wie Moses sie verachtete . Letzterer kehrte während seiner Studienzeit nicht nach Neustadt zurück ; das Nest mit allen seinen Erinnerungen war ihm zu sehr zuwider . Fest verriegelte er sich in den Ferien in seinen Zimmern und kam beim Wiederbeginn der Vorlesungen jedesmal skeptischer und sarkastischer in betreff dessen , was Alma mater ihren Kindern zu bieten hatte oder bieten wollte , zum Vorschein . So kam endlich für Hans und Moses das letzte Halbjahr ihrer Universitätszeit heran . Um Michaelis sollte Hans in der Heimat das Examen als Kandidat der Gottesgelahrtheit machen , und da er das Seinige getan hatte , so sah er diesem kritischen Moment trotz des Professors Vogelsang und anderer schwer zu befriedigender Gemüter mit ziemlicher Gelassenheit entgegen . Zu Anfang desselben Semesters schrieb Moses eine famose Doktordissertation über die » Materie als Moment des Göttlichen « und verteidigte seine Meinungen darüber , indem er die These ganz allmählich umdrehte und das Göttliche zu einem Moment der Materie machte , vor einer zahlreichen Versammlung in klassischem Latein . Das Schriftstück sowie die Disputation erregten vielen Lärm , und viel Staub wurde durch dieselben aufgewirbelt ; der israelitische Schlaukopf aber grinste nicht wenig durch den Dunst , der von den Häuptern der Pneumatomachoi ( Geisttotschläger ) , wie der Schurke seine ehrwürdigen Lehrer nannte , aufstieg . Als Doctor philosophiae stieg aber auch Moses Freudenstein aus dem Dunst der Aula empor ; sein Ruf war groß in den letzten Tagen seiner studentischen Laufbahn , und soweit er nicht berühmt war , war er berüchtigt ; - von Hans Unwirrsch sprach niemand , und durch seinen Abgang fühlte sich niemand bedrückt und niemand erleichtert . Bis jetzt hatte Moses auf alle Fragen , was er inskünftige mit seinem Leben zu beginnen gedenke , nur durch ausweichende Redensarten geantwortet , oder er hatte auch wohl die fabelhaftesten Pläne mit treuherzigstem Ernst dem guten Hans zur Begutachtung vorgelegt . Nach seiner Promotion erklärte er eines Abends ganz beiläufig : » Ah , ehe ich ' s vergesse , Hans ; übermorgen gehe ich nach Paris : heute nachmittag hab ich den Paß von der französischen Gesandtschaft in * * erhalten . Fall nicht vom Stuhl , mein Junge ! Siehst du irgend etwas außergewöhnlich Interessantes an meiner Nase ? Was starrst du mich so an ? « Hans Unwirrsch machte wirklich ein verwunderungsvolles Gesicht ; wenn der Professor Vogelsang auf seinem Katheder plötzlich das Lied » Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust « angestimmt hätte , würde ihn Hans auf ungefähr gleiche Weise angeblickt haben . Erst als Moses ihm den Paß unter die Nase hielt glaubte er , was er vernommen hatte . » O Moses , Moses , was willst du dort ? « rief er endlich , und Moses antwortete : » Das Schwimmen will ich dort lernen . Wir Deutsche sind seltsame Fische - eine Quabbenart mit ungeheuern Geistesflossen , mit denen sich ein ungeheuerliches Geplätscher machen läßt . Wenn nur nicht die Pfützen , in denen wir unser jämmerliches Dasein hinbringen , so seicht , so eng wären ! Was ist Deutschland anders als ein Strand , von welchem sich die Flut zurückgezogen hat ? Hier ein Sumpf , dort ein Sumpf voll elender Geschöpfe , glotzäugig , quabbelig , dumm und zufrieden mit ihrer jämmerlichen Pfuhlexistenz , trotzdem daß sie alle Augenblicke auf dem Trockenen schnappen . Ich danke dafür ; ich habe die Ahnung des großen Meeres noch nicht verloren und bin so gottverlassen und unpatriotisch , mich danach zu sehnen . Ich will einmal weiteres Wasser für meine Flossen suchen , Hänschen . Was meinst du , wenn du den Ausflug nach Sodom und Gomorra mitmachtest , frommer Hans ? « » Über Sodom und Gomorra steht das Tote Meer « , sagte Hans , der sich allmählich wieder beruhigt hatte und sehr nachdenklich dasaß . » Moses , wenn deine ersten Vergleiche richtig waren , so hast du das durch dein letztes Wort umgestoßen . « » Bravo ! « lachte Moses . » Sei nur ruhig , du sanftes theologisches Gemüt , ich will dich deinem behaglichen Sumpf nicht entreißen ; aber jetzt komme mit mir , wir wollen auf den Schreck eine Flasche Wein trinken - ich stehe sie . « Moses Freudenstein » stand « wirklich die Flasche Wein , und dies Faktum wäre vielleicht für mehr als einen von denen , welche die Ehre seiner Bekanntschaft genossen , das sicherste Zeichen davon gewesen , daß er ein außergewöhnliches Vorhaben in seinem Busen bewege . Am bezeichneten Tage stieg er wirklich in den Postwagen und fuhr ab gen Westen , und sehr bewegt blieb Hans auf den Stufen der Tür des Posthauses zurück . Er konnte es törichterweise noch immer nicht fassen , daß die beiden Wege , welche so lange nebeneinander hergelaufen waren , sich jetzt , vielleicht für alle Zeit , getrennt hatten . Es war ihm wie ein Traum , in welchem selbst das Natürliche , ganz Gewöhnliche in unbegreiflichen , seltsamen , verwirrenden Farben spielt . Eine große Lücke war in Hans Unwirrschs Leben entstanden , und schwer , schwer vermißte er trotz allen seinen unliebsenswürdigen Eigenschaften diesen » Freund « , welcher die Existenz des Jugendgenossen wahrscheinlich noch vor dem ersten Pferdewechsel vergessen hatte . Er zog sich noch mehr als sonst aus dem Leben zurück und verbrachte seine Tage in angestrengter Arbeit ; er verfiel in einen trüben , ungesunden Zustand , aus welchem er erst gegen Ende des Semesters durch einen Brief gerissen wurde , der ihm zeigte , daß in seinem Dasein noch größere Lücken entstehen könnten . Dieser Brief kam vom Oheim Grünebaum , und Hans fand ihn , an einem grauen Abend von einem langen Spaziergang heimkehrend , auf seinem Tisch . Wenn der Oheim Nikolaus Grünebaum schrieb , so schrieb er wenig anders , als er sprach . Der Brief lautete folgendermaßen : » Liebwertester Nevö ! Teuerster Bruder Studio ! Wenn Du , wie nicht