« » Nicht ! « warnte Jenatsch . » Ihr seid der eiskalten Quellen entwöhnt ! Hätt ich ein Becherlein , so mischt ich Euch einen gesunden Trank mit ein paar feurigen Weintropfen aus meiner Feldflasche . « Da blickte ihn Lucretia liebevoll an , holte aus ihrem Gewande einen kleinen Silberbecher hervor und ließ ihn in seine Hand gleiten . – Es war das Becherlein , das ihr einst der Knabe zum Gegengeschenk für ihre kecke kindliche Wanderfahrt nach seiner Schule in Zürich gemacht , und das sie nie von sich gelassen hatte . Jürg erkannte es sogleich , umfing die Knieende und zog sie mit einem innigen Kusse an seine Brust empor . Sie sah ihn an , als wäre dieser einzige Augenblick ihr ganzes Leben . Dann brachen ihr die Tränen mit Macht hervor . » Das war zum letzten Male , Jürg « , sagte sie mit gebrochener Stimme . » Jetzt mische mir den Becher , daß wir beide daraus trinken ! Zum Abschiede ! Dann laß meine Seele in Frieden ! « – Schweigend füllte er den Becher und sie tranken . » Siehe dieses Rinnsal zwischen uns « , begann sie wiederum , » es wird unten zum reißenden Strome . So fließt das Blut meines Vaters zwischen dir und mir ! Und überschreitest du es , so müssen wir beide darin verderben . – Sieh « , fuhr sie mit weicher Stimme fort und zog ihn neben sich auf den Felssitz , » als ich dich unten in den Händen der Häscher sah , hätt ich dich lieber mit eigner Hand getötet , als dich ein schmähliches Ende nehmen zu lassen . Du hast mir das Recht dazu gegeben ! Du bist mein eigen ! Du bist mir verfallen . Aber ich glaube dir : diesem Boden , dieser geliebten Heimaterde bist du zuerst pflichtig . So gehe hin und befreie sie . – Aber , Jürg , sieh mich niemals wieder ! Du weißt nicht , was ich gelitten habe , wie sich mir alle Jugendlust und Lebenskraft in dunkle Gedanken und Entwürfe verwandelte , bis ich zu einem blinden , willenlosen Werkzeuge der Rache wurde . Hüte dich vor mir , Geliebter ! Kreuze nie meinen Weg ! Störe nie meine Ruhe ! « – So saßen die beiden in der Einöde . Seit Jenatsch die Tochter des Herrn Pompejus bei der Herzogin wiedergesehen , war die in den Wagnissen und Verwilderungen eines stürmischen Kriegslebens nie ganz vergessene Liebe seiner Kindheit flammend aus der Asche erstanden , und mit ihr ein trotziger Geist der Empörung gegen sein Schicksal . Mit einer Bluttat , die dem Jünglinge als Vollstreckung eines gerechten Volksurteils erschienen war und die der jetzt Gereifte und Welterfahrne als eine unnütze Befleckung seiner Hände verwünschte , hatte es ihn für immer geschieden von einem großen und hilfreichen Herzen , das von jeher sein eigen war . Dieser Geist der Auflehnung und Verzweiflung reizte ihn jetzt , die als begehrenswertes Weib vor ihm stehende Lucretia um jeden Preis zu gewinnen und wenn sie ihm verderblich werde – denn er kannte sie – triumphierend mit ihr unterzugehen . Aber er erdrückte den Dämon . Stand er nicht mitten in einem andern Kampfe , der den Einsatz des ganzen Mannes forderte und alle seine Kräfte und Leidenschaften in eine Anstrengung zusammenfaßte ? Auch war seine Natur von jenem Stahl , der aus den Steinwänden der Unmöglichkeit immer wieder die hellen Funken der Hoffnung herausschlägt . Er war gewohnt , an nichts zu verzweifeln und nichts aufzugeben . Konnte sich Lucretias Gemüt nicht wieder erhellen ? War es gänzlich unmöglich das Vergangene zu sühnen durch Taten von ungewöhnlicher Größe ? Mußte denn unabänderlich auf den liebsten Kampfpreis verzichtet sein im Augenblicke da sich des Ruhmes glänzende Staffeln hart vor seinen Augen erhoben ? Auch war Lucretia heute so weich , und als sie ihm den kleinen Silberbecher in die Hand drückte , hatte ihn aus ihren vertrauensvollen braunen Augen das Mägdlein angeschaut , das ihn einst beim Kinderspiele zu seinem Beschützer und Hüter erkoren ! . . . So bezwang er mit starkem Willen seine Leidenschaft , legte ihr Haupt sanft an seine Brust , drückte noch einen leisen Kuß auf ihre Stirn und sagte , wie er vor vielen Jahren zu dem weinenden Mägdlein zu sagen pflegte , wenn sie sich einmal entzweit hatten : » Sei gut und stille , Kind ! Der Friede ist geschlossen . « – Lucretia hatte damit Ernst gemacht . Ruhe war über ihr Gemüt gekommen mit dem Gefühle , daß die Höhe des Lebens überstiegen und die Erinnerung ihr größter Besitz sei . Nun wohnte sie seit Monaten in den Klostermauern von Cazis . Das Wort des frommen Herzogs , daß es sicherer sei , Frevel durch Opfer der Liebe zu sühnen als durch neue Gewalttat , begann in ihrer gestillten Seele Wurzel zu schlagen . – Wenn sie den Wunsch der Frauen von Cazis nicht erfüllte , so war der herüberschauende Turm von Riedberg daran schuld , der sie an ihre freien Kindertage erinnerte und ihr das unabhängige Leben einer Burgherrin im Ringe ihres Gesindes und ihrer Dorfleute vor Augen stellte . Sie sehnte sich nach den alten Schloßräumen , um darin den Haushalt ihres Vaters wiederaufzurichten . – Auch schlummerte , ihr unbewußt , ein anderer Widerspruch in ihrem Herzen : sie konnte der Welt nicht klösterlich entsagen , solange Jürg in Taten schwelgte und immer größere Kampfbahnen sich vor ihm aufschlossen . In dem Meßbuche , welches aufgeschlagen neben dem Fräulein auf dem Sims lag , hatte der durch das offene Fenster spielende Bergwind schon lange ungestüm hin und her geblättert , ohne daß Lucretia es gewahrte . Jetzt aber wurde sie durch den Ton einer wohlbekannten Stimme aus ihren Träumen aufgeschreckt . Sie trat an den Fensterbogen und erblickte neben der Pförtnerin die braune Kutte des Paters Pancraz . Sein keckes , sonneverbranntes Gesicht schaute diesmal noch zuversichtlicher als gewöhnlich