darbieten darf . « Sie sprachen viel miteinander , wie alte Freundinnen , und das erleichterte Cunigundens zusammengepreßtes Herz wenigstens von der beschämenden Qual , mit ihren tiefsten , heiligsten Empfindungen als eine beklagenswerthe Kranke dazustehn . Sie blieb den ganzen Tag bei Faustinen . Sie sang ihr vor - und nicht mit der kalten , seelenlosen Stimme , wie sie einst in Mengens Gegenwart auf Felderns Wunsch gesungen , sondern wie man eben singt , wenn das Herz überfließt . Faustine hörte ihr mit wahrer Andacht zu , denn sie war immer andächtig , sobald sie einen Herzschlag vernahm , und sann nach , ob sie nichts für Cunigunde thun könne , ihr einen Zufluchtsort schaffen , ihr Mittel zu einer selbständigen Existenz an die Hand geben ; und dazwischen fiel ihr ein , ob Andlau nicht unzufrieden sein würde über ihre Einmischung in so zarte Verhältnisse , und ob sie kein Unrecht gegen Feldern beginge , der ihre Vermittelung zur Vereinigung , nicht zur Trennung gesucht . Sie hatte ihn zwar gleich auf ihre Handlungsweise vorbereitet - - da kam Feldern . » Ich werde ihm gleich reinen Wein einschenken , « sagte sich Faustine heimlich . So wie er gemeldet war , veränderte Cunigunde sich augenscheinlich , wurde gezwungen , scheu und befangen . Sie verließ das Piano , die Kehle hatte keinen Ton , die Brust keinen Athem mehr , und als er eben in den Salon getreten war , sagte sie ängstlich : » Ich begreife nicht , warum mein Vater nicht kommt mich abzuholen ; es muß schon recht spät sein . « Zum Glück langte Herr von Stein bald darauf an , und hätte er auch recht gern Faustinens Einladung , den Abend bei ihr zuzubringen , angenommen , so kam ihm doch Cunigunde ablehnend zuvor . Sie bat Faustine um Erlaubniß , sie in ihren einsamen Stunden einmal wieder besuchen zu dürfen , erhielt sie gern , und schied dankbar . » Wie finden Sie Cunigunde , gnädige Gräfin ? « fragte Feldern erwartungsvoll . » Eben so schön als liebenswürdig - und verständig . « » Und verständig ? - dann hat sie nicht ehrlich zu Ihnen gesprochen . « » Sie hat ! warum sollte sie nicht ? « » Weil sie sich ihrer Thorheit schämt . « » Feldern ! « rief Faustine heftig , » die Thorheit dieses Mädchens ist tiefsinnige Weisheit . « » Hüten Sie sich , in der nebulösen Schwärmerei , in der vagen Exaltation wahren und kräftigen Schwung des Gefühls wahrnehmen zu wollen . « » Cunigunde ist ruhig und klar in sich , so weit es ein zwanzigjähriges Mädchen sein kann : sie will nicht einen Mann heirathen , den sie nicht liebt , und das nenne ich vernünftig . « » Aber während vier langer Jahre hat sie ihn heirathen wollen . « » Sagen Sie lieber , daß während dieser Jahre die Einsicht ihres Irrthums sich in ihr entwickelt hat . « » Wie oft soll es den Frauen erlaubt sein , solchen Irrthum zu begehen ? « fragte Feldern gereizt und bitter . » Erlaubt - nie ; zu vergeben - immer ; « sprach sie sehr sanft . Feldern schwieg eine Weile ; dann fragte er wieder : » Und was wird das Schicksal Cunigundens sein , wenn sie bei ihrem Willen beharrt ? Wird sie einen Mann finden , der ihren exaltirten Ansprüchen genügt ? wird sie ihr herrliches Wesen an einen Unwürdigen verschleudern ? « » Cunigunde sieht so ernst und fest aus , als brauche sie nicht die Stütze , welche ein Mann geben kann , um ihren Weg durch das Leben zu machen . Gewiß ist ' s , daß sie keine solche wünscht , da ist die Gefahr nicht groß , an einen Unwürdigen zu gerathen . « So begann Feldern allmälig die Möglichkeit einer Trennung zu fassen , und er war mit Faustine in ernste Ueberlegung dieses wichtigen Gegenstandes vertieft , als Clemens höchst unwillkommen Beide störte . Eintretend warf Clemens einen zornfunkelnden Blick auf Feldern und einen vorwurfsvollen auf Faustine , zog einen Lehnstuhl , setzte sich bequem zurecht und fragte hämisch : » Störe ich etwa ? « » Ja , « sagte Faustine sehr unmuthig . » Behüte der Himmel ! « rief der rücksichtvolle Feldern , » dies Gespräch kann ja in jeder Minute unterbrochen und wieder angeknüpft werden . « » Das ist schön ! « sagte Clemens . » Ich war heute zweimal vergeblich vor Ihrer Thür , Gräfin Faustine , Mittags um zwölf , Nachmittags um vier Uhr : beide Mal sagte mir der Diener , Sie wären nicht zu Hause . Jetzt ging ich wieder vorbei , und da ich Licht in Ihrem Salon sah , kam ich herauf , in der festen Ueberzeugung , dieselbe Antwort zu bekommen « - » Aber Sie täuschten sich , wie Ihnen das schon Millionen Mal passirt ist « , sagte Faustine kaltblütig , ohne seine Impertinenz zu beachten , für welche Feldern ihn sprachlos mit strafenden Augen ansah . Dann wendete sie ihm den Rücken und unterhielt sich mit Feldern über Vorfälle in der Gesellschaft und Erscheinungen in der Kunst und Literatur . Eine momentane Pause benutzte Clemens , um im veränderten , demüthigen Ton die Frage zu thun : » Sie waren doch nicht etwa krank heute , Gräfin Faustine ? « » Nein , ich war sehr wohl , « antwortete sie kühl und kehrte sich wieder zu Feldern mit einer gleichgültigen Bemerkung über die bodenlose Gesprächigkeit irgend einer Dame . » Es thut mir immer leid um all ' die schönen Worte , die sie so kreuz und quer und mit vollen Händen ausstreut . Man kann viel durch ein Wort ausrichten , wenn man nur nicht sich und andre daran gewöhnt hat , daß man die Worte mißbraucht . In ihrer Zusammenstellung kann eben sowol als in ihrer Betonung eine deutliche Nüancirung veränderter