, die Bitte auszusprechen . Betrübt kam er des Abends heim . Es fiel ihm schwer , aber er mußte nun , wohl oder übel , die Mutter darum ersuchen . Frau Rosel hörte ihn nach ihrer Gewohnheit schweigend an , und fragte dann kurz : » Wozu ? « » Nun « , meinte Sender verlegen , » ich bin ja kein Kind mehr . Ein erwachsener Mensch fühlt sich ja wie ein Toter , wenn er so ohne Geld herumgeht . « » Warum verdienst du es nicht ? « » Aber ich bin ja noch Lehrling . « » Warum heiratest du nicht ? « » Hei-ra-ten ! « Sender war ebenso erstaunt wie erschreckt . » Ja , heiraten ! « wiederholte die Frau nachdrücklich . » Glückliche Eltern , die das Geld dazu haben , können schon früh das gottgefällige Werk tun und ihre Söhne im fünfzehnten , sechzehnten Jahre verheiraten . Mir ist dies Glück , dies Verdienst vor Gott nicht beschieden gewesen . Aber nun bist du über zwanzig Jahr ' alt - es ist die höchste Zeit , daran zu denken ! « » Nein ! « rief er heftig . » Wie ? « schrie sie auf . » Um Gotteswillen , Mutter , nein ! « fuhr er flehentlich fort und erhob abwehrend die Hände - an diese Gefahr für seine Pläne hatte er noch gar nicht gedacht ! » Willst du gar nicht heiraten ? « » Nein ! « » Niemals ? ! « schrie sie abermals gellend auf . » Niemals ! « erwiderte er ebenso laut , fast sinnlos vor Erregung . » Warum ? « stieß sie heiser hervor . » Aber was frage ich noch ! « fuhr sie murmelnd fort . » Ich weiß es ja ! « Ihre Stimme brach sich , die Tränen stürzten ihr plötzlich über die Wangen und sie begann krampfhaft zu schluchzen . Das war etwas so Ungewohntes , so Unerhörtes an dieser Frau , daß es dem Jüngling ins tiefste Herz griff . » Um Gotteswillen ! « rief er flehend . » Beruhige dich doch ! Niemals - ich habe es ja nur so gesagt - warum sollt ' ich niemals heiraten ? ! Ich meine nur - jetzt - jetzt könnt ' ich an alles andere eher denken ! Ich hab ' ja noch nichts , ich bin ja noch nichts , wie sollt ' ich ein Weib ernähren ? ! « Er mußte lange fortfahren , bis sie sich wieder gefaßt hatte . » Ist es nur dies ? « fragte sie endlich und blickte ihn scharf an . Er nahm sich zusammen und hielt den Blick aus . » Ja ! « » Dafür kann Rat werden ! « entschied sie . » Du wirst bald dein Brot verdienen . Und bis dahin kannst du ja von dem leben , was die Mitgift deiner Frau trägt oder auch von der Mitgift selbst , das ist auch noch durchaus kein Unglück , kein Leichtsinn . Die meisten heiraten so und es geht gut aus ! Also nächster Tage werde ich mit Itzig Türkischgelb reden . « Das war der geschickteste Heiratsvermittler von Barnow . Sender seufzte tief auf . » Nächster Tage « wiederholte Frau Rosel und strich mit der flachen Hand über die Tischdecke . Sender kannte die Bedeutung dieser Bewegung : die Sache war abgemacht . Es konnte ihn wenig trösten , daß er nun auch das erbetene Geld erhielt mit dem Versprechen , daß es ihm wöchentlich regelmäßig zukommen werde bis zur Vermählung . » Hoffentlich noch in diesem Winter « , schloß die Frau . Sender schlief in jener Nacht etwas später ein als sonst , aber wer so jung ist und so fest an sich selbst glaubt , bringt seine Sorgen leicht zur Ruhe . Bis auf weiteres genügte ihm die Möglichkeit , in der Klosterbibliothek » Weisheit « zu erwerben , und was die angedrohte Braut betraf , so konnte er sich wohl über die Entschlossenheit seiner Mutter keiner Täuschung hingeben , » aber « - dachte er - » ohne mich kann ' s doch eigentlich auch nicht geschehen und obendrein brauche ja nicht bloß ich mich zu entscheiden , sondern auch die Eltern der Braut können Nein ! sagen . Ich kann ja auch etwas dazu tun - umsonst heißen sie mich nicht den Pojaz ! « Seine Pflegemutter aber fand auch der grauende Morgen noch wach . » Er hat vielleicht zuletzt nicht gelogen « , dachte sie , » aber die Sache ist nicht leicht zu nehmen . Denn jenes Niemals hat sein Blut aus ihm herausgerufen , das unselige Blut , das vielleicht stärker ist als seine Liebe zu mir ! « Sie wollte tatkräftig eingreifen , auch diesmal den Kampf mit dem Dämon aufnehmen , aber das Herz war ihr schwer und kummervoll . Nachdem Sender nun das Geld hatte , die vielen Namenstage des Fedko würdig zu begehen , fand er sich wieder regelmäßig in der Bibliothek ein und las das » Spiel vom Juden Nathan « weiter , eifrig , aber mühsam und ohne vollen Erfolg , weil ihm das nötige Wissen zum rechten Verständnis fehlte . Über die unzähligen dunklen Stellen half ihm weder sein scharfer Verstand , noch sein starker dramatischer Instinkt genügend hinweg . Was er verstand , packte ihn freilich mächtig , schon deshalb , weil es ihm so neu war , eine unbekannte , fremde Welt , die Welt der reinen Menschlichkeit . Er war in einem Winkel der Erde geboren und aufgewachsen , wo die Binde des religiösen Vorurteils den armen Menschen so dicht um die Augen liegt , wie selten anderwärts . Als er nun mit ungemeiner Spannung aller Sehnen der Seele , so wie man eine unerhörte Entdeckung vernimmt , das Märchen von den drei Ringen las , da sank ihm diese Binde freilich nicht von den Augen , aber er erkannte