shaar mit einem Schnitte verschändet . Deßhalb erfreut sich auch unser allergnädigster Kaiser einer werdenden Glatze , und sein Leibscherer hat bereits , wie man vernimmt , alle Mühe , den Übelstand durch künstliche Verflechtung des Haupthaars zu verbergen . - « Dagobert schwieg , lächelte aber im Stillen , über den leidenschaftlichen Spott , der , - im Übrigen dem biedern Gemüthe des Habsburgers gänzlich fremd - beständig vorleuchtete , sprach er von Sigismund . Der Herzog fuhr indessen schmunzelnd fort : » Der gnädigste Herr wird , wie es verlautet hat , heute oder morgen zu Costnitz einreiten . Ein kluger Gedanke ! Die Weihnachtsfeier wird uns demnach den Heiland der Christenheit bringen . Die friedenstiftende Majestät wird ihren Einzug halten , da man in den Kirchen singt : In dulci jubilo ! - Es thut mir leid , « setzte er rasch abbrechend hinzu , » daß ich zum Empfang des Herrn , Satteldecke und Steigbügel putzen muß , sonst fände ich wohl noch Gelegenheit , mich länger mit Euch zu unterhalten , guter Dagobert ! « - Der Letztere verstand diese schon manchmal vorgekommene Beurlaubung , die immer auf die steigende Galle des Herzogs deutete , und entfernte sich alsobald . - Da er jedoch heraustrat auf die winterlich beschneite Gasse , über die der dunkelblaue Himmel so eben seine ersten Sterne heraushing ; da er über den Markt schritt , wo in Hütten von Holz und Segeltuch allerlei Spielwerk und Leckerzeug feilgestellt wurde , zur Freude der Kinder , die am heiligen Abend damit beschenkt werden sollten , einer heitern Sitte gemäß ; - da wich in ihm die Erinnerung an des Herzogs Worte dem mächtigern Gedächtniß der fernen Heimath und der entschwundnen Jugendjahre . Denn sie war wirklich unvermerkt herangekommen , die fröhliche Weihnachtszeit , der lichte Stern an trübem winterlichen Himmelszelt , das gemüthliche Fest ; Eines von denen , die die heitre Kette schlingen um Haus- und Kirchenaltar , das bürgerliche Leben mit dem Glauben an ein Göttliches , an ein Jenseitiges verbinden . - Eine freundliche Wehmuth , die man gern und gastlich in den Busen aufnimmt , weil ihre Pein lebensstärkenden Balsam bereitet , bemeisterte sich der Brust Dagobert ' s , und was alle Ermahnungen seines geistlichen Schirmvogts nicht vermocht hätten , brachte sie zu Wege . Der junge Mann schloß sich ein in sein Gemach , fern vom Geräusch der Welt , und saugte an den Blumen der Erinnerung . Sein redlich Herz drängte ihn , diese goldne Zeit seiner Knabenfreuden zu feiern , wie es einem wackern Jüngling zustehe . Wie beklagte er es , daß ihm die Mittel nicht beschieden waren , das Glück eines Menschen zu gründen . Wie bedauerte er , daß er keinen Todfeind wußte , den er hätte versöhnt in die Arme schließen können ! - Da fiel ihm plötzlich seine Schwester Wallrade ein , gegen die der beinahe vergeßne Groll wieder neu in seinem Herzen aufgeflackert war . - Ja , rief er nach kurzem Bedenken : Ich will ihr die Hand zur Eintracht bieten , und das feindliche Verhältniß in ein freundliches umgestalten , und also den Christtag würdig begehen . Dazu helfe mir Gott und Esther ' s Gedächtniß ; das Andenken des lieben , aber unglücklichen Mägdleins , der die Segnungen unsers Glaubens und seine erhebenden Feste unbekannt sind ! - In seinem Stüblein brachte er die Stunde zu , bis der Weihnachtabend sich still und kalt herniedergesenkt hatte über Stadt und See . Nun litt es ihn nicht mehr im engen Hause . - Das Geräusch des kaiserlichen Einzugs der am Tage Statt gefunden hatte , war nicht vermögend gewesen , ihn seiner Einsamkeit zu entreißen . Der kalten Nacht gelang es , und verhüllt , wie ein Geist , schritt er nach dem Mauerdamm , an dessen Grundfeste die Wellen des Bodensees brausend anschlugen , des Frostes spottend , der bisher fruchtlos versucht hatte , ihnen Eisfesseln anzulegen . Des Jünglings heitrer Blick schweifte über das dunkle deutsche Meer nach den Gebirgen des Appenzells , die in ihren Schneegewändern wie riesige am Himmel gelagerte Geister und Weltwächter herabsahen auf die stolze Bischofsstadt . Alle Glocken des Thurgaus , des Gallenstifts und der schwäbischen Ufer sangen ihr feierliches Lied über des See ' s Spiegelfläche , auf welcher das wandelnde Mondbild dahin glitt , wie eine Silberscheibe auf ebener Eisbahn . » Gelobt seyst Du , Nacht des Heils ; « sprach Dagobert mit demjenigen erhebenden Gefühl , das das einfachste Menschenwort zum Gebete stempelt : » Vor länger denn tausend Jahren brachtest Du uns den Glauben , schöner und sanfter als der Mondstrahl , der Dich heute erhellt . Aber noch jetzt , so oft Du wiederkehrst , senkt sich Friede und Freude in die elendeste Hütte , wie in die stolzeste Fürstenburg der Christenheit . Du milde Nacht , den Unschuldigen hold und ein ersehnter Gast , schenke auch mir den Frieden , Deinen Begleiter . Schenke ihr dereinst Dein gnadenvolles Licht , ihr , die noch im Dunkel wandelt , damit ich jenseits sie wieder sehen mag , mit der hienieden keine Vereinigung mir erlaubt ist . Lenke das Herz derer , die mich hassen , zur Liebe und Versöhnung , und mache alle glücklich , die mir fromm auf dem Lebenspfade die Hand bieten ! « - Eine Thräne zitterte im Auge des Betenden ; er schämte sich ihrer nicht . Sein Herz war beklommen , aber nur von süßer , ruhiger Wonne . Keiner Schuld sich bewußt , kehrte er in die Stadt zurück , wo die Menge durcheinander wogte , wie am hellen Mittage . Alle Fenster waren hell erleuchtet ; in dem erbärmlichsten Häuslein brannte ein kümmerliches Licht . Überall , wo Kindersegen daheim war , ragten dunkle Tannenbäume empor , mit den Früchten des Herbstes geschmückt und mit schwankenden Kerzen , die sich auf den Zweigen wiegten , wie die Vöglein des Waldes . Festlich geziert alle Stuben ,