Endlich , nachdem ich viele Stunden gegangen , sank ich mit völlig aufgelösten Gliedern vor der Schwelle einer Bauerhütte zusammen . Ich konnte nicht weiter , mein Athem ging mir aus in der Brust . Es war noch Licht in der Hütte , und auf mein Seufzen kam die alte Bauerfrau heraus . Sie legte mich in ein großes hohes Bette , in dem mich bis gegen Morgen ein fast todähnlicher Schlaf umfing . Aber ich fühlte mich unbeschreiblich danach erquickt , und meine gesunde tüchtige Natur erwies sich hier in den entscheidendsten Augenblicken von einer siegenden Stärke . Von der Bauerfrau erfuhr ich , daß ich mich hier nur noch eine halbe Stunde von Pirna entfernt befinde . Ich hielt es selbst kaum für glaublich , daß mich in der vorigen Nacht mein fliehender Fuß so weit getragen hatte . Der Frau erzählte ich eine Geschichte , die sie glaubte . Ihr Mann fuhr diesen Morgen nach Tetschen , und nahm mich auf seinem Wagen mit . So gelangte ich wieder nach Böhmen . Von Tetschen ging ich zu Fuß über grüne Feldwege langsam in mein Dorf zurück . Jauchzende Thränen , möcht ' ich fast sagen , entstürzten mir , als ich unser kleines Haus wieder erkannte . Den Vater fand ich sehr krank und alt . Er konnte sich gar nicht auf mich besinnen . Und noch heut ist es kaum , als sähe er in mir eine Tochter . - Doch ich will jetzt jedes weitere Ausmalen unterlassen . Es fehlt mir auch von nun an aller Muth der Farben dazu . Diese Blätter zu schreiben , hat mir ohnehin schon viele Mühe und viele Ueberwindung gekostet , und dann muß ich doch am Ende mit Wehmuth sehen , daß sie eigentlich gar kein Resultat liefern . Mich hat Gott als eine der unverwüstlichen Naturen geschaffen , die ihre Hoffnungen auf das Leben nie aufgeben können , selbst nach der Strandung aller ihrer Güter nicht . Und so sitze ich jetzt hier in einer gänzlich verlorenen und vereinsamten Existenz auf meinem Dorfe , und pflege meinen armen kranken Vater mit so viel Liebe , als ich kann und als er versteht . Schon mehreremal hat die Schwalbe neue Frühlinge gebracht , und im Herbst hat der Kranich meine Wünsche mitgenommen in ferne Länder . Bald lache , bald weine , bald spotte ich , und kann den Sonnenschein nicht fahren lassen aus meinen Gedanken . Ich kann mich an kein unbesonntes Dasein gewöhnen . Darum hoffe ich und hoffe , ich hoffe mit einer wahren Leidenschaft . Denn alle die Seiten , die mein bisheriges Schicksal in mir anrührte , sind noch ungelöst geblieben in meiner jungen Brust . Noch immer falte ich die Kinderhände zu Gott , als müßte ich ihn um das Leben bitten . Und wenn ich an Mellenbergs abgeschiedene Gestalt denke , schlagen ernstredende Stimmen in mir empor , die von unverstandener Liebe und von unverstandener Religion sprechen . Er hatte meine Liebe nicht verstanden , und ich seine Religion nicht . Zuweilen kommt mir dann auch ins Gedächtniß zurück , wie er mir damals den protestantischen Glauben zu erklären unternahm , und es ist mir dann , als warte diese Klarheit , zugleich mit einem zukünftigen Glück , noch in schöner Ferne auf mich . Unverstandene Liebe . Unverstandene Religion . Ist das nicht unendlich viel , was noch gelöst werden muß ? Darum hoffe ich . Ich hoffe , ich hoffe ! O Gott ! O Leben ! - - An meine Heilige . II. Prag . Katholizismus , Legitimität , Wiedereinsetzung des Fleisches . - Unter allen Städten , die ich geschaut , gefällt mir , Libussa , Deine Stadt ! Sie gefällt mir , denn sie ist nicht von Menschenhänden gemacht . Sie ist ein Kind der Geschichte . Hier ist lauter Architektur der Geschichte , wohin das ehrfurchtergriffene Auge auch blickt , und bei jedem Schritt , der mich durch die ernste Erhabenheit dieser Straßen und Häuserreihen weiter führt , überrascht mich die Geschichte Böhmens mit großen Erinnerungen . Fast in der Mitte ihres Landes gelegen , steht diese Hauptstadt wie ein Product der Geschichte ihres Volkes da , und einzelne Ereignisse und ganze Perioden der Nation haben sich an diesem und jenem Stadttheil angebaut und festgesiedelt in Stein und Mauer , in Erz und Eisen . Kein Kunstmuseum der Vergangenheit , wie Rom , neigt Prag das ruhig stolze Haupt aller Orten nur über ächt nationales Leben seiner alten Zeit hin , und weist mit einem stumm melancholischen Zug auf die einstige Größe einer mächtig strebenden Bevölkerung zurück . Welch ' eine Reihe von hochgebauten Häusern , großartigen Palästen , unzähligen Thürmen und Kirchen , volkbelebten Gassen und Straßen ! Welche Märkte und Plätze , mit hohen Bogengängen , kunstgeformten steinernen Brunnen , glänzenden Gewölben und Läden ! Und dabei nicht , wie in Berlin und München , den Maurermeister oder Baumeister zu kennen , der dies und jenes Haus gemacht und gezimmert hat , sondern in dem erhebenden Gedanken hinzuschreiten , daß hier die historische Entfaltung eines gesammten Volkes thätig gewesen ist , um ein Ganzes , eine Stadt , eine Stadt im wahrsten und höchsten Sinne des Wortes , hervorzubringen , entstehen zu lassen ! Denn eine Stadt ist und muß noch etwas ganz Anderes sein , als bloß eine geordnete Masse von Häusern . Und doch , bei allem diesem reichen Leben der Stadt , bei allen diesen genußlustigen Gesichtern der Menschen , welche heimliche Trauer weht mich an aus den Straßen von Prag ! Ich weiß nicht , bin ich es , der melancholisch ist , oder ist es Prag ? Sind es die dunkeln Geister der Vorzeit , welche mit bangem Schritt durch die Gasse wandeln ? Sitzt der faule Wenzel noch auf dem Thron , und verbreitet um sich her bleiche Schrecken ? Brennen die Hussiten wieder eine katholische Kirche nieder , haben sich neue Kämpfe um Glauben , Recht