liegen zu lassen und nachhause zu kommen . Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend , er hoffe auch , sie sei vorübergehend ; sollte es indessen keine Ruhe geben , so möge Fräulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie fragen , ob sie nicht nach Frankfurt zuhilfe kommen wollte ; gewiß würde seine Mutter in kürzester Zeit mit den Gespenstern fertig , und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder , sein Haus zu beunruhigen . Fräulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit dem Ton dieses Briefes ; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefaßt . Sie schrieb unverzüglich an Frau Sesemann , aber von dieser Seite her tönte es nicht eben befriedigender , und die Antwort enthielt einige ganz anzügliche Bemerkungen . Frau Sesemann schrieb , sie gedenke nicht extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen , weil die Rottenmeier Gespenster sehe . Übrigens sei niemals ein Gespenst gesehen worden im Hause Sesemann , und wenn jetzt eines darin herumfahre , so könne es nur ein lebendiges sein , mit dem die Rottenmeier sich sollte verständigen können ; wo nicht , so solle sie die Nachtwächter zuhilfe rufen . Aber Fräulein Rottenmeier war entschlossen , ihre Tage nicht mehr in Schrecken zuzubringen , und sie wußte sich zu helfen . Bis dahin hatte sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung gesagt , denn sie befürchtete , die Kinder würden vor Furcht Tag und Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben wollen , und das konnte sehr unbequeme Folgen für sie haben . Jetzt ging sie stracks ins Studierzimmer hinüber , wo die beiden zusammensaßen , und erzählte mit gedämpfter Stimme von den nächtlichen Erscheinungen eines Unbekannten . Sofort schrie Klara auf , sie bleibe keinen Augenblick mehr allein , der Papa müsse nachhause kommen und Fräulein Rottenmeier müsse zum Schlafen in ihr Zimmer hinüberziehen , und Heidi dürfe auch nicht mehr allein sein , sonst könne das Gespenst einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun ; sie wollten alle in einem Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen , und Tinette müßte nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann müßten auch herunterkommen und auf dem Korridor schlafen , daß sie gleich schreien und das Gespenst erschrecken könnten , wenn es etwa die Treppe heraufkommen wollte . Klara war sehr aufgeregt und Fräulein Rottenmeier hatte nun die größte Mühe , sie etwas zu beschwichtigen . Sie versprach ihr , sogleich an den Papa zu schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie mehr allein lassen zu wollen . Alle konnten sie nicht in demselben Raume schlafen , aber wenn Adelheid sich auch fürchten sollte , so müßte Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen . Aber Heidi fürchtete sich mehr vor der Tinette , als vor Gespenstern , von denen das Kind noch gar nie etwas gehört hatte , und es erklärte gleich , es fürchte das Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem Zimmer bleiben . Hierauf eilte Fräulein Rottenmeier an ihren Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann , die unheimlichen Vorgänge im Hause , die allnächtlich sich wiederholten , hätten die zarte Konstitution seiner Tochter dergestalt erschüttert , daß die schlimmsten Folgen zu besorgen seien ; man habe Beispiele von plötzlich eintretenden epileptischen Zufällen , oder Veitstanz in solchen Verhältnissen , und seine Tochter sei allem ausgesetzt , wenn dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht gehoben werde . Das half . Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tür und schellte dergestalt an seiner Hausglocke , daß alles zusammenlief und einer den anderen anstarrte , denn man glaubte nicht anders , als nun lasse der Geist frecherweise noch vor Nacht seine boshaften Stücke aus . Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halbgeöffneten Laden von oben herunter ; in dem Augenblick schellte es noch einmal so nachdrücklich , daß jeder unwillkürlich eine Menschenhand hinter dem tüchtigen Ruck vermutete . Sebastian hatte die Hand erkannt , stürzte durchs Zimmer , kopfüber die Treppe hinunter , kam aber unten wieder auf die Füße und riß die Haustür auf . Herr Sesemann grüßte kurz und stieg ohne weiteres nach dem Zimmer seiner Tochter hinauf . Klara empfing den Papa mit einem lauten Freudenruf , und als er sie so munter und völlig unverändert sah , glättete sich seine Stirn , die er vorher sehr zusammengezogen hatte , und immer mehr , als er nun von ihr selbst hörte , sie sei so wohl wie immer und sie sei so froh , daß er gekommen sei , daß es ihr jetzt ganz recht sei , daß ein Geist im Haus herumfahre , weil er doch daran schuld sei , daß der Papa heimkommen mußte . » Und wie führt sich das Gespenst weiter auf , Fräulein Rottenmeier ? « fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den Mundwinkeln . » Nein , Herr Sesemann « , entgegnete die Dame ernst , » es ist kein Scherz . Ich zweifle nicht daran , daß morgen Herr Sesemann nicht mehr lachen wird ; denn was in dem Hause vorgeht , deutet auf Fürchterliches , das hier in vergangener Zeit muß vorgegangen und verheimlicht worden sein . « » So , davon weiß ich nichts « , bemerkte Herr Sesemann , » muß aber bitten , meine völlig ehrenwerten Ahnen nicht verdächtigen zu wollen . Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Eßzimmer , ich will allein mit ihm reden . « Herr Sesemann ging hinüber und Sebastian erschien . Es war Herrn Sesemann nicht entgangen , daß Sebastian und Fräulein Rottenmeier sich nicht eben mit Zuneigung betrachteten ; so hatte er seine Gedanken . » Komm Er her , Bursche « , winkte er dem Eintretenden entgegen , » und sag Er mir nun ganz ehrlich : hat Er nicht etwa selbst ein wenig Gespenst gespielt , so um Fräulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu machen , he ? « » Nein , meiner Treu , das muß der gnädige