wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen verwüsteten nordwestlichen und südlichen Deutschland ... Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft , obgleich der dazu nöthigen Mittel entblößt , an Flucht ... Auf der Festung hatte er freieren Aus- und Eingang , als die andern ... Der Jude Sontheimer wurde nicht ins Freie gelassen , sondern wie der gefährlichste Verbrecher gehütet , ohne daß man ihm etwas vorwerfen konnte ... Seine wilden Flüche erschreckten oft seinen Nachbar ... Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in solchen Händen ... Besuchte er aber dann wieder Sontheimer ' s Frau , so fand er ein schönes junges Weib , das ihn zwar nur halb verstand ( sie war eine Holländerin ) ; aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten so lebhaft auf ihr Gemüth ein , daß sie oft Thränen , vergoß ... Da wurde ihm freilich klar , daß es mit Sontheimer nicht richtig stand ; er forschte dahin und dorthin , suchte , ob sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte ... Aber noch blieb ihm jede Hülfe vorenthalten ... Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Jüdin bestachen ihn ... er ließ sein Kind um so mehr in ihrer Pflege , als sie auch die hingebendste war ... Es kostete bei der schwächlichen Gesundheit des winzigen Knäbleins nicht wenig Aufmerksamkeit , sein Leben zu erhalten ... Diese Pflege würde ihm in so wilder Umgebung , bei diesen Durchzügen und Einquartierungen von niemand anders gleich liebevoll und uneigennützig geleistet worden sein ... Allmählich entdeckte der Gefangene durch die Wandgespräche die wirkliche Gefährlichkeit seines Nachbars ... Der Jude beschwor eines Tages den Krieger , den Gefängnißwärter niederzuschlagen und ihm die Schlüssel zu rauben ... Würden sie auf diese Art frei , so wollte er ihn » fürstlich belohnen « ... Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Verdacht der Sicherheitsbehörden ... Die Welt war damals von Schrecken erfüllt vor jenen großen Verbrecherbanden . Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von Strasburg bis zum Niederrhein alle zerstreuten Elemente des Gaunerthums und der Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise durch die überwiegende Theilnehmerschaft der Juden wurde bewiesen , wie es sich an der christlichen Gesellschaft rächt , wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck , in der Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsübung erhält . Man zitterte vor Abraham Picard , der unter hundert Verkleidungen und täuschenden Entstellungen seiner Person immer den Händen der Justiz zu entschlüpfen wußte und von Holland bis zum Spessart mit seinen Genossen und überall versteckten Helfershelfern raubte und sengte ... Mit sich kämpfend , was zu thun seine Pflicht war , stand der Kriegsgefangene verzweifelnd zwischen dem Verlangen , die Behörden auf die Gefährlichkeit seines Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der Sorge für sein Kind ... Voll Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rathe ziehen ... Von seiner ihn immer begleitenden Wache geführt , kam er in die Stadt und in jene dunkle Gasse . Er sucht die Pflegerin seines Kindes , tritt in ihr Zimmer und findet die Jüdin entflohen ... Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage verschwunden ... Außer sich , hielt er jetzt mit keiner seiner Enthüllungen , wenigstens über die heimlich in der Stadt anwesende Frau des Gauners zurück . Sontheimer wurde mit ihm confrontirt . Er stürzte auf den Verbrecher zu , den er zum ersten mal in ganzer Gestalt sah , verlangte Auskunft über den Ort , wo sich sein Weib verborgen haben könnte und hörte nun , wie dieser kecke , wilde , trotzige Mensch , von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster gesteckten Kopf gesehen hatte , sich mit einer Verschlagenheit herauszureden wußte , daß er aus Furcht vor Rache an seinem Kinde Anstand nahm , noch alles Fernere zu gestehen , was ihm Sontheimer zugemuthet hatte . Listig sagte dieser : Es ist nicht mein Weib gewesen , sondern das Weib eines andern , der mir schuldig ist und den ich in Nimwegen verklagen muß , wenn ich auf freiem Fuß bin ! Laßt mich ziehen ! Ich heiße Sontheimer , bin ein ehrlicher Mensch und werde euch die Frau in Nimwegen zeigen , wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt ! Geschrieben wurde nun freilich hin und her . Aber gerade dem Niederrhein zu und in Holland wüthete die Kriegsfurie . Städte geriethen in Brand ; in nächster Nähe waren die Bauern der Lahngegend , Hessens , am Main bis zum Spessart hinauf als Landsturm organisirt , - mitten in die von der Batavischen Republik heraufziehenden Heere hinein konnte sich der österreichische Krieger noch weniger wagen , selbst wenn er entfloh . Aus Sontheimer war nichts mehr herauszubekommen . Auch da nicht , als endlich der Kriegsgefangene frei und mit vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zurückgegeben wurde . Er durfte nicht etwa in seine Heimat zurückkehren , er mußte nach Italien gehen , wo gerade Suworow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen führte . Mit blutendem Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an , ließ bei dem » Maire « von St.-Goar die Erkennungszeichen des flüchtigen Weibes und seines Kindes zurück , bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten , wenn ihnen eine Kunde käme oder wenn der Jude Sontheimer entlarvt würde , und ging über Mainz nach Baiern , von dort über den Vorarlberg nach Tirol und Italien , wo er in der blutigen , für Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand . Abraham Picard , der gefürchtete Räuber war es selbst gewesen , der bald nach der Entfernung des unglücklichen Kriegers in seinem Gefängniß auf dem Rheinfels ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch der Schrecken des Landes blieb . Jene junge Frau war in der That nicht sein Weib , sie war seine Schwiegertochter . Ihr Mann , sein Sohn Heyum Picard ' , verschaffte ihm zuletzt die Mittel zur Befreiung , nahm aber schon