Weib , wie es Oswald an jenem Sommernachmittage im Walde von Berkow gesehen hatte . War es nur der Einfluß des Wetters , oder war es Krankheit und Kummer - aber in ihren Zügen war wenig mehr von der stolzen Energie , die sie früher so auszeichnete , zu erblicken . Ihre Stirn war von schmalen Falten durchfurcht ; ihre Augen waren tiefer in den Kopf gesunken und leuchteten nicht mehr in dem alten Glanz , wie sie jetzt , als ihr scharfes Ohr das Geräusch eines Wagens vernahm , der von Fichtenau heraufkam , den Blick nach jener Gegend richtete . Sie sind es nicht ; murmelte sie , den Kopf wieder sinken lassend . Nach einigen Minuten tauchte eine wohlverschlossene , von zwei Pferden gezogene Reiseschaise aus dem Nebel auf . Vorn auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein alter Mann mit einem langen , eisgrauen Schnurrbart . Er wandte sich oft halb um , einen Blick in das Innere des Wagens zu werfen und die Insassen - eine Dame und einen Knaben - ehrerbietig freundlich anzulächeln . So hatte er auch die Zigeunerin nicht bemerkt , die , eine vornehme Dame im Wagen erblickend , eine Gabe zu heischen , herantrat . Wie erstaunt war er deshalb , als er sah , daß die Dame ihm plötzlich , mit allen Zeichen äußerster Bestürzung , zurief , halten zu lassen , und noch ehe der Wagen hielt , auf der Landstraße stand . Isabel , sind Sie es ! und die Czika ! Gott , welches Glück ! rief Melitta , die Zigeunerin bei den Händen ergreifend ; Nun lasse ich Euch nicht wieder fort ! Gott , welches Glück ! welches Glück ! und die junge Frau umarmte mit Thränen in den Augen das Zigeunerweib . Die aber machte sich fast gewaltsam los und trat einen Schritt zurück , die Arme über der Brust kreuzend und Melitta mit einem argwöhnischen , beinahe feindlichen Blick ansehend . Kennst Du mich nicht mehr , Isabel ? sagte Melitta ; ich bin es ja ! Denkst Du nicht mehr an die Tage in Berkow vor fünf Jahren ? das ist mein Julius ! Und wie groß und schön die Czika geworden ist ! Melitta eilte auf Czika zu , schloß das Kind in ihre Arme und herzte und küßte es . Julius war aus dem Wagen gesprungen , der alte Baumann vom Bock herabgeklettert . Sie sprachen zu Xenobi , die ihrer nicht achtete , sondern mit angstvollen Augen auf Melitta blickte , die jetzt , Czika an der Hand , wieder auf sie zutrat . Isabel ! sagte Melitta , Du mußt , Du mußt mir die Kleine geben . Ich darf , ich kann nicht ohne sie weiter reisen . Warum willst Du uns nicht lassen , wie wir sind ; sagte die Zigeunerin . Du bist eine Edeldame , Du taugst für das Haus ; die Zigeunerin gehört in den Wald . Du stirbst im Wald ; die Zigeunerin stirbt im Haus . Ich kann nicht mit Dir gehen . So gieb mir die Czika . Willst Du mir Deinen Knaben geben ? Melitta wußte nicht , was sie darauf erwidern sollte . Sie fühlte zu tief , daß die Zigeunerin nicht anders handeln könne , daß sie an der Stelle der Zigeunerin ebenso handeln würde . Und doch ! die Beiden wieder ziehen lassen in die weite Welt ? Oldenburg ' s Töchterchen , nach dem er sich so sehnte , das er noch immer suchte , wieder verschwinden zu sehen , nachdem ein Zufall , wie er vielleicht nie im Leben wieder eintrat , es ihr in den Weg geführt - sie konnte den Gedanken nicht ertragen und brach , wie ein Kind , das sich hülflos und rathlos sieht , in Thränen aus . Die Zigeunerin schien gerührt . Sie nahm und küßte Melitta ' s Hand . Du bist sehr gut ! sagte sie ; ich weiß es . Ich würde Dir die Czika lieber geben , als jedem Andern . Sie stand nachdenklich da ; plötzlich ergriff sie Melitta wieder bei der Hand und führte sie etwas an die Seite . Weißt Du , sprach sie , wer der Czika Vater ist ? Ja . Und thust Du , was Du thust , des Vaters halber , oder des Kindes ? Melitta ' s Wangen färbten sich . Um Beider willen , antwortete sie nach einigem Zögern . Wohin gehst Du jetzt ? Nach Hause , nach Berkow . Und bleibst dort ? Ja , diesen Winter wenigstens . So höre mich . Ich schwöre Dir bei dem großen Geist , ich will Dir die Czika bringen , sobald ich verspüre , daß ich versammelt werden soll zu meinen Vätern . Das ist vielleicht sehr bald . Mehr kann ich nicht , mehr darf ich nicht versprechen . Melitta fühlte , daß sie sich mit diesem Versprechen begnügen müsse . Sie kannte den Charakter der braunen Gräfin zu gut , um nicht zu wissen , daß , wenn sie einmal einen Entschluß gefaßt hatte , alle Bitten , alle Vorstellungen vergeblich seien . So stieg sie denn , nachdem sie Xenobi und das Kind noch einmal umarmt , traurig in den Wagen , der sich dann alsbald wieder in Bewegung setzte . Das Rollen der Räder und der Hufschlag der Pferde waren verhallt . Wieder saßen die Zigeuner am Rande des Weges . Da kam abermals ein Fuhrwerk von Fichtenau herauf . Man hörte schon von weitem das Hot ! und Hü ! des Fuhrmanns und das Klirren der Ketten , mit denen die Pferde angeschirrt waren . Wenige Minuten später tauchte der Wagen aus dem Nebel auf . Es war ein riesiger Kasten - ein ganzes Haus auf vier Rädern , bis unter das Dach und noch hoch oben über dem Dach mit Kasten und Kisten , Pauken und Trompeten , Coulissen , Stangen und Leitern , Küchen- und Seiltänzer-Geräthschaften