erlebt : es mischte sich in dieses Gefühl , das ihn bis in seine innersten Tiefen erschütterte , keine unreine Empfindung , kein sinnliches Verlangen . Wie geläutert durch diesen Kuß , aber vor unsagbarer Wonne erbebend , blickte er empor . Eine edle Freude lag in seinen Zügen , denn ihm war , als sei er selbst wieder zum reinen Jünglinge geworden . Und Lydia ? - Als sie seinen heißen Athem auf ihrem Busen fühlte , durchrieselte ein Fieberfrost ihren ganzen Körper . Sie war sich keines bestimmten Gefühls bewußt , sie fühlte auch seinen Kuß nicht mehr - nur eine Empfindung hatte sie , die eines anhaltenden , ihr ganzes Wesen erschütternden Schauers . Als er aufblickte , lag noch immer die Hand vor ihren Augen und zwischen den Fingern hindurch tropften einige brennende Thränen . Als er mit sanfter Gewalt ihre Hand von dem Gesichte herabzog , erschrak er über ihre Blässe . Mit einem halblauten Schrei sank sie an seine Brust . » Was ist Dir , Lydia ? « - fragte er weich . - » Jetzt bin ich Dein « - antwortete sie endlich , unter Thränen zu ihm aufblickend . » Keine Macht der Erde , keine Gewalt des Himmels kann mich von Dir reißen , Richard ! - O Richard , sag ' mir , welche geheime Macht in Dir ist , die mich so Dir zu eigen machen kann ? Geliebter , weißt Du , welchen Wunsch ich in diesem Augenblick habe ? « » Nun ? « - fragte er , ihre Locken aus dem Gesicht streichend , erwartungsvoll . Wieder that der Zweifel einen Griff nach seiner Brust . » Mit Dir , an Deiner Brust zu sterben « - sagte sie leise , indem sie schwärmerisch lächelnd zu ihm aufblickte . » Und weißt Du « - sagte er athemschöpfend - » welchen Wunsch ich habe ? « » Vielleicht denselben ? « - » Im Gegentheil : Mit Dir , an Deiner Brust zu leben « - erwiederte er , sie küssend . - » Jetzt aber « - setzte er schnell hinzu , als sie lächelnd die Augen niederschlug , als fürchte er in dem Kampfe , in dem er diesmal glücklich Sieger geblieben war , zu erliegen : » Jetzt wollen wir uns trennen . Vorher aber muß ich doch die Ordnung , die ich selber gestört , wieder herstellen . « Er versuchte , das Nachtkleid wieder mit der Nadel zusammenzustecken . » O - Du stichst mich ja , Unartiger « - rief sie , ihm auf den Finger klopfend . » Siehst Du , wie es blutet ? « Sie öffnete jetzt selber mit rührender Unbefangenheit das Kleid . In der That quoll an der Stelle , worauf sein Mund so lange geruht , ein Purpurtropfen . » Laß ihn mich aufküssen « - bat er . Sie erlaubte es lächelnd , indem sie sein Haupt umschlang und einen Kuß darauf drückte . » Gute Nacht , Geliebter « - sagte sie endlich , ihn fortdrängend . Noch einen Blick warf er auf sie . Dann entfernte er sich schnell und eilte nach seinem Zimmer . Zehntes Kapitel Je tiefer das Gefühl durch eine Idee bewegt wird , desto energischer ist natürlich auch der Enthusiasmus , desto lebendiger das Interesse für dieselbe , aber auch desto leichter die Gefahr der Einseitigkeit im Urtheil über dieselbe . Denn Unpartheilichkeit im Urtheil ist selten ein Beweis von Energie und Interesse , wogegen Einseitigkeit häufig das Merkmal eines energischen , kraftvollen Charakters ist , und nur ein angeborener Takt des Gefühls kann einen solchen vor dem Extrem darin bewahren . Kälte und Klarheit des Urtheils stehen sehr häufig in Wechselbeziehung , daher gehört ein gewisser Fond von Egoismus dazu , alle Gegenstände , selbst diejenigen , welche uns selbst alteriren könnten , in der gehörigen Entfernung und Sehweite festzuhalten , damit sie nicht verhältnißmäßig zu große Dimensionen annehmen . Landsfeld war Egoist , aber sein Egoismus war von der Art , daß er den Enthusiasmus für die Idee nicht nur nicht schwächte , sondern daß er mit ihm völlig zusammenfloß . Alle Siegeszeichen , die er in dem Kampfe für die Idee erworben , hing er in dem Tempel auf , in welchem sein eigenes Ich als Gott thronte . Seine Schwärmerei für Lydia - denn es war noch bloße Schwärmerei , was ihn zu ihr hinzog , noch keine Liebe - hatte indessen seit jener ersten Nacht nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen , daß er selbst fühlte , wie das Verhältniß , in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt hatte , auf dem Punkte stand , sich umzukehren , so daß nämlich in Kurzem er nicht mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefühl , sondern vielmehr dieses der Idee zum Opfer darbringen werde : kurz er war auf dem besten Wege , dem Glauben , dem Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu öffnen . Von Tage zu Tage wurde sein Benehmen gegen Lydia aufrichtiger , herzlicher und wärmer , obschon er es vermied , Scenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizuführen . Ja , er ertappte sich jetzt auf dem Gefühl eines leisen Vorwurfs , wenn er , seinem Plane gemäß , zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zügen ruhen ließ , um nach irgend einer Nahrung für seine Zweifelsucht zu spähen . Lydia hing mit einer wahrhaft überirdischen Liebe an ihrem Gemahl . Die völlig inmaterielle Liebe , welche das Wesen dieses unnatürlichen Verhältnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte , übte indeß einen Einfluß auf ihr Gemüth aus , der demjenigen auf Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt war . Während der Letztere durch Beschränkung seines Egoismus , welche eine natürliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war , zur Ruhe , zur Einheit mit sich selbst und zur Versöhnung mit der Welt zurückgebracht wurde , versetzte der feine Aether jener platonischen Seelengemeinschaft Lydia in