sah , verstand sich . Aber man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute . Denn sogar die Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand . Und trat man ins kleinste , ärmste Bauernhaus , so meinte man beinahe , es sei etwas recht Vornehmes darin . Die Fußböden waren so reinlich und gefegt , die Bänke , Stühle , Tische so ohne Flecken und Fehl , Fenster und Spiegel so hell - kurz , es war nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften . Man bekam rechte Lust , da zu wohnen unter den Biederleuten . Während der Sommermonate , vom Frühjahr bis zum Herbst , war es an den Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldenthal . Da wimmelte es von Besuchen aus der Stadt . Das große , neu ausgestattete Wirthshaus , welches - wer hätte es glauben sollen ? - einer von den zweiunddreißig armen Genossen des Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte , war angefüllt mit städtischen Familien , die Erfrischungen nahmen . Andere Familien kehrten in die Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein : saßen da in den Gärten bei Milch , Obst , Honig und andern Näschereien des Dorfes ; oder lagerten sich plaudernd und spielend auf grünen Rasenplätzen , oder saßen auf den saubern Bänken vor den Häusern im Schatten weit vorragender Dächer , und sahen die auf- und abwandelnden bunten Reihen der Spaziergänger ; oder traten auf den Platz unter die Linde , wo die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern . Man kann leicht denken , die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das Vergnügen , welches sie in Goldenthal genossen , nicht undankbar , und die von den gefälligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschönerungen ihrer Häuser und Gärten trugen guten Zins . Selbst im Winter fehlte es nicht an Besuchen . Da wurden aus der Stadt Schlittenparthien nach Goldenthal gemacht . Wo konnte man ' s besser haben ? Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das und wunderten sich fast zu Tode , warum das bei ihnen nicht auch so sei ? Sie meinten in vollem Ernst , die Goldenthaler hätten geheime Künste . Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu erkundigen , blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen , und blieben , wie sie waren . Sie zeigten nur Neid und Mißgunst , wenn sie von Goldenthal sprachen , und spotteten und nannten es das Goldmacherdorf . Aber dieser Uebername war kein Uebelname . Auch machten sich die Goldenthaler nicht viel daraus . Denn wohin sie kamen , waren sie werthgehalten und geschätzt . Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und waren dabei des Lebens froh . Hatten sie die ganze Woche gearbeitet , war jeder Sonntag ein rechter Ruhetag . Ins Wirthshaus freilich gingen die Goldenthaler nicht . Sie hatten ihren Labetrunk daheim . Aber auch im Winter tanzten da des Abends die jungen Leute bei guter Musik . Einige Männer und Knaben waren durch den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet worden . Sie hatten es ziemlich weit gebracht . Oft führten auch die jungen Sänger und Sängerinnen große Singstücke auf , wie man dergleichen kaum in der Stadt hörte . Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander ; da bewirtheten sie sich mit einfacher Kost , und hatten ihre muntern Gespräche . Von besoffenen Leuten , von Raufereien , von Prozessen , von Ausschweifungen anderer Art hörte man gar nicht . Denn mit dem Wohlstande und der bessern Erziehung , die aus der Schule stammte , hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet , wovon man sonst nicht leicht in andern Dörfern Aehnliches gewahr ward . Man kannte und unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern Gegenden . Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich , in ihrer Rede sanft und bescheiden , in ihrem Benehmen offen und gutherzig . Sie trugen zwar keine feine Kleider , aber dafür war ihr Betragen fein . Man muß wohl nicht glauben , daß dies höfliche , ehrbare und löbliche Wesen eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen ; es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze . Denn wie einige Bauern reicher geworden waren , hatte es gar nicht an solchen gefehlt , die wieder über die Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten . Da wollten Einige hochmüthig werden , putzten ihre Töchter ungebührlich , kleideten sich in kostbares Tuch recht städtisch , und thaten in allen Dingen groß . Einige andere nahmen die Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirthshaus . Das erweckte aber großes Aergerniß bei den meisten rechtschaffenen Leuten , und sie sprachen : » Fängt man es so wieder an , werden wir bald wieder den Krebsgang gehen ! « Und es war allgemeiner Unwille gegen diejenigen , welche von der einfachen , löblichen Weise abwichen ; und man begehrte , die Ortsvorgesetzten sollten besser über die Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen . Dieser Vorwurf , welchen man den Ortsvorstehern machte , erfüllte den Oswald gar nicht mit Verdruß , sondern mit wahrer Freude . So kam ein strenges Gemeindsgesetz zu Stande ; darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben , und auf Kartenspiel und alles Spiel um Geld und Geldeswerth , auf das Laster der Trunkenheit , auf Schimpfreden , Lästerungen , Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde einmüthig harte Strafen gesetzt . So kam es , daß sich Keiner überhob und übernahm ; daß , wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte , zu thun , was weder ehrbarlich noch recht war , die Furcht vor Scham , Schande und Bestrafung ihn wieder zurückschreckte . Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen