von denen er wußte , daß er sie allein , und ohne Gesellschaft finden würde . Mit der Mutter unterhielt er sich am liebsten , deren Geist und Verstand er verehrte ; vor der Tochter , sosehr ihm ihre Schönheit auffiel , sosehr er sich über ihre scharfen Urteile verwunderte , schien er doch eine Art von Furcht zu fühlen , wie vor einem ihm ganz fremden Wesen . Lieber war ihm der schwache , unbedeutende Flaminio , den er gern zuweilen belehrte und ihn freundschaftlich auf dieses und jenes aufmerksam machte , was der leichtsinnige Jüngling noch niemals beachtet hatte . Geflissentlich vermied er dagegen , wo er nur konnte , den ungestümen Marcello . Er hatte selbst den Dank des jungen Mannes für die Lebensrettung nicht annehmen wollen , weil er sich dieser seiner Wohltat schämte . Er wollte sich überhaupt an diesen Punkt niemals erinnern lassen , weil diese Landplage der Banditen , sooft er nur von ihr hören mußte , ihn in Zorn versetzte , und leider wurde jedermann in Rom nur allzuoft , ja stündlich , durch Furcht , Missetat und erschreckende Nachrichten aus den Provinzen und Gebirgen an diese Pest des Staates gemahnt . - Marcello fühlte wohl , wie widerwärtig seine Gegenwart dem verehrten Alten war , er verließ daher in der Regel das Zimmer , sowie Montalto eintrat . - Welche Freude , sagte die Mutter in manchen Stunden zu sich selber , habe ich denn eigentlich nun an meinen Kindern , oder jemals an ihnen gehabt ? Wie war es nur möglich , daß Marcello mit diesen Gesinnungen an meiner Seite aufwachsen konnte ? Ihm vertraut keiner ; welche Stelle wird er in der Gesellschaft einnehmen können ? Sooft ich Vittoria betrachte , fließt ein leiser Schauer durch meine Nerven , wenn ich mich ihrer leidenschaftlichen Reden und Gedanken erinnere . Und warum will dieser Flaminio so gar nicht zum Manne werden ? Er ist gut , ja , weil gar keine Kraft in ihm ist , böse zu sein ! Und der Älteste ? Was ist es mit ihm , daß er so gar keiner Liebe fähig zu sein scheint ! Er hat es ganz vergessen , wie ich für ihn gesorgt , was er mir zu verdanken hat . - So quälte sie sich und machte sich Vorwürfe , da sie gegen eines ihrer Kinder zu strenge , gegen ein andres zu schwach und nachgiebig gewesen sei , daß sie durch ihre freie Gesinnung , die sie selbst immer geäußert , sie vielleicht unfähig gemacht habe , sich dem bürgerlichen , gewöhnlichen Leben zu fügen . Der alte mürrische Sperone hatte vor seiner Abreise auch noch einigemal die Familie besucht , sich aber in ihrer Umgebung nicht allzusehr gefallen , weil man ihm nicht unbedingt in allen Behauptungen recht geben wollte . Er äußerte zu seinen Freunden : » Diese Vittoria erinnert mich an jene ehemals berühmte Tullia Aragona , die ich in meiner Jugend wohl einigemal gesehn habe : nur erscheint mir diese neue anmaßliche Muse viel schöner , und ihr Ausdruck ist ein tragischer , als wenn ihr Schicksal nicht so gleichgültig und mittelmäßig , wie jener Tullia , ausgehen könnte . Bei solchen Gesichtern fällt dem gereiften Manne , der von den Reizen nicht mehr bestochen wird , vieles ein : sie kommen mir vor , wie jene Bildchen und großartigen Physiognomien , mit denen oft gute Künstler unsre Dichter in Andeutungen und Allegorien haben ausschmücken wollen : sind diese kleinen Werke in ihren Verbindungen und Gruppen auf dem Titel , oder den Blättern selbst anziehend , und gut geraten , so lieset man in ihnen selbst wieder ahnend ein Gedicht . « Caporale , sooft er sich in Rom aufhielt , besuchte das Haus sehr fleißig . Er war allen Mitgliedern der Familie notwendig geworden , denn jedes fand in ihm das Vertrauen belohnt und erwidert , indem er allen auf fast gleiche Weise mit unparteiischer Liebe zugetan war , wenn er auch Vittoria so auszeichnete , daß seine Freundschaft an unbedingte Verehrung grenzte . Über ihr eheliches Verhältnis sprach er niemals zu ihr , weil er es wohl gefühlt , wie sie es vermied , auch nur das kleinste Wort über diesen Gegenstand fallenzulassen . Er zwang sich , gegen den jungen Gemahl freundlich zu sein und ihn zuweilen mit einer gewissen Ehrerbietung zu behandeln : doch erschien es ihm in vielen Augenblicken als eine komische Begebenheit , daß dieser unreife Jüngling in einem Hause , in welchem Kunst , Poesie und Gelehrsamkeit herrschten , durch welche die beiden weiblichen Wesen allen Männern interessant waren , als Oberhaupt der Familie sich ziemlich unwissend zeigte , und es gern , wenn er konnte , vermied , an den literarischen Gesprächen oder poetischen Übungen teilzunehmen . Zwar war es nicht zu verkennen , daß der junge Mann sich eifrig bestrebte , nach allen Richtungen hin seine Kenntnisse auszubreiten , allein die Grundlage seiner Bildung war zu schmal , und es fehlte ihm ganz an jenem Enthusiasmus , der auf seinem kürzeren Wege den Geist mit Schätzen bereichert , und selbst ein weniges zu vielem machen kann . Als Caporale an einem Abend das Haus verließ , kehrte er in der Tür des Zimmers noch einmal um , und wendete sich zu Mutter und Tochter : » Ich muß euch , werte Freunde , doch noch ein kleines Abenteuer erzählen , welches mir vor wenigen Tagen begegnet ist . Ihr wisset schon , wie gern ich im Lande umherstreifte , am liebsten allein , wo die Straßen nur irgend sicher sind . So war ich nach Albano hin geraten , ganz meiner Laune und den Gedanken der Einsamkeit ergeben , indem ich in einem kleinen Hause vor der Stadt mein Quartier genommen hatte . Bei meinem Umherstreifen , auch im Hause selbst hatte ich zuweilen einen großen , starken Mann , von herrischem Aussehen , wahrgenommen , der mir durch sein Wesen , Miene , Anstand und