Erst litt sie an diesen Erscheinungen , dann vergnügte sie sich daran , und mit den Jahren wuchs das Entzücken . Nicht eher jedoch kam sie hierüber zur Einheit und Beruhigung , als bis sie den Beistand , den Freund gewonnen hatte , dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen lernten . Als Mathematiker und Philosoph ungläubig von Anfang , war er lange zweifelhaft , ob diese Anschauung nicht etwa angelernt sei ; denn Makarie mußte gestehen , frühzeitig Unterricht in der Astronomie genossen und sich leidenschaftlich damit beschäftigt zu haben . Daneben berichtete sie aber auch : wie sie viele Jahre ihres Lebens die innern Erscheinungen mit dem äußern Gewahrwerden zusammengehalten und verglichen , aber niemals hierin eine Übereinstimmung finden können . Der Wissende ließ sich hierauf dasjenige , was sie schaute , welches ihr nur von Zeit zu Zeit ganz deutlich war , auf das genaueste vortragen , stellte Berechnungen an und folgerte daraus , daß sie nicht sowohl das ganze Sonnensystem in sich trage , sondern daß sie sich vielmehr geistig als ein integrierender Teil darin bewege . Er verfuhr nach dieser Voraussetzung , und seine Calculs wurden auf eine unglaubliche Weise durch ihre Aussagen bestätigt . So viel nur darf ich Ihnen diesmal vertrauen , und auch dieses eröffne ich nur mit der dringenden Bitte , gegen niemanden hievon irgendein Wort zu erwähnen . Denn sollte nicht jeder Verständige und Vernünftige , bei dem reinsten Wohlwollen , dergleichen Äußerungen für Phantasien , für übelverstandene Erinnerungen eines früher eingelernten Wissens halten und erklären ? Die Familie selbst weiß nichts Näheres hievon , diese geheimen Anschauungen , die entzückenden Gesichte sind es , die bei den Ihrigen als Krankheit gelten , wodurch sie augenblicklich gehindert sei , an der Welt und ihren Interessen teilzunehmen . Dies , mein Freund , verwahren Sie im stillen und lassen sich auch gegen Lenardo nichts merken . « Gegen Abend ward unser Wanderer Makarien nochmals vorgestellt ; gar manches anmutig Belehrende kam zur Sprache , davon wir nachstehendes auswählen . » Von Natur besitzen wir keinen Fehler , der nicht zur Tugend , keine Tugend , die nicht zum Fehler werden könnte . Diese letzten sind gerade die bedenklichsten . Zu dieser Betrachtung hat mir vorzüglich der wunderbare Neffe Anlaß gegeben , der junge Mann , von dem Sie in der Familie manches Seltsame gehört haben und den ich , wie die Meinigen sagen , mehr als billig , schonend und liebend behandle . Von Jugend auf entwickelte sich in ihm eine gewisse muntere , technische Fertigkeit , der er sich ganz hingab und darin glücklich zu mancher Kenntnis und Meisterschaft fortschritt . Späterhin war alles , was er von Reisen nach Hause schickte , immer das Künstlichste , Klügste , Feinste , Zarteste von Handarbeit , auf das Land hindeutend , wo er sich eben befand und welches wir erraten sollten . Hieraus möchte man schließen , daß er ein trockner , unteilnehmender , in Äußerlichkeiten befangener Mensch sei und bleibe ; auch war er im Gespräch zum Eingreifen an allgemeinen , sittlichen Betrachtungen nicht aufgelegt , aber er besaß im stillen und geheimen einen wunderbar feinen praktischen Takt des Guten und Bösen , des Löblichen und Unlöblichen , daß ich ihn weder gegen Ältere noch Jüngere , weder gegen Obere noch Untere jemals habe fehlen sehen . Aber diese angeborne Gewissenhaftigkeit , ungeregelt wie sie war , bildete sich im einzelnen zu grillenhafter Schwäche ; er mochte sogar sich Pflichten erfinden , da wo sie nicht gefordert wurden , und sich ganz ohne Not irgendeinmal als Schuldner bekennen . Nach seinem ganzen Reiseverfahren , besonders aber nach den Vorbereitungen zu seiner Wiederkunft , glaube ich , daß er wähnt , früher ein weibliches Wesen unseres Kreises verletzt zu haben , deren Schicksal ihn jetzt beunruhigt , wovon er sich befreit und erlöst fühlen würde , sobald er vernehmen könnte , daß es ihr wohl gehe , und das Weitere wird Angela mit Ihnen besprechen . Nehmen Sie gegenwärtigen Brief und bereiten unsrer Familie ein glückliches Zusammenfinden . Aufrichtig gestanden : ich wünschte , ihn auf dieser Erde nochmals zu sehen und im Abscheiden ihn herzlich zu segnen . « Eilftes Kapitel Das nußbraune Mädchen Nachdem Wilhelm seinen Auftrag umständlich und genau ausgerichtet , versetzte Lenardo mit einem Lächeln : » So sehr ich Ihnen verbunden bin für das , was ich durch Sie erfahre , so muß ich doch noch eine Frage hinzufügen . Hat Ihnen die Tante nicht am Schluß noch anempfohlen , mir eine unbedeutend scheinende Sache zu berichten ? « Der andere besann sich einen Augenblick . » Ja « , sagte er darauf , » ich entsinne mich . Sie erwähnte eines Frauenzimmers , das sie Valerine nannte . Von dieser sollte ich Ihnen sagen , daß sie glücklich verheiratet sei und sich in einem wünschenswerten Zustande befinde . « » Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen « , versetzte Lenardo . » Ich gehe nun gern nach Hause zurück , weil ich nicht fürchten muß , daß die Erinnerung an dieses Mädchen mir an Ort und Stelle zum Vorwurf gereiche . « » Es ziemt sich nicht für mich zu fragen , welch Verhältnis Sie zu ihr gehabt « , sagte Wilhelm ; » genug , Sie können ruhig sein , wenn Sie auf irgendeine Weise an dem Schicksal des Mädchens teilnehmen . « » Es ist das wunderlichste Verhältnis von der Welt « , sagte Lenardo ; » keinesweges ein Liebesverhältnis , wie man sich ' s denken könnte . Ich darf Ihnen wohl vertrauen und erzählen , was eigentlich keine Geschichte ist . Was müssen Sie aber denken , wenn ich Ihnen sage , daß mein zauderndes Zurückreisen , daß die Furcht , in unsere Wohnung zurückzukehren , daß diese seltsamen Anstalten und Fragen , wie es bei uns aussehe , eigentlich nur zur Absicht haben , nebenher zu erfahren , wie es mit diesem Kinde stehe . Denn glauben Sie «