noch ganz und gar verdorben wirst durch die unsinnige Vergötterung , die man mit Dir treibt . Der leistet das Möglichste darin , wie überhaupt Dein ganzer Verehrerkreis ! Sie setzen Dich ja wie einen Dalai Lama in die Mitte und gruppiren sich ehrfurchtsvoll um Dich herum , um den Aeußerungen Deines Genius zu lauschen , auch wenn es diesem Genius gelegentlich einmal belieben sollte , seine begeisterte Umgebung zu maltraitiren . Schade um Dich , Reinhold . Sie treiben Dich damit unfehlbar zu der Klippe , an der schon so manche bedeutende Kraft gescheitert ist – zur Selbstvergötterung . “ „ Nun , daß dies vorläufig noch nicht geschieht , dafür sorgst Du schon , “ entgegnete Reinhold sarkastisch . „ Du scheinst Dich jetzt ganz ausgezeichnet in der Rolle des getreuen Eckhard zu gefallen und probirst sie bei jeder Gelegenheit ; sie ist aber die undankbarste von allen ; gieb sie auf , Hugo ! Sie sagt Deiner Natur ganz und gar nicht zu . “ Der Capitain runzelte die Stirn , aber er blieb vollkommen ruhig bei dem Tone , der einen Anderen leicht gereizt hätte , warf die Vogelflinte über den Rücken und ging hinaus . Nach wenigen Minuten schon befand er sich draußen am Meere , und als der frische Seewind erst seine Stirn kühlte , da war es auch schon wieder aus mit dem ganzen Ernste des Herrn Capitain ; er schlug richtig den Weg nach der Villa Fiorina ein . Die Wahrheit zu sagen , begann sich Hugo bereits zu langweilen in Mirando und in der vorwiegend künstlerischen Atmosphäre , welche die Neigung des Marchese und die Gegenwart seines Bruders dort schufen . Die paradiesische Lage der Besitzung war dem mit der Schönheit der Tropenwelt vertrauten Seemanne nichts Neues , [ 493 ] und die Einsamkeit , der sich Reinhold mit einer fast krankhaften Sehnsucht hingab , sagte Hugo ’ s lebensfroher Natur durchaus nicht zu . Freilich lag das von Fremden schon reich bevölkerte S. in ziemlicher Nähe , aber man konnte doch nicht allzu oft hinüberfahren und dadurch dem jungen Wirthe zeigen , daß man bei ihm die Geselligkeit vermisse . Da kam denn diese vermuthlich schöne und jedenfalls geheimnißvolle und interessante Nachbarschaft äußerst gelegen , und Hugo war sofort entschlossen , sie sich zu Nutze zu machen . „ Das halte ein Anderer aus mit diesen Künstlern und Kunstenthusiasten ! “ sagte er ärgerlich , während er den Weg am Meere entlang verfolgte . „ Den halben Tag lang sitzen sie am Flügel , und während der übrigen Zeit sprechen sie von Musik . Reinhold bewegt sich ewig in Extremen . Mitten aus dem wildesten Leben , aus den unsinnigsten Aufregungen stürzt er sich Hals über Kopf in diese ideale Einsamkeit und will nichts weiter hören und wissen als nur seine Musik ; mich soll nur wundern , wie lange das anhält . Und dieser Marchese Tortoni ? Jung , schön , reich , aus dem edelsten Geschlecht , weiß dieser Cesario mit dem Leben nichts Besseres anzufangen , als sich monatelang in die Einsamkeit seines Mirando zu vergraben , den Dilettanten in großem Stile zu spielen , und dem Reinhold mit seiner maßlosen Vergötterung den Kopf noch mehr zu verdrehen . Da verstehe ich meine Zeit doch besser anzuwenden ! “ Bei diesen letzten mit großem Selbstgefühle gesprochenen Worten blieb der Capitain stehen , denn das Ziel seines Ganges war vorläufig erreicht . Vor ihm lag die Villa Fiorina , überschattet von hohen Pinien und Cypressen und wie vergraben in blühenden Gesträuchen . Das Haus selbst schien prachtvoll und geräumig zu sein , aber die Hauptfront , sowie die nach dem Meere hinaus gelegene Terrasse waren so dicht umrankt und umgeben von Rosen- und Oleandergebüschen , daß selbst der Falkenblick Hugo ’ s es nicht vermochte , die duftige Schutzwehr zu durchdringen . Eine hohe , von Schlingpflanzen überwucherte Mauer umschloß die parkartigen Gartenanlagen , die in dem Olivenwalde endigten , der die Besitzung umgab . Sie mochte , nach der Großartigkeit der ganzen Anlage zu urtheilen , wohl früher das Eigenthum einer vornehmen Familie gewesen sein , dann , wie so viele ihres Gleichen , öfter den Besitzer gewechselt haben , und jetzt reichen Fremden zum vorübergehenden Aufenthalt dienen . Jedenfalls gab sie an Schönheit der Lage dem viel gepriesenen Mirando des Marchese Tortoni nicht das Geringste nach . Der Capitain hatte seinen Feldzugsplan bereits entworfen ; er musterte daher nur flüchtig die Umgebung , machte einen vergeblichen Versuch von der Seeseite her einen freieren Blick auf die Terrasse zu gewinnen , maß für alle Fälle mit dem Auge die Höhe der Gartenmauer und schritt dann geradeswegs nach dem Eingange , wo er die Glocke zog und ohne Weiteres die Herrschaft zu sprechen verlangte . Der Pförtner , ein alter Italiener schien für dergleichen Fälle schon seine Instruction zu haben , denn ohne nur nach dem Namen des Fremden zu fragen , erklärte er kurz und bündig , die Herrschaft nehme keine Besuche an , und er bedaure , daß sich der Signor umsonst bemüht habe . Hugo zog kaltblütig seine Karte hervor . „ Man wird eine Ausnahme machen . Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit , die durchaus persönliche Rücksprache erfordert . Ich werde inzwischen hier warten , da ich jedenfalls werde empfangen werden . “ Er ließ sich ruhig auf die Steinbank nieder , und diese unerschütterliche Zuversicht imponirte dem Pförtner dermaßen , daß er wirklich an die Wichtigkeit der vorgeblichen Mission zu glauben begann . Er verschwand mit der Karte , während Hugo , ganz unbekümmert um die etwaigen Folgen , das Resultat seines kecken Manövers abwartete . Dieses Resultat war ein über Erwarten günstiges , denn schon nach kurzer Zeit erschien ein Diener , der den Fremden , welcher sich mit einem deutschen Namen eingeführt , auch in dieser Sprache anredete , und ihn ersuchte , einzutreten . Er führte den Capitain in einen Gartensaal und ließ ihn dort allein , mit