seiner Mutter vorfiel ? Sie gab dem Solitüder Vorfalle erst die mystische Abrundung und Beleuchtung , denn sie war es , die bei ihrer großen Beweglichkeit Hunderte von Urtheilen darüber hörte und diese Urtheile in Thatsachen verwandeln konnte . Man pries das Herz des Monarchen , man bewunderte den Takt seiner Gemahlin . Man stritt darüber , welchem Gefühle die Scene am wohlthuendsten müsse gewesen sein , und kam darin überein , daß die junge Fürstin wohl die reinste Freude dabei genossen hätte ; denn sie war es , sagte man mit der eigenthümlichen Sentimentalität jener Regionen , die den König glücklich sah ! Lauschte man doch von allen Seiten in des Königs Umgebung auf Momente , wo eine innere Freude aus seinem durch die Zeitverhältnisse eingeschüchterten Gemüthe drang ! Der König hat gelacht ! Ein solches Wort flog oft mit Blitzesschnelle bei einer Cour durch den Mund von hundert Menschen und die » kleinen Cirkel « endeten dann noch einmal so gut ; denn die Hoffnung auf eine Lösung der Wirren , die die Krone bedrohten , schimmerte dann doch etwas leuchtender . Man hoffte dann wieder auf energische Befreiung von einem Ministerium , das die Noth des Augenblicks dem Regentenhause aufgedrängt hatte . Es war aus entschieden lästigen Bestandtheilen , aus Kaufleuten , Fabrikanten und ähnlichen » Emporkömmlingen « zusammengesetzt . Einige renitente Beamte , besonders aus der Richtersphäre , hatten die Verwirrung , die in den höchsten Kreisen herrschte , nur noch vermehrt . Das Vertrauen auf die alte unbedingte Hingebung der Bureaukratie war auch schon bei Hofe untergraben . Man sah sich da wie auf dem stürmenden Meer nach einem rettenden Ufer , einem Leuchtthurm , einem Lootsen um . Das Drängen um die Ehre des Steuerruders war so groß , daß Keiner es besonders kräftig erfassen konnte . Eine allgemeine Rathlosigkeit lähmte den ganzen Staatsorganismus , der neue Formen sich aneignen sollte und noch nicht die Seele für diese Formen hatte . Der bevorstehende Landtag , weit entfernt , einen Halt , eine rettende Planke für die Schiffbrüchigen zu bieten , war voraussichtlich nur die Veranlassung neuer Verwirrungen , neuer Stürme . Man konnte schon jetzt mit Bestimmtheit prophezeien , daß sich das so nothwendig sich dünkende Ministerium ihm gegenüber nicht würde behaupten können . Und zu militairischem Druck , zu Gewaltmaßregeln allein , schämte man sich , jetzt schon zu greifen . Man wollte doch so gern den Schein der Gedankenfreiheit behaupten und manche Idee verwirklicht sehen , die ohne Unterstützung der Überzeugungen keine Dauer versprach . Niemand war von allen diesen Wirren mehr ergriffen als eine vornehme Dame , die wir zwei Tage nach dem im Vorangehenden geschilderten Septemberdonnerstage am Samstag Abend bei trübem und regnerischem Wetter schon um sechs Uhr Abends auf ihrem gelben Sopha bei gedämpfter Beleuchtung einer großen Lampe ausgestreckt , die Füße mit einem Shawl belegt und melancholisch genug erblicken . Pauline von Harder befand sich in ihrem ostensiblen Boudoir , dem uns bereits bekannten Zimmer Gelb in Blau . Sie schlug die Arme zusammen und sah auf eine Schreibmappe nieder , die mit einer Feder auf ihrem Schooße lag . Das Dintenfaß war in der Schreibmappe selbst angebracht . Eine andere Dame , die alte Ludmer , breitete ihr den Shawl auf den Füßen auseinander , damit sie sich des Frostes erwehrte , der sie bei dem trüben und plötzlich sehr herbstlichen Wetter überschauerte . Auch die Ludmer hatte eine Art Schreibanstalt vor sich an dem runden Tische von Mahagony . Auf einem Blättchen notirte sie mit einem Bleistifte . Wie kalt es ist ... Es ist sechs Uhr und schon finster ! seufzte die Geheimräthin . Der Herbst kommt dies Jahr so früh ... schnarrte die alte Gesellschafterin . Der Sommer war zu schön und wie wenig hab ' ich ihn genossen . Die Ludmer antwortete mit einer aufrichtigst zustimmenden Geberde . Ein Bedienter trat eben ein und ließ die Vorhänge nieder . Es war Franz . Bei den Wäsämskoi ' s drüben auch schon Licht ? sagte Pauline . Stichdunkel ! antwortete Franz . Hat der alte Herr von drüben wieder unser Haus so oft angeglotzt ? fragte die Ludmer . Franz antwortete : Heut früh ging er wohl zehnmal vorüber und schien Lust zu haben , zu klingeln . Immer besann er sich wieder und wandte sich dann nach der Stadt ... Sollt ' er die kühle Visite der Fürstin gut machen wollen ? fragte die Geheimräthin . Was ? sagte die Ludmer , die vielleicht jemand Anders im Sinne hatte . Ach , du meinst den alten Hauslehrer ? Franz wußte darauf keine Antwort und ging mit der Bemerkung , der Alte heiße Rudhard , aus dem Zimmer . Die Ludmer begann jetzt zu plaudern , zu berichten , zu unterhalten . Sie erzählte von dem jungen Maler , der fast den ganzen Tag dort drüben bei Helenen ' s Schwester und ihren Kindern wie eingebürgert verweile . Sie erzählte von dem stadtbekannt gewordenen Rendezvous in Solitüde , von großen Scenen zwischen der Mutter und Tochter ... Erinnere mich nicht an diesen Tag ! sagte Pauline leidend . So sich in seinem eignen Manne prostituirt zu sehen ! Gegenstand des Spottes in dem Menschen , der unser natürlicher Schutz , Beistand , unsre Ehre sein sollte ! Ich kann mir denken , daß in allen Gesellschaften nur von Henning ' s stupider Miene gesprochen wird ! Die Ludmer richtete ihre stechenden Augen auf die Geheimräthin und sagte voll tiefster Besorgniß : Ja , ja ! Zu unserm Dienstag-Diner haben der Oberhofmarschall und Graf Franken absagen lassen ... Es sollte mich gar nicht wundern , wenn wir in eine förmliche Ungnade fielen , erwiderte Pauline . Nur wegen der Solitüde ? sagte die Ludmer mit schärferem Blicke zu ihrer Freundin und Gebieterin hinüberschielend und ihre Dose anschlagend . Ich weiß , was du sagen willst , antwortete Pauline . Man erklärt mein Haus jetzt für den Sammelplatz der Opposition . Man sagt , ich machte