die Stunde in der besten Unterhaltung unerwünscht rasch verging ! Es hatte aufgehört zu regnen , aber noch war der Himmel benebelt , und auf die Tannen herab hingen gewaltige Wolken , von denen der Kalendermacher , nach der für heute angegebenen Tageslänge zu urteilen , durchaus keine Ahnung gehabt haben mußte . Schon lange vor sieben Uhr war es fast plötzlich Nacht und so dunkel , daß die Freunde des unglücklichen Jos , sich mehr auf das Gehör als das Gesicht verlassend , den Weg zwischen den rechts und links noch niederplätschernden Dachtraufen suchen mußten . Es war Dorotheen immer noch gewesen , als ob sie in recht kurzweilige Gesellschaft komme , wenn sie zwischen den ihr so wohlbekannten Häusern dahinschritt . Heute aber konnte sie sich keinen frohen , glücklichen Kreis um die wenigen Lichter herum denken , die sie auf ihrer Wanderung erblickte . Da saß wohl das arme Mütterlein mit dem Rosenkranz in der Hand auf der breiten Ofenbank und erwartete , von Zeit zu Zeit nach dem schwarzen Zifferblatte der alten Schwarzwälderuhr blickend , ungeduldig den einzigen Sohn , der noch im Wirtshaus saß und wohl den halben Sommerlohn verjubelte . Dort am Fenster lehnte die arme Therese , die heute hart neben der Zusel auf dem Brückeneingang den Geliebten erwartete , bis dieser mit einer Angeseheneren , Reicheren , ohne sie noch zu beachten , an ihr vorüberschritt . Hier saßen hungrige Kinder mit der traurigen Mutter bei den ersten Erdäpfeln dieses Jahrganges , die gestern so fröhlich heimgebracht wurden . Man dachte , sie gemeinsam zu essen am Kirchweih tag und Gott dafür zu danken . Nun aber fehlte der Vater , und trotz des Hungers wollte es niemand recht schmecken . Dort polterte der biedere Vater und weinte die Mutter über die ungeratene Tochter , welche , wie man von Freunden , Feinden und Nachbarn hören mußte , ein bemittelter Taugenichts den ganzen Abend auf dem Tanzplatze festhielt . Auch Angelika hatte ein mattes Licht im Zimmer . Ihr Kind half ihr auf den Vater , den Andreas , warten , welcher schon früh etwas angetrunken war und mit einer Kellnerin tanzte . Und immer noch tönte es von der Fluh herüber , die Hörner brüllten , die Burschen lärmten immer wilder , und sicher hätte Dorothee sich beinahe zu fürchten angefangen , wenn sie jetzt mit ihren Gedanken allein gewesen wäre . Vor ihr her trug man den Liebling , den einzigen Sohn der armen Stickerin , die wohl jetzt noch ganz arglos daheim saß , ihre Wochenrechnung machte und nebenbei dem lieben Herrgott dankte , daß ihr Jos einen so guten Platz bekam und denselben auch zu behaupten imstande war . Ganz laut , gerade als ob sie das widerliche Echo von der Fluh sich aus dem Gehör bringen wolle , rief sie schmerzlich aus : » O du Welt , du böse , kalte , herzlose , selbstsüchtige Welt ! Du bist ein Wehhaus und ein Tränental , wie es im Kirchengebete heißt . « Wie der vom Sturme vertragene Funken oft in viertelstundenweiter Entfernung als mächtiges , weithin leuchtendes Feuer aufflammt , so spinnt sich dem Aufgeregten , besonders im Dunkel der Nacht , wo Aug ' und Ohr so bald an die wenigen äußeren Eindrücke gewöhnt sind , ein einziger Gedanke auf seinem Wege bis zum anscheinend entferntesten wunderbar und beinahe unbemerkt fort . Mit dem einzigen Worte aus einem wohlbekannten Kirchengebete , dem Salve Regina , kam sie vom Lärm des heutigen Tages hinweg in die Kirche , wo sie schon als frommes Kind dem lieben Gotte und der heiligen Mutter so manches Leiden klagte . Auch jetzt wieder versuchte sie zu beten . Aber es ging ihr wie immer - sie konnte viel besser danken als bitten . Wenn sie recht glücklich war , dann fühlte sie sich dem Allvater am nächsten und wurde demütig ; hatte sie aber Klagen über die Welt , dann fehlte es ihr nicht an Worten , aber die rechte Andacht wollte nicht kommen , und es war , als ob sie sich schäme , mit so etwas vor den lieben Gott zu treten . Auch heute ging es ihr so , und immer wieder fühlte sie sich in ihrer Andacht gestört , obwohl die Vorangehenden noch kaum ein Wort gewechselt hatten . Sie waren alle noch zu erschrocken , als daß ihnen selbst Dorotheens lauter Ausruf über die böse Welt besonders hätte auffallen können . Während Jos dem Heuer und den anderen gegenüberstand , waren sie alle auf dem Tanzsaal gewesen . Erst der auch dorthin dringende Bericht von dem Unglück ihres ehemaligen lustigen Gefährten hatte sie an seine Seite gerufen , und sie gingen um so lieber mit ihm heim , da nun doch die Lust zum Tanzen ihnen allen gänzlich vergangen war . » Weiß die Mutter schon von der traurigen Geschichte ? « fragte einer der Burschen , das bange Schweigen endlich unterbrechend . Diese Frage gab Dorotheen wieder Leben . Sie dachte an den Schrecken der armen Stickerin , wenn nun Jos auf einmal so in ihre Stube gebracht würde . Nein , das durfte nicht geschehen ! Vorher sollte das arme Weib so gut als möglich darauf vorbereitet werden . Dorothee eilte voran und sann , wie sie es nun anzugehen habe . Es waren peinliche Gedanken , mit denen sie sich jetzt beschäftigte , und doch war ihr wohler , als da sie noch müßig klagte und betete und einen Wink des Himmels erwarten zu wollen schien . Ja , seit es wieder etwas zu tun gab , fühlte das Mädchen sich mutig , wie es noch selten nach einem Gebete war , welches nur einem Notschrei glich . Vor dem Häuschen der Schnepfauerin aber wurde ihr wieder himmelangst . Zitternd trat sie in die dürftig erleuchtete Stube , wo die Schnepfauerin fast zu Tode erschrak , als sie den späten Besuch endlich denn doch trotz seiner ungewöhnlichen Blässe erkannte . Dorothee begann