ihm Vorschub zu leisten . Er zog nun ein Manuskript von bedenklichem Umfang aus der Tasche ; ich glaube , daß ein Bangen durch alle Herzen ging . Aber wir sollten bald anderen Sinnes werden . Er bat unbefangen um die Erlaubnis , uns eine Ballade : die einen norwegischen Sagen- oder Märchenstoff behandle , vorlesen zu dürfen : Hakon Borkenbart . Du mußt nämlich wissen , er hat eine Zeitlang in Kopenhagen gelebt . Wie das so gekommen , das erfährst Du , neben manchem anderen , zu anderer Zeit . Er hob nun an und las ausdrucksvoll , fest , mit wohltönender Stimme und wachsendem Feuer . Es waren wohl an zwanzig Strophen . Gleich die erste , die bei der Debatte wiederholt wurde , ist mir im Gedächtnis geblieben : Der König Hakon Borkenbart Hat Roß und Ruhm , hat Waff ' und Wehr , Und hat allzeit zu Krieg und Fahrt Viel hohe Schiff auf hohem Meer , Es prangt sein Feld in Garben , Er aber prangt in Narben , In Narben von den Dänen her . In der zweiten Strophe zieht Hakon aus , um , trotz seiner fünfzig Jahre , um Schön-Ingeborg zu freien . Ich mühe mich vergeblich , die Reime zusammenzufinden , aber mit der dritten Strophe , die mir besonders zusagte , wird es mir wieder gelingen . Wenigstens ungefähr . Schon grüßt ihn fern so Turm wie Schloß , Und stolz und lächelnd blickt er drein ; Er spricht herab von seinem Roß : Und bin ich alt , so mag ich ' s sein ! Und wär ich alt zum Sterben , Auch Ruhm und Narben werben , Und werben gut wie Jugendschein . An dieser Stelle , wie Du Dir denken kannst , brach unser alter Bummcke in lautes Entzücken aus . Ich bin ganz sicher , daß er sich in dem Augenblicke als Hakon Borkenbart fühlte . Das Gedicht verläuft nun so , daß die schöne Ingeborg ihn abweist , wofür er Rache gelobt . Er verkleidet sich als Bettler und setzt sich mit einer goldenen Spindel vor Ingeborgs Schloß . Sie begehrt die Spindel ; er verweigert sie ihr . Ihre Begierde entbrennt so heftig , daß sie sich dem Bettler hingibt , um die Spindel zu besitzen . Nun kommen die bekannten Konflikte ; der Vater in Zorn ; Verstoßung . Zuletzt entpuppt sich der Bettler als Hakon Borkenbart , und alles gelangt zu einem glücklichen Schluß . Es war mir ein Genuß gewesen , dem Gedicht zu folgen , und ich darf sagen , uns allen . Neben dem Dichter selbst interessierte mich Bninski am meisten . Er wurde immer ernster . Seltsam , so las ich auf seiner Stirn , welche Prosa der Erscheinung und dahinter welch heiliges Feuer ! Dies Feuer war nun in der Tat der Zauber des Gedichts und des Vortrags . Sonst bot es angreifbare Punkte die Menge . Doktor Saßnitz , auch an diesem Abend der Avantgardenführer unserer Kritik , nahm zuerst das Wort . Er hob mit Recht hervor , daß unser verehrter Gast sein großes Darstellungsvermögen an einen Gegenstand gesetzt habe , dem mit einem geringeren Kraftaufwand mehr gedient gewesen wäre . Das Ganze sei , wie er selber bemerkt habe , ein Märchenstoff . Ein solcher aber müsse in der Schlichtheit , die seinen Reiz bilde , nicht durch Pracht des Ausdrucks gestört werden . Das Gedicht , bei unbestreitbaren Vorzügen , sei zu lang und namentlich zu schwer . Hätte unser Gast in unser aller Augen noch gewinnen können , so wär es durch die Art gewesen , wie er den Tadel aufnahm . Er nickte zustimmend und sagte dann zu Saßnitz : Ich danke Ihnen sehr ; Ihre Ausstellungen haben es getroffen . Ich wußte nicht , woran es lag , daß mich die eigene Arbeit nicht befriedigte ; nun weiß ich es . Das Gespräch setzte sich fort . Bald danach war die Bowle geleert , und Jürgaß , der wenigstens des Ausharrens von Bummcke sicher war , befahl eine zweite . Bninski und ich aber warteten ihr Erscheinen nicht ab ; Mitternacht war ohnehin bald heran . Als wir auf den stillen Platz hinaustraten , lag der Sternenschein fast wie Tageslicht auf den Straßen . Ich sah hin auf ; mir war zu Sinn , als stiege das Christkind aus diesem Sternenglanz in mein armes Herz hernieder . Bninski begleitete mich ; wir sprachen kein Wort . Beim Abschied sagte er mit einem Ton , den ich bis dahin nicht an ihm gekannt hatte : Ich danke Ihnen , Tubal , für diesen Abend ; es würde mich freuen , Ihre Freunde öfter zu sehen . Da hast Du die jüngste Sitzung der Kastalia , noch dazu eine improvisierte . Und nun lebe wohl . Renate sei mit Dir . Die Form dieses Glückwunsches wiegt hoffentlich tausend Grüße an meine schöne Cousine auf . Dein Tubal Nachschrift . Eben ist Dein Papa bei dem meinigen . Sie politisieren viel , vielleicht zu viel . Er grüßt und hofft , wie er Dir schon geschrieben habe , morgen abend auf Schloß Guse zu sein . Einen Platz in seinem Wagen , den er mir angeboten , habe ich abgelehnt . Es ist mir zuviel Freundschaft um Tante Amelie versammelt . Aber ich sehne mich nach Hohen-Vietz und seiner Stille . Kann ich Kathinka bestimmen , mich zu begleiten , so dürft Ihr uns ehestens erwarten . Dein T. « Zweiter Band Schloß Guse Erstes Kapitel Schloß Guse Der Lauf unserer Erzählung führt uns während der nächsten Kapitel von Hohen-Vietz und dem östlichen Teile des Oderbruchs an den westlicher Höhenzug desselben , zu dessen Füßen , heute wie damals , die historischen Dörfer dieser Gegenden gelegen sind , altadelige Güter , deren meist wendische Namen sich schon in unseren ältesten Urkunden finden . Hier saßen , um Wrietzen und Freienwalde herum , die Sparrs und Uchtenhagens , von denen noch jetzt die