salons ; aber sie wich betreten zurück , denn die Tante war nicht allein , Onkel Herbert stand neben ihr am Fenster . Gestern nachmittag um dieselbe Zeit nun wäre es ihr sehr gleichgültig gewesen , ob der Onkel dort gestanden oder nicht . Er hatte ja nie zu denen daheim gehört , an die sie besonders gern oder gar mit Heimweh gedacht , und auch das erste Wiederbegegnen bei ihrer Heimkehr hatte ihr keinerlei Interesse für ihn geweckt . Seit gestern abend jedoch , wo sie einige Stunden droben bei den Großeltern mit ihm zusammen gewesen war , hatte sie ihm gegenüber das seltsame Gefühl eines moralischen Unbehagens . Nicht , daß sie sich durch die enthusiastische Verehrung der Großmama für den wohlgeratenen Herrn Sohn , oder den unverkennbaren Respekt , welchen ihr Vater dem jungen Schwager entgegenbrachte , hätte beeinflussen lassen - sie wußte ja , daß jene beiden leider nur dem Glück huldigten , welches sich an seine Fersen zu hängen schien , und einen Auserwählten in ihm sahen , weil Hochgestellte mit ihm wie mit ihresgleichen verkehrten - das bestach sie nicht ; nur der Großpapa , der sonst so gerade , unbestechliche Charakter hatte sie stutzig gemacht . Es war doch kaum zu glauben , daß er völlig blind sei gegen die Art und Weise , wie sein Sohn Karriere machte , daß er nicht wisse , welche Mächte ihn mühelos über Staffeln hinweghoben , die andere erst nach jahrelanger Aufbietung aller eigenen Kraft zu erringen vermochten . Und doch hatten dem alten Manne gestern inniges Wohlgefallen und väterlicher Stolz frank und frei aus den Augen gestrahlt . Er hatte wiederholt gegen das moderne Strebertum geeifert , das nie nach der Lauterkeit der Mittel frage , um emporzukommen ; Fuchsschwanz und Katzenbuckel und die Tartüffes seien wieder einmal an der Tagesordnung , und der rechtschaffene deutsche Sinn müsse sich vor den » Nachbarsleuten « schämen , die es mit ansähen , wie diese schleichenden und buckeligen Figuren auf dem großen Schachbrett Fuß zu fassen suchten . Fühlte er in verblendeter Vaterliebe den Pfahl im eigenen Fleische nicht , oder verstand es der Herr Landrat , ihm Sand in die Augen zu streuen ? Der hatte so gemütsruhig dabei gesessen , als sei dieses Anathema ganz in der Ordnung . Nicht ein einziges Mal war ihm das Rot der Verlegenheit oder der Beschämung in das Gesicht getreten ; er hatte seine Zigarre geraucht und die feinen blauen Duftringel nachdenklich mit den Augen verfolgt ; wenn er aber gesprochen , dann hatte es stets » Hand und Fuß gehabt « , wie Tante Sophie sich auszudrücken pflegte . Uebrigens mochte doch der wahre Kern dieses Charakters sein wie er wollte , das focht sie nicht weiter an ; es verdroß sie nur , daß er sich im Urteil über die beiden Kinder seiner verstorbenen Schwester so gleich geblieben war - der exemplarisch fleißige Reinhold von ehedem schien für ihn nichts von seinen Tugenden eingebüßt zu haben , während er offenbar der » wilden Hummel « auch heute noch nichts Gutes zutraute . Und hatte er nicht recht ? Reinhold ging in seinem Berufe auf ; er war