. » Dann nichts mehr . Diese da « - die Magd streichelte das Gesicht des Kindes - » hat er auf den Arm genommen und sie zärtlich geküßt ... « » Weil er mich so liebgehabt hat ! « warf das Kind voll stolzer Zuversicht ein . » Und sie mir zurückgegeben « , schloß die Erzählerin , » und gesagt : Bozena - du wirst sorgen ! « Ein langes Schweigen trat ein . Röschen schien eingeschlummert . Plötzlich aber öffnete sie die schlaftrunkenen Augen und sprach , zu Bozena emporblickend : » Bei der Hochzeit meiner Eltern warst du gewiß Brautjungfer ! « Mansuet und Bozena tauschten einen raschen Blick ; der seine hatte den Ausdruck der Bestürzung , der ihre war finster und verwirrt . » Nicht wahr ? « lallte Röschen mit schwerer Zunge und senkte die müden Lider . Bozena beugte sich über sie : » Nein , Kind - nein . « » Warum nicht ? « » Es hätte sich nicht geschickt . « Das Kind hauchte leise ein zweites » Warum ? « und schlief schon fest , als es kaum ausgesprochen war . » O Herr Mansuet ! « begann Bozena nach einer Weile und öffnete dem Getreuen zum erstenmal ihr verschlossenes Herz . - » In der Nacht meine ich oft , die Worte meines Herrn zu hören : Bozena , du wirst sorgen . Damals , wie er sie gesprochen hat , da habe ich nur gedacht : Natürlich . - Und jetzt sind mir die Hände gebunden , jetzt ist alles verloren , ich kann für niemand mehr sorgen , keinem mehr helfen ; denn ich bin - verachtet ! « » Sie ? « rief Mansuet . » Ja , ja , ich bin ' s ! Wenn eines noch so hart ist gegen sich selbst - das fühlt ' s doch ! ... Ich hab das Unglück der Mutter auf dem Gewissen und das Unglück des Kindes dazu ! ... Ich kann nichts mehr tun für das Kind ... « » Was wollten Sie denn tun , Bozena ? « » Ihm helfen zu seinem Recht - was sonst ? « » Wie ? ... dem Fräulein zum Trotz ... « » Nicht ihr zum Trotz ! Mit ihrem Willen . Ich hätt ' s von ihr erlangt ... Noch ein paar Jahre , Herr Mansuet , und was ich ihr geraten hätt , das hätte sie getan . Glauben Sie ' s oder nicht - noch ein paar Jahre , und geführt hätt ich sie an einem Haar ! ... Gott straft mich schwer - ich bin hilflos und gebrochen und werde zu dem Kinde meiner Rosa niemals sagen können an der Schwelle des Vaterhauses : Tritt ein , du bist daheim . « Mansuet betrachtete sie staunend . Das also hatte sie sich zugetraut ? Darum also die schweigende Unterwerfung , der widerspruchslose Gehorsam , die stündliche Selbstverleugnung ? ... Das alles war bewußt , gewollt - war die Frucht ihrer großen Liebe und ihrer großen Reue . Nein , denkt er , die Bozena lernt man nicht aus . Der alte Mansuet drückt die Hand an seine Stirn und spricht : » Wer weiß ! ... Wer weiß ! ... « 15 Jahr um Jahr verging . Röschen wuchs heran , körperlich und geistig gar seltsam ausstaffiert - mit Regulas abgelegten Kleidern , mit Mansuets wunderlichem Wissenskrame . Die ärmste Genossin eines reichen Hauses , besaß sie nichts zu eigen ; als Kind auch nicht ein Spielzeug , später keine von all den kleinen Herrlichkeiten , die , so wertlos und so wert gehalten , ein Mädchenzimmer schmücken und ein Mädchenherz erfreuen . Mansuet sparte wie ein Hamster : » Für ihre Zukunft . « Jetzt , meinte er , brauche sie nichts . Und Bozena gab ihm von ganzem Herzen recht . » Man tut ihr nichts Gutes . Sie soll sich nur gewöhnen zu entbehren . « Aber Röschen entbehrte nichts , weil sie niemals etwas besessen hatte und weil ihr jede Gelegenheit zum Vergleiche mit andern fehlte . Sie hatte nur eine Sehnsucht und auch diese halb unbewußt : die Sehnsucht nach mehr Luft , mehr Sonnenschein , als sie im düstern Hause genoß . Bozena fand nie Zeit , sie spazierenzuführen , und Mansuet konnte sich nachgerade nicht mehr entschließen , seine Stube zu verlassen . Er wurde sehr alt und etwas geschwätzig und wiederholte täglich dieselben Späße . Das Fräulein konnte nicht im Seidenkleide vorüberrauschen , ohne daß er sang : » Das Schiff streicht durch die Wellen : Fidolin ! Fidolin ! « , Schimmelreiter nicht über den Platz schreiten , ohne daß Mansuet deklamierte : » Guter Mond , du gehst so stille « , und so weiter . Der Sekretär hingegen blühte wie ein Jüngling . Er war unbeschreiblich glücklich mit seiner Kathi und sang ihr Lob vor jedem , der es hören , und vor jedem , der es nicht hören wollte . Fräulein Regula veränderte sich wenig ; nur die Haut ihres Gesichtes wurde etwas gespannter , nur ihre Zähne wurden noch etwas länger . Wenn auch die Zahl ihrer Jahre zunahm , die Zahl ihrer Verehrer nahm nicht ab , denn der Reichtum , besonders wenn er in stetem Wachsen begriffen ist , erhält immer jung . Die Stadt Weinberg hatte indessen teilgenommen an den Segnungen des aufblühenden Verkehrs . Seitdem ein stattlicher Bahnhof sich dicht vor den Anlagen erhob , seitdem der Eisenstrang die Stadt im Halbbogen umkreiste , seitdem Telegraphendrähte Nachrichten aus allen Richtungen der Windrose über die Köpfe der guten Weinberger hinübertrugen , war ein gewaltiger Andrang von fremden Zuzüglern entstanden , von unternehmenden Leuten , die ihr Glück versuchen wollten in der im Aufschwunge begriffenen Stadt . Neue Häuser wuchsen wie Pilze aus dem Boden , Regula hatte drei bauen lassen , und im Gemeinderat wurde der Beschluß gefaßt , die Gasse , in der sie sich