. O Gott im Himmel , so sehe ich Dich wieder ! Steh ' auf , Du armes , liebes Kind ! steh ' auf , meine Luise ! Er faßte sie in seine Arme , er kniete neben ihr . Die Stirn an seine Brust gelehnt , vergoß sie stille , selige Thränen . Weine nicht , weine nicht , bat er sie dringend ; Du weißst ja , das brach mir von je das Herz ; ach es ist noch darin wie ehemals ! Ehemals ! wiederholte Luise schluchzend . Julius sah sie fremd an - ja freilich , sagte er , langsam aufstehend , es ist anders wie ehemals ! weit , weit anders ! Er reichte ihr die Hand und führte sie zum nächsten Stuhl . Beide saßen eine Weile schweigend neben einander . Es ist doch schön von Dir , hub er endlich an , daß Du gekommen bist . Er stockte auf ' s neue . Plötzlich ließ er ihre Hand fahren , barg das Gesicht in sein Taschentuch und rief wiederholt : nein , nein , es ist nicht gut , daß Du gekommen bist ! ach nein , es war so besser ! Jede freundliche Täuschung flieht vor Deinem Anblick . Ich will auch gleich wieder fort , lieber Julius , sagte Luise ; ich bin nur gekommen , Dich noch einmal zu sehn , meine Angst war so groß , ich konnte nicht mehr leben , bis Du wieder zu mir gesprochen hattest ; der Friede , dacht ' ich - Ach Julius , wir sind Beide recht unglücklich ! Sie wandte sich ab , um ihren Thränen freien Lauf zu lassen . Wie gut Du bist ! sagte Julius ; Du dachtest so viel an mich , Du kommst sogar zu mir ! Ich habe das wohl geglaubt und recht gut gefühlt , wie viel Du littest . Du wirst auch nicht eher ruhig sein , bis Du mich zufriedner weißst . Deshalb will ich fort aus dieser Gegend , Deine Nähe thut mir nicht wohl , die meine drückt Dich . Ich will in der Welt umherstreifen , fremde Menschen suchen , wie jemand , der nirgend zu Hause ist . Seh ' ich doch all mein Gut verschüttet , meine Heimath verödet ; ich fliehe wie ein Vertriebener . Du gute Seele , fuhr er mildernd fort , als er Luisens heftigen Schmerz sah , Du treibst mich nicht ; mein eignes , trübes Loos . Wir gehören nun einmal nicht zu einander . Ich wollte Dich vom Schicksal ertrotzen ; den Trotz muß ich büßen . Sage das nicht , Julius , fiel Luise ein , sage das nicht , wir gehörten doch wohl zu einander , alles andre war ein Wahn . Nein , ach nein , erwiederte er sinnend . - Und wenn es dennoch wäre , fuhr er schneller fort - wenn - Herr Gott im Himmel ! es war wohl alles nur ein Traum , Du kamst , mich zu wecken ; wie schön Du bist , Luise , wie fromm und bittend Dein Auge ! - Er hielt lange inne , als bekämpfe er sich selbst . - Geh ' , gutes Kind , sagte er plötzlich mit verändertem Ton , geh ' - Du thust mir wehe , unaussprechlich wehe . Luise stand scheu und zagend auf . Wohin gehst du ? fragte er sanft . Zu meiner einsamen Wohnung , erwiederte sie , wo ich Niemand , ach Niemand mehr habe als meinen Gram . O Julius ! rief sie , vor ihm niederknieend , Du weißst , ich bin nun ganz allein , gieb mir Deinen Segen , sage , daß Du mir nicht fluchst , damit Dein Andenken wieder rein in mir leben und Du mir dennoch schützend zur Seite stehn mögest ! Niemals , niemals ! rief er , sie heftig an seine Brust drückend , wird dies Herz eine feindliche Regung kennen ! Wie sollte ich Dir fluchen , ohne mich selbst nicht tausendfach zu verwunden ! Wie könnte ich Dein Bild vergiften , was mich , wie der Maienmorgen unsrer Kindheit , hell und friedlich ansieht ! Nein , Du armes , verwaistes Kind , meine Liebe kann Dich nie verlassen ! sie erfleht Dir den Segen des Himmels , der Dich jetzt geleiten möge ! Er sagte diese letzten Worte leise , mit erstickter Stimme , indem er sich sanft aus ihren Armen wand . Luise schwankte zur Thür . Lebe wohl , ach lebe wohl , Du schönes Traumgesicht ! rief er noch einmal im heftigsten Kampf . Luise machte eine Bewegung , zu ihm zurückzukehren ; aber er verhüllte das Gesicht , als scheue er ihren Anblick . Lebe wohl , mein Julius , sagte sie , in stiller Ergebung das Zimmer verlassend . Wie sich die Thür nun hinter ihr schloß , da schrie Julius , seines Schmerzes nicht mehr mächtig , laut auf . Luise schauderte zusammen , und dennoch hatte sie nicht den Muth , jene Thür wieder zu öffnen , wohl fühlend , daß es nicht die dünne Scheidewand , welche sie mit einem Fingerdruck wegräumen konnte , sei , die sie von seinem Herzen trennte . Sie faßte Marianen schweigend unter den Arm und zog diese mit sich aus der Gallerie . Also doch fort ? fragte das weinende Mädchen , und wohin denn in der finstren Nacht ? Zu dem ehrlichen Anton , im Walde , erwiederte Luise ; doch komm , ich bitte Dich ! Julius , der arme Julius ! Hörtest Du nicht , wie ihn meine Nähe ängstet ? Sie eilten unbemerkt hinunter . Im Hofe warf Luise noch einen schmerzlichen Blick hinter sich und ging dann , still weinend , zu ihrem Wagen . Nach einer Stunde hielten sie vor Antons Thür . Der Postillon fragte sie , ob sie hier übernachten wolle , in welchem Falle er seiner Wege reiten werde