künftige Priesterweihe hoffen ! Er verzweifelte ; denn zum Erfinden von Ausreden und Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern schon ganz den Muth . Fast war es ihm auch , als käme man hier am siegreichsten durch , wenn man sich in allen Lagen ein für allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt und so bloß darlegte , wie man wirklich war ... Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wünsche zu sein , als er in dem gedruckten Formular auf eine Stelle stieß , wo es hieß , daß er sechs Monate noch außerhalb des Hauses der Gesellschaft leben müßte und erst sechs verschiedene anderweitige Proben durchzumachen hätte ! Er traute seinen Augen nicht . Wieder ein halbes Jahr seines Lebens verlieren ? Von jetzt an - es war zur Zeit der Sommermitte - bis zu Weihnachten wieder in einen halben Zustand zurückversetzt , wieder auf sich selbst angewiesen , auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens ? Er hoffte auf Erlaß dieser Bedingung und glaubte an eine in diesem Statut nur so enthaltene und außer Uebung gekommene alte Förmlichkeit . Man holte dann das Blatt ab . Drei Tage vergingen . Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle theil , schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied , das ihm zusagte , herausgefunden , da wurde ihm mit freundlichster Miene angekündigt , daß er auf sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen hätte : einen Monat sollte er bei den Schülern des Collegium germanicum wohnen , einen Monat in San-Michele Kranke pflegen , einen Monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen in der Runde seinen Unterhalt durch Betteln suchen ; dann zurückkehrend sollte er im Collegium täglich einen Monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgründen der Religion unterrichten , im sechsten Monat sollte er allen Predigten beiwohnen , deren in den hundert Kirchen Roms drei oder vier täglich und zu verschiedenen Zeiten gehalten wurden und darüber Referate geben und bei allen diesen Proben zu gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache erlernen ... Aufschreien hätte Wenzel von Terschka mögen vor Verzweiflung , aber schon band er sein Bündel und schickte sich an , ruhig die Vorschrift zu erfüllen . Sein Auge blinzelte etwas ; er hatte schon bemerkt , daß wie beim Opfer Abraham ' s der Wille hier manchmal für die That genommen wurde ; er hatte schon bemerkt , daß man allmählich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten versteht . Und in der That , man ließ ihn zwar aus seiner Zelle schreiten , wies ihn aber doch nur zwei Stockwerk höher , um ihn zu jenen deutschen Knaben und Jünglingen gelangen zu lassen , die in Rom zu Priestern erzogen werden . In dem mächtigen Gebäude war auch für diese Platz . Ein Rector empfing ihn , lächelte seines Alters , sprach ihm Muth zu und alles das in deutscher Sprache ; Pater Xaver war aus dem Innviertel . Ein rothes Kleid mit einem schwarzledernen Gürtel mußte Terschka anlegen , wie seine Genossen . Um fünf Uhr mußte er aufstehen , das Sakrament in einer Kapelle besuchen , dann in einer Zelle Betrachtungen lesen , sie auswendig lernen , hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes Frühstück nehmen , zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu sprechen waren ; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des Abends , wo im Nu sämmtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schüler auf hartem Lager sich dem Schlaf empfehlen mußten . So erst acht Tage lang . Dann aber wurden die Vorschriften leichter . Glückliche Hoffnung , die ihn beseelte , er würde die fünf übrigen Monate erlassen bekommen ! Sie erfüllte sich theilweise und in erfreulichster Art. Er brachte sie sämmtlich bei den deutschen Jünglingen zu , deren Unterricht er zu theilen hatte . Schon die Scham , unter Knaben ohne Bart verweilen und Latein von vorn beginnen zu müssen , beflügelte seinen Lerneifer . Er , der das Leben schon in allem kannte , was der natürliche Mensch mit Ungestüm zu fordern pflegt - saß hier auf der Schulbank , doch sein Kleid und sein physischer Bau ließen ihn dabei wenigstens äußerlich so jung erscheinen , wie die neunzehnjährigen ... Seltene , aber glückliche Stunden waren es , wenn die rothgekleidete Schar in den ihr eigenthümlich angehörenden Weinberg wandern durfte , um dort einen Nachmittag , meist ballschlagend und wettlaufend zuzubringen . Dieser Weinberg lag nicht weit von seiner ehemaligen Kaserne , auf den Höhen des Monte Cölio , dicht an einer Kirche , die von außen die merkwürdigste , von innen die abschreckendste aller römischen Kirchen ist . Gerade den deutschen künftigen Priestern hat man die Rotunde des heiligen Stephanus gewidmet , einen alten , sehr denkwürdigen Bau , der mit Bildern grauenhafter Art geschmückt ist . Ausschließlich scheint sie dem Martyrium gewidmet . Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der heiligen Agathe auf der Erde ; ein Tiger krallt seine Tatze in das Fleisch eines nackten Jünglings ; der heilige Hippolyt wird , mit seinen Füßen an flüchtige Pferde gebunden , dahingeschleift - es ist eine blutige Anatomie , eine Morgue , in deren Anschauung gerade die deutschen Jünglinge in Rom - Erholung finden müssen ! Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewährte Besuch in den Gärten des Heiligen Vaters auf dem Quirinal . Die blauen , gelben , grauen Jesuitenschüler erfreuten sich damals dieser Gunst noch öfter , als die rothen ; jetzt lernt man auch die Bedeutung dieser rothen Jünglinge schätzen . Wie berauschend , wie ewig an Rom fesselnd , bei Sonnenglut in diesen herrlichen , haushohen , kühlen Boskets von geschnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco , ein Kegelspiel , zu spielen ! Unter dieser Fülle von Oleandern , blühenden Aloes und Cactus ! Unter diesen zahllosen Orangenbäumen , deren Blüten