diese ist er eine große , bewegende Kraft . Wie ein geübter Steuermann auf offenem Meere steht der Kaufmann in der Handelswelt fest auf seinem Platze . Die stille Mondnacht , die sanft hingleitende Woge dürfen seine Wachsamkeit nicht einschläfern , der Aufruhr der Elemente und das Toben des Sturmes seinen Sinn nicht verwirren ; denn nicht allein sein eigenes Wohl und Wehe , das Wohl und Wehe Anderer ist seiner Hand anvertraut . Mitten im tobenden Kampfe , mitten im wilden Kriege muß er des Friedens und der Ruhe , in der Ruhe an die Möglichkeit des Kampfes denken . Er muß das Bedürfniß des Augenblicks erkennen , das Bedürfniß der Zukunft voraussehen . Um die eigene Sicherheit , den eigenen Wohlstand zu begründen , muß er jeden vorhandenen Mangel zu errathen wissen und ihm abzuhelfen trachten . Wo ein Ueberfluß sich zeigt , wo eine Noth sich fühlbar macht , tritt er ein . Nord und Süd , Ost und West treffen in seinem Geiste zusammen , erhalten ihre Ausgleichung und ihre Vermittlung durch seinen unternehmenden Sinn , und wie er bei den großen geschichtlichen Ereignissen ihre Ausführung ermöglichen hilft , so begegnet er dem alltäglichen Anspruche in der entlegensten Hütte . Was der grübelnde Forscher entdeckt , was der tiefsinnige Denker ergründet , der Kaufmann versucht , es für die Allgemeinheit durch seine Thätigkeit nutzbar zu machen . Alles Vorhandene muß ihm dienen , weil auch er sich allem Vorhandenen dienstbar macht ; und der Handel wird es auch jetzt wieder sein , der Kaufmann wird es sein , welcher jenen gewaltigen Erfindungen , welcher der Benutzung der Dampfkraft , wie sie in England und Amerika schon jetzt im Gange ist und wie wir sie in unserer Neudorfer Fabrik bald selbst anwenden werden , jene Ausbreitung über den ganzen Erdball sichert , durch welche sich Zustände und Verhältnisse entwickeln können , die wir noch kaum vorauszusehen vermögen , obschon sie vielleicht eine ganz neue Zeit für die Menschheit heraufzuführen geeignet sind . Er brach nachsinnend ab ; aber die beiden Anderen , von Paul ' s Begeisterung für seinen Beruf mit ihm fortgerissen , erwarteten schweigend , ob er nicht weiter sprechen würde . Es war selten , daß er sich in solcher Weise gehen ließ , denn er war durch seine große Thätigkeit gewohnt , sich in der Unterhaltung meist nur auf das Thatsächliche zu beschränken , und es überraschte ihn selbst , als er so warm geworden war . Es muß wahrhaftig hier in diesem Zimmer liegen ! rief er wohlgemuth , als Herbert seine schöne Wärme pries . Als Knabe schwärmte ich hier für eine Zukunft , die mir in nebelhaft wechselnden , aber stets sehr phantastischen Bildern vor den Augen schwebte ; nun , am erreichten Ziele , im Mannesalter schwärme ich für meinen Beruf und sehe in neuen Nebelbildern eine neue Zeit für die ganze Menschheit erstehen . Steinert begnügt sich doch wenigstens , mit einem Schöpfer gemeinsame Sache zu machen ; ich möchte schaffen aus eigener Gewalt , und wer ein Kaufmann in großem Sinne sein will , muß in der That ein Stück Allwissenheit für sich zu erringen trachten , denn wir sitzen vor allen Anderen , wie es der Dichter singt , auch mit an dem sausenden Webstuhl der Zeit und wirken , wenn auch nicht der Gottheit , so doch der Menschheit lebendiges Kleid . Dreizehntes Capitel Am ersten Oktober sollte die Uebergabe der beiden Artenschen Güter an ihre neuen Besitzer vor sich gehen und gleichzeitig auch die Verpachtung von Richten an den bisherigen Amtmann ihren Anfang nehmen . Das veranlaßte den jungen Freiherrn , von seiner künftigen Schwiegermutter die Festsetzung des Hochzeitstages in die dritte Woche des Septembers zu begehren , und die Gräfin widersprach diesem Wunsche nicht . Sie fand es natürlich , daß Renatus noch in der Kirche getraut zu werden wünschte , so lange sie sein eigen war , und ihr selbst war daran gelegen , so bald als möglich mit Hildegard zusammenzutreffen , die , aus dem Bade zurückgekehrt , nicht füglich länger bei ihrer Freundin in dem Stifte verweilen konnte . Weil man es unter den obwaltenden Umständen in keiner Rücksicht angemessen fand , eine große Feierlichkeit bei der Hochzeit zu veranstalten , hatte man keine besonderen Vorkehrungen für dieselbe zu treffen . Renatus hatte seinen ältesten Oheim , den Majoratsherrn Grafen Felix Berka , aufgefordert , Zeuge seiner Vermählung zu sein ; indeß derselbe hatte geschrieben , daß ein Unwohlsein ihn daran hindere . In früheren Jahren würde Renatus gegen eine solche Angabe keinen Zweifel gehegt haben ; jetzt fragte er sich , ob sein Oheim wirklich krank sei oder ob er nur eine Krankheit vorschütze , um einem Begegnen mit dem Neffen und einem Besuche in Richten auszuweichen , und leider irrte er sich in dieser Voraussetzung nicht . Der Graf war immer ein guter Haushalter gewesen , und Erfahrung hatte ihn klug und noch vorsichtiger gemacht . Die Arten ' sche Lebensweise hatte seinem Sinne nie zugesagt ; er hatte die zweite , späte Heirath seines Schwagers , des Freiherrn Franz , eben so mißbilligt wie die frühzeitige Verlobung von Renatus , dessen jetzige Handlungsweise er vollends hart beurtheilte ; und eben weil er gern auf seiner Hut war , weil er sich gern berühmte , ein tüchtiger Landwirth zu sein und wie ein solcher auch seinem einfachen Bauernverstande zu folgen , hielt er es für gerathen , die Hand von einem Wagen loszulassen , der von einer Höhe in das Hinunterrollen gekommen war . Renatus hatte Tag und Stunde seiner Ankunft festgesetzt , Cäcilie und Valerio waren ihm bis zu dem bekannten letzten Anhaltspunkte entgegengeritten , und da der warme Mittag des sonnigen Herbsttages es ihm möglich gemacht hatte , das Verdeck seines Wagens zurückschlagen zu lassen , sah und erkannte er die Geliebte schon von Weitem . Er war glücklich , als er die schlanke und doch so volle Gestalt vom Pferde hob , glücklich , als