Klage , wie die letzten Töne einer ablaufenden Flötenuhr , der langsam der Atem ausgeht ; wer möchte so eine kleine Leidende nicht wie eine Ätherwolke zum Himmel heben , zu Gott blicken , seufzen und fragen : muß die Schönheit , die Unschuld , die Frömmigkeit schon so früh leiden ? - Ich konnte mich nicht enthalten , in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der Professorskinder , an ihr bestialisches Schreien , an die Birkenruten , die hinter jedem Spiegel steckten , zu denken , sagte aber mit niedergeschlagenen Augen : In den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede . Sei es nun , daß es Täuschung , oder hatte ich mich unwillkürlich selbst gerührt , oder war es ein Nervenzusammenhang , etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle , oder ein naher Schnupfen , genug es lief mir eine Träne die Backen herunter . - Gräfin : Ich sehe in Ihrem Auge etwas Schöneres glänzen , als Diamant ; bei diesen Worten drückte sie und der Florvorhang rollte auf . Sehn Sie in meinen Augen den Widerschein ; vergessen Sie dieses Augenblicks nicht , eine reine Träne badet uns von allem Staube der Welt rein . - Ich : Tränen sind ein Himmelstau , den Psyche mit ihren Flügeln aus dem Kelche der Blumen schüttelt . - Gräfin : Das sind schöne Tränen , aber es gibt auch trostlose , wie die Tropfen der Aloe bitter , Tränen , wie ich sie heut vergossen , es verschwimmt die Welt darein . - Ich : Und sind die Tränen umsonst , ist keine Rettung möglich ? - Gräfin : Ich weiß , ich werde es mit der Zeit verwinden , aber warum bin ich Schwächste ausersehen , alles Unglück der Welt zu tragen ! Mein werter Freund , es sind nicht die Hammerschläge des Schicksals , nein die Nadelstiche , die immer wiederkehren , woran ich verzweifeln möchte . - Ich : Blicken Sie empor , der Himmel tröstet alle Tiefbetrübten . - Gräfin : Weh meine Nerven ! Lydia , laß den Farbenbogen drehen , der Schwindel kommt mir sonst . - Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke , dem Regenbogen sehr ähnlich ; die Gräfin stützte sich matt auf , und ich wollte gehen . - Gräfin : Ach Sie wollen mich verlassen , Sie können das Leiden nicht sehen ? - Ich : Ich fürchtete nur zu belästigen . - Gräfin : Aber daß Sie dieses fürchten , wie kam das ; darüber müssen wir uns noch explizieren ; morgen werden wir uns sicher besser verstehen ; gute Nacht mein neuer Freund , ich fühle mich noch sehr schwach von dem Schrecken . - Ich wollte mich entfernen , die Gräfin rief mich zurück : Vielleicht erleichtert mich die Musik ; Sie spielen Fortepiano , schreibt meine Freundin , ich will Ihnen etwas vorspielen ; es ist nichts , aber die Art , wie ich ' s vortrage , ist mir eigen . - Die Gräfin setzte sich zum Fortepiano , präludierte mühsam langsam , bald aber gleiteten ihre schönen Hände mit großer Schnelligkeit , und unermüdlich über das Elfenbein ; ich stand in tiefer Bewunderung und küßte am Schlusse , nachdem sie wohl zwei Stunden mit außerordentlicher Kraft gespielt hatte , die Hände , das einzige , was mir an der Frau ganz verständlich war . Beim Nachtessen , wo ich zuletzt mit der Gesellschafterin allein blieb , nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen waren , um die Gräfin in den Schlaf zu lesen , fand ich , daß der ernste Ton in dieser ältlichen Mamsell nur angenommen ; sie trank gern ihr Glas und lachte dann über die Gräfin . Hier wagte ich es , über den Schrecken mich zu erkundigen , der die Gräfin heute so zerrüttet hätte . Die Mamsell lachte ; sie sagte , es wäre kein weiteres Unglück , als daß der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die Wand gebohrt hätte , um die Gräfin im Badezimmer zu sehen ; heute habe sie plötzlich ein glänzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt , wo gerade ein heller Sonnenstrahl hingeschienen ; sie sei in dem Quergang aus dem Bade gestiegen und habe selbst , beschämt wegen ihrer Blöße , den verzückt hinstarrenden Kammerdiener gefunden , der sich ihr zu Füßen geworfen und eine unwiderstehliche Leidenschaft vorgeschützt habe , die ihn schon seit Jahren verzehre ; sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen worden , den Menschen , den sie für immer verbannen möchte , dessen Auge ihr ein steter Verräter seiner unverschämten Neugierde sei , um sich zu dulden . Ich mußte über die Mordgeschichte herzlich lachen , und trank ein Glas übers andre ; die Mamsell schenkte auch nichts der Flasche ; die Ermüdung der Reise wirkte nach : kurz , ich erwachte den andern Morgen auf dem Stuhle mit bedeutendem Kopfweh , die Lichter waren abgebrannt , die Mamsell lag mit der Nase in ihrer großen Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak über die Reste des Desserts geblasen . Ich schlich mich leise auf mein Zimmer , später hörte ich , daß Mamsell wegen ihrer Ohnmacht , von der Gräfin herzlich bedauert wurde . Ich hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht gleich wieder in die Sprache der Gräfin versetzen , die mir gewaltige Beschreibungen von einem Sturmwinde machte , der Nachts vor dem Fenster wie ein Riese vorüber gerannt und die Nacht verfolgt habe , bis sie ihre Sternenkrone fallen lassen ; da sei die Sonne aufgegangen und die Beschämte habe sich mit ihm in eine Höhle unbewußt geflüchtet . Dergleichen poetische Prosa war mir noch nicht ganz geläufig und ich meinte in mir , das möchte wohl jenes schreckliche Schnarchen der Mamsell gewesen sein , das allen Tabak über den Tisch geblasen . Da die Gräfin sah , daß ich nicht antwortete ,