mich das , was meiner Kunst , meiner Denkweise am nächsten liegt , bescheidentlich äußern . Seitdem wir nicht mehr so glücklich sind , die Reste eines geliebten Gegenstandes eingeurnt an unsere Brust zu drücken , da wir weder reich noch heiter genug sind , sie unversehrt in großen , wohlausgezierten Sarkophagen zu verwahren , ja da wir nicht einmal in den Kirchen mehr Platz für uns und für die Unsrigen finden , sondern hinaus ins Freie gewiesen sind , so haben wir alle Ursache , die Art und Weise , die Sie , meine gnädige Frau , eingeleitet haben , zu billigen . Wenn die Glieder einer Gemeinde reihenweise nebeneinander liegen , so ruhen sie bei und unter den Ihrigen ; und wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll , so finde ich nichts natürlicher und reinlicher , als daß man die zufällig entstandenen , nach und nach zusammensinkenden Hügel ungesäumt vergleiche und so die Decke , indem alle sie tragen , einem jeden leichter gemacht werde . « » Und ohne irgendein Zeichen des Andenkens , ohne irgend etwas , das der Erinnerung entgegenkäme , sollte das alles so vorübergehen ? « versetzte Ottilie . » Keineswegs ! « fuhr der Architekt fort ; » nicht vom Andenken , nur vom Platze soll man sich lossagen . Der Baukünstler , der Bildhauer sind höchlich interessiert , daß der Mensch von ihnen , von ihrer Kunst , von ihrer Hand eine Dauer seines Daseins erwarte ; und deswegen wünschte ich gut gedachte , gut ausgeführte Monumente , nicht einzeln und zufällig ausgesäet , sondern an einem Orte aufgestellt , wo sie sich Dauer versprechen können . Da selbst die Frommen und Hohen auf das Vorrecht Verzicht tun , in den Kirchen persönlich zu ruhen , so stelle man wenigstens dort oder in schönen Hallen um die Begräbnisplätze Denkzeichen , Denkschriften auf . Es gibt tausenderlei Formen , die man ihnen vorschreiben , tausenderlei Zieraten , womit man sie ausschmücken kann . « » Wenn die Künstler so reich sind , « versetzte Charlotte , » so sagen Sie mir doch : Wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen Obelisken , einer abgestutzten Säule und eines Aschenkrugs herausfinden ? Anstatt der tausend Erfindungen , deren Sie sich rühmen , habe ich immer nur tausend Wiederholungen gesehen . « » Das ist wohl bei uns so , « entgegnete ihr der Architekt , » aber nicht überall . Und überhaupt mag es mit der Erfindung und der schicklichen Anwendung eine eigne Sache sein . Besonders hat es in diesem Falle manche Schwierigkeit , einen ernsten Gegenstand zu erheitern und bei einem unerfreulichen nicht ins Unerfreuliche zu geraten . Was Entwürfe zu Monumenten aller Art betrifft , deren habe ich viele gesammelt und zeige sie gelegentlich ; doch bleibt immer das schönste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis . Dieses gibt mehr als irgend etwas anders einen Begriff von dem , was er war ; es ist der beste Text zu vielen oder wenigen Noten ; nur müßte es aber auch in seiner besten Zeit gemacht sein , welches gewöhnlich versäumt wird . Niemand denkt daran , lebende Formen zu erhalten , und wenn es geschieht , so geschieht es auf unzulängliche Weise . Da wird ein Toter geschwind noch abgegossen und eine solche Maske auf einen Block gesetzt , und das heißt man eine Büste . Wie selten ist der Künstler imstande , sie völlig wiederzubeleben ! « » Sie haben , ohne es vielleicht zu wissen und zu wollen , « versetzte Charlotte , » dies Gespräch ganz zu meinen Gunsten gelenkt . Das Bild eines Menschen ist doch wohl unabhängig ; überall , wo es steht , steht es für sich , und wir werden von ihm nicht verlangen , daß es die eigentliche Grabstätte bezeichne . Aber soll ich Ihnen eine wunderliche Empfindung bekennen ? Selbst gegen die Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung ; denn sie scheinen mir immer einen stillen Vorwurf zu machen ; sie deuten auf etwas Entferntes , Abgeschiedenes und erinnern mich , wie schwer es sei , die Gegenwart recht zu ehren . Gedenkt man , wieviel Menschen man gesehen , gekannt , und gesteht sich , wie wenig wir ihnen , wie wenig sie uns gewesen , wie wird uns da zumute ! Wir begegnen dem Geistreichen , ohne uns mit ihm zu unterhalten , dem Gelehrten , ohne von ihm zu lernen , dem Gereisten , ohne uns zu unterrichten , dem Liebevollen , ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen . Und leider ereignet sich dies nicht bloß mit den Vorübergehenden . Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Glieder , Städte gegen ihre würdigsten Bürger , Völker gegen ihre trefflichsten Fürsten , Nationen gegen ihre vorzüglichsten Menschen . Ich hörte fragen , warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage , von den Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht . Es wurde geantwortet : weil wir von jenen nichts zu befürchten haben und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen könnten . So unrein ist die Sorge für das Andenken der andern ; es ist meist nur ein selbstischer Scherz , wenn es dagegen ein heiliger Ernst wäre , seine Verhältnisse gegen die Überbliebenen immer lebendig und tätig zu erhalten . « Zweites Kapitel Aufgeregt durch den Vorfall und die daran sich knüpfenden Gespräche , begab man sich des andern Tages nach dem Begräbnisplatz , zu dessen Verzierung und Erheiterung der Architekt manchen glücklichen Vorschlag tat . Allein auch auf die Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken , auf ein Gebäude , das gleich anfänglich seine Aufmerksamkeit an sich gezogen hatte . Diese Kirche stand seit mehrern Jahrhunderten , nach deutscher Art und Kunst in guten Maßen errichtet und auf eine glückliche Weise verziert . Man konnte wohl nachkommen , daß der Baumeister eines benachbarten Klosters mit Einsicht und Neigung sich auch an diesem kleineren Gebäude bewährt , und es wirkte noch immer