Der Catar . Die spanische Tänzerin war wieder in Berlin und hatte zur Captatio benevolentiae ihrer Hüftenexperimente eine Gastvorstellung zum Besten der schlesischen Ueberschwemmten ankündigen lassen . Das schöne und interessante Weib hing an Berlin wegen der ersten Triumphe , die sie hier gefeiert , und kehrte daher von allen Kunstreisen immer wieder zum comfortablen Hotel Unter den Linden zurück , wenn sie sich auch manchmal mit dem galanten und aufmerksamen Wirth überwarf ; denn sie verstand es zu schätzen , daß er an seiner Table-d ' hôte mit ihrem Atlasschuh für den wunderkleinen dazu gehörigen Fuß Propaganda machte . Diesmal hatte sie ein Brief mit dem bekannten geheimnißvollen Zeichen nach Berlin beschieden , und einstweilen , da die Vorbereitungen zu der neuen Posse des beliebten berliner Humoristen Kalisch : » Die Bummler von Berlin « ihr Auftreten verzögerten , langweilte sich , weiterer Nachrichten harrend , die Donna und spielte darum die Amazone , indem sie im Hermelin die Peitsche schwang und mit dem eleganten Brougham durch die Straßen der Residenz kutschirte . Die Sennora hatte , bis auf jenen plötzlichen Ruf , Nichts wieder gehört von ihren geheimen Beschützern und gedachte kaum noch des kleinen Dienstes , den sie ihnen durch die Empfehlung zweier unbedeutender Diener vor längerer Zeit erwiesen , als sie zufällig in einem Journal den Namen des Fremden zu Gesicht bekam , der ihr damals seinen Besuch gemacht . Er figurirte jetzt als fremder Condottiere und der rothe Felsen von Helgoland gab das Echo mancher Verwünschung zurück , die betrogene Erwartung und getäuschte Hoffnung dort seinen Lockungen zu spät erschallen ließen . Dennoch hatte die Erfüllung jenes Auftrags , so gering die Masche auch schien in dem Netze ereignißschwerer Verwickelungen , das sich über Europa spann , unberechenbare Folgen gehabt . Wenige nur ahnten und wußten , daß die preußische Residenz der Knotenpunkt einer geheimen Spionage geworden war , die ihre Nachrichten nach Paris , London und Turin , in die Heerlager der Despotie , des constitutionellen Lieberalismus und der republikanischen Propaganda verkaufte . Merkwürdigerweise war es gerade das eheliche Preußen , dessen erhabener Fürst in den politischen Wirren ein edles Bild der Festigkeit und Gerechtigkeit gegenüber den verschiedensten Verlockungen gab , wo politische Intrigue im Stillen mächtige Hebel in Bewegung setzte und den schmuzigsten Verrath verächtlicher Hausdiebe benutzte . Wir haben bereits angedeutet , auf welche Weise über Berlin wichtige Nachrichten aus den Kreisen der angegriffenen Macht in die Hände ihrer Gegner gelangten . Neben diesem Getriebe der Habsucht ging , wie gesagt , noch manches Spiel verdeckten Ehrgeizes und politischer Gegnerschaft seinen unterminirenden Gang und es bedurfte in der That einer späteren öffentlichen Beschämung und eines blutigen Todes , um jener egoistischen Intriguenwirthschaft vor dem reinen Throne Preußen ' s Halt zu gebieten und ein Ende zu machen , welche zur Demoralisirung der Staaten führt und dem » Bürgerkönig « sein Exil bereitet hat . - Seit vierundzwanzig Stunden jedoch beschäftigte der lebhafte Geist der Spanierin sich angelegentlich mit der Ankunft mehrerer interessanter Fremden , die das Hotel gewählt . Drei darunter , die sie flüchtig bei der Ankunft am Tage vorher gesehen , schienen ihr nicht unbekannt und das Fremdenbuch , das der gefällige Hotelier ihr präsentirte , gab ihr wenigstens über das erste Paar Auskunft und sie erinnerte sich , den Herrn und die Dame ein Mal in Gesellschaft in Wien vor Jahresfrist gesehen zu haben : den sardinischen Obersten , Grafen Pisani , der , wie die Nachricht auswies , mit seiner Gattin von London kam . Der Dritte , dessen Gesicht ihr nur flüchtig bekannt schien , war ein kleiner magerer Mann mit fuchsartigem Gesicht und bereits vor zwei Tagen von Wien eingetroffen . Der Fremdenzettel nannte ihn Banquier Thomas . Mehr aber als diese Persönlichkeiten , deren sie sich nur unbestimmt erinnerte , interessirte sie eine Vierte , welche die schöne Donna noch nicht zu Gesicht bekommen , obschon das ganze Hotel voll von ihren Sonderbarkeiten und dem Rufe ihres unermeßlichen Reichthums schien . Es war ein noch junger russischer Bojar , den einige übermüthige Streiche schon im Sommer aus Petersburg verwiesen hatten und der , da Paris und London ihm durch die Kriegsverhältnisse verboten waren , in den deutschen Bädern und Residenzen umherzog und Geld mit vollen Händen verschwendete . Es war gegen Mittag des Tages , als die Spanierin , das Ponnygespann mit gewandter Hand lenkend , auf der Rückkehr von der Spazierfahrt vor der Thür des Hotels wieder vorfuhr und bemerkte , daß sich ein ungewöhnlicher Auftritt eben zugetragen haben mußte . Mehrere der Gäste standen lachend auf der Treppe oder vor den Zimmern , zwei Constabler im Flur , und von dem Corridor des ersten Stockes hörte man eine laute Stimme allerlei Verwünschungen auf Deutsch , Französisch und Russisch hervorsprudeln . Während einer der nahestehenden Herren der Tänzerin die Hand reichte , an der sie leicht aus dem Wagen sprang und die Stufen hinaufeilte , kam ein junges hübsches Mädchen in einfacher , aber netter Kleidung ihr entgegen , das Gesicht freudestrahlend , obschon auf den jugendlichen Wangen noch die Spuren von Thränen zu sehen waren . Ihre Hand hielt eine kleine Brieftasche sorgfältig wie einen Schatz und damit wollte sie hastig aus der Thür eilen , als einer der Constabler sie rauh am Arme faßte . » Halt , Mamsell , Sie gehen mit uns ! « » Lassen Sie die Dirne zum Henker laufen , « sagte unwillig eine Stimme hinter dem Mädchen , » und kommen Sie fort . Der Russe ist ein Narr mit seinem Gelde und wenn unsere Berliner Loretten davon hören , stürmen sie Ihr Hotel . « Der Wirth , zu dem der Beamte , der ziemlich verdrießlich aussah , die letzten Worte sagte , lächelte etwas spöttisch , schwieg jedoch mit dem Tact des klugen Mannes , der es mit der Polizei nicht gern verdirbt , und führte die Spanierin die Treppe hinauf ; von deren Höhe aber übernahm die schon früher gehörte scheltende Stimme die