auch Sie sie schon öfter besucht haben . “ „ Wir hörten von der bedrängten Lage der Familie , “ erklärte Agnes . „ Mein Vater kennt den Mann , der bisweilen Arbeiten für die Kanzlei liefert , als fleißig und ehrlich , und so entschloß ich mich , die Kranke zu besuchen , um ihr wenigstens geistlichen Trost zu spenden . “ „ Der geistliche Trost ist vorläufig ganz überflüssig , “ sagte Max in seiner rücksichtslosen Weise . „ Kräftige Bouillon und stärkende Weine sind weit nothwendiger . “ Fräulein Agnes schien wieder in Begriff , eine ihrer Rückzugsbewegungen auszuführen , mit denen sie schon bei der ersten Begegnung ihr Entsetzen vor den gottlosen Aeußerungen des Doctors documentirte ; diesmal besann sie sich aber und hielt Stand ; ihre sanfte , leise Sprache gewann sogar eine Beimischung von Schärfe , als sie antwortete : „ Auch dafür habe ich die Mittel gebracht und werde es noch ferner thun , so weit es in meinen Kräften steht . Ich hielt es aber zugleich für dringend nothwendig , die Schwerkranke auf den Himmel vorzubereiten , der vielleicht bald ihrer wartet . “ „ Das ist eine eigenthümliche Beschäftigung für junge Damen Ihres Alters , “ bemerkte Max . „ In Ihren Jahren pflegt man sich noch vorzugsweise mit der Erde zu befassen und die himmlischen Freuden auf sich beruhen zu lassen . “ Agnes war offenbar beleidigt durch den Spott ; sie ließ sogar ihre gewohnten Sanftmuth fahren und erwiderte in etwas gereizten Tone : „ Ich habe der Welt bereits entsagt und bereite mich mit solchen frommen Diensten nur auf meinen künftigen Beruf vor . Ich werde in wenigen Monaten den Schleier nehmen . “ Max blieb stehen und sah seine Begleiterin mit dem Ausdruck der höchsten Betroffenheit an . „ Das geht nicht , “ sagte er plötzlich . „ Herr Doctor , ich bitte Sie , “ mahnte das junge Mädchen , aber der Herr Doctor nahm gar keine Notiz von diesem Protest gegen seine unbefugte Einmischung . „ Ein für alle Mal : das geht nicht , “ wiederholte er mit Entschiedenheit . „ Sie sind kränklich , sind überhaupt von sehr zarter Constitution und bedürfen der größten Schonung , wenn Sie dauernd genesen wollen . Das Klosterleben mit seinen strengen Vorschriften , seiner Abgeschlossenheit und den anstrengenden und aufregenden Bet- und Bußübungen ist für Sie ganz und gar nicht geeignet . Es bringt Ihnen ohne Frage ein Brustübel – die Schwindsucht – den Tod . “ Der junge Arzt warf das alles mit einer Unfehlbarkeit hin , als habe er in eigener Person das angedrohte Schicksal zu verhängen , und seine Worte verfehlten auch nicht ihre Wirkung . Agnes sah ihn ganz erschrocken mit ihren dunklen Augen an , dann aber neigte sie ergebungsvoll das Haupt und versetzte kaum hörbar : „ Ich habe nicht geglaubt , daß mein Leiden so ernster Natur sei . “ „ Es ist gar nicht ernst , wenn Sie eine vernünftige und naturgemäße Lebensweise führen , “ rief Max im vollsten Aerger , „ aber das Klosterleben ist der Gipfel aller Unnatur und Unvernunft , und Sie vollends werden schon in den ersten Jahren daran zu Grunde gehen . “ Agnes überlegte augenscheinlich , ob sie schleunigst diesen Doctor fliehen sollte , dessen Gottlosigkeit sich eben wieder so unzweideutig zeigte , aber sie zog es vor , sich einen noch tieferen Einblick in seine Verderbtheit zu verschaffen , und fragte nun ihrerseits : „ Sie hassen also die Klöster ? “ „ Es ist mein Beruf , allerlei Leiden und Plagen des Menschengeschlechtes zu bekämpfen , “ versetzte der junge Arzt mit malitiöser Aufrichtigkeit . „ Und Sie hassen auch die Religion ? “ „ Je nach dem – es kommt darauf an , was man so nennt – übrigens sind Kloster und Religion ganz verschiedene Dinge . “ Das war zu viel für die angehende Nonne ; sie beschleunigte ihren Schritt , um aus dieser gefährlichen Nähe fortzukommen , aber das half ihr durchaus nichts . Max fiel augenblicklich in das gleiche Tempo , und sie blieben nach wie vor bei einander . „ Sie sind natürlich anderer Ansicht , “ fuhr er fort , da er keine Antwort erhielt . „ Sie sind aber auch in ganz anderen Umgebungen und Anschauungen erzogen als ich . Was mich betrifft , so möchte ich alle Klöster – “ „ Vom Erdboden vertilgen ? “ fiel das junge Mädchen mit zitternder Stimme ein . „ Das gerade nicht , “ sagte der praktische Max . „ Es wäre ja schade um die schönen Gebäude . Man könnte sie nutzbringend verwerthen , und auch für die Insassen würde sich irgend eine Bestimmung finden . Die Nonnen zum Beispiel könnte man verheirathen . “ „ Ver – heirathen ! “ wiederholte Agnes , den Sprechenden in starrem Entsetzen anblickend . „ Ja , warum nicht ? “ fragte er in größter Seelenruhe . „ Ich glaube nicht , daß man da auf allzu häufigen Widerspruch stoßen würde . Es wäre wirklich das Beste , sämmtliche Nonnen zu verheirathen . “ Fräulein Agnes mußte wohl eine dunkle Furcht hegen , das ihren künftigen Mitschwestern angedrohte Schicksal könne sich ganz urplötzlich an ihr vollziehen , denn sie fing förmlich an zu laufen , aber vergebens ; denn Max lief mit . „ Die Sache ist gar nicht so schlimm , wie Sie sich vorstellen , “ sagte er . „ Jeder vernünftige Mensch heirathet und die Meisten befinden sich sehr wohl dabei . Es ist wirklich unverzeihlich , einem jungen Mädchen eine solche Abneigung gegen Dinge einzuflößen die sich ganz von selbst verstehen und – ja , mein Fräulein , nun müssen wir aber ausruhen – ich bin zu Ende mit meinem Athem . Gott sei Dank ! Ihre Lunge ist noch kerngesund , sonst hätten Sie diesen Sturmlauf nicht ausgehalten . “ Agnes blieb gleichfalls stehen , denn auch ihr versagte jetzt der