mischten sich Häuserbalken und losgerissene Bretter ... Das schwoll und gurgelte und hatte noch lange nicht genug an der Not und dem Jammer , die es bereits mit sich schleppte . Und darüber schwebte das Mondlicht , so süß und golden , so erbarmungslos weiterlächelnd , wie die zwei dunkeln Mädchenaugen drüben im weißen Schlosse , nachdem sie in den Abgrund geblickt hatten , der sich über einem zertretenen Menschenherzen schloß . Auf dem Neuenfelder Kirchturm schlug es neun . Die zwei Wandernden waren über vier Stunden umhergeirrt und näherten sich der Jochbrücke – der Student war ermattet zum Umsinken ... Da tauchte plötzlich am jenseitigen Ufer Sievert auf . Er hob die Arme wie abwehrend und rief mit lauter Stimme hinüber ; aber das Toben und Brausen des nahen Wehres verschlang die Laute . Während der Hüttenmeister stehen blieb und aufmerksam dem erneuten Zuruf lauschte , betrat der Student ungeduldig die Brücke und schritt vorwärts . Ein Aufschreien des alten Soldaten gellte herüber – er gebärdete sich wie ein Unsinniger und schlug die Arme um das Brückengeländer – , in demselben Augenblicke erscholl ein dumpfes Krachen – ein langer Balken fuhr gegen die Brückenpfähle , sie sanken sofort . – Mit Gedankenschnelle wuschen und wühlten die Wasser das morsche Gerüst auseinander , und unter dem grausen Gemisch treibender Balken und Bretter verschwand die Gestalt des Studenten . Der Hüttenmeister sprang ihm ohne weiteres nach . Der durch die Krankheit entnervte junge Mann war rettungslos verloren gegenüber dem fortreißenden Wasserschwall ... Selbst der riesenstarke Mann rang keuchend mit den Fluten – zweimal streckte er vergeblich die Hand nach dem Verunglückten aus – , immer näher und unwiderstehlicher wurden beide nach dem Wehre hingetrieben . Endlich gelang es dem Hüttenmeister , den treibenden Körper zu erfassen ; aber nun kam das Furchtbare – der Student war nicht des Bewußtseins , wohl aber für einen Moment aller Vernunft beraubt – , er erkannte seinen Retter nicht ; er schlug nach ihm und wehrte sich gegen die rettende Hand verzweifelter als gegen die tückischen Fluten ... Trotz dieses entsetzlichen Kampfes kam der Hüttenmeister dem jenseitigen Ufer näher und näher – mit dem letzten Kraftaufwand schwang er den Studenten uferwärts , Sievert ergriff dessen Arme und zog ihn auf das Trockene . Hier gerade war das Flußbett sehr tief ; das Ufer überragte noch um drei Fuß Höhe die Wasserfläche ... Die letzte gewaltige Bewegung , mittels welcher der Hüttenmeister seinen Bruder an das Land geschleudert hatte , trieb ihn selbst sofort in die Mitte des Flusses zurück ... Noch einmal begann der Kampf , und zwar um das eigene Leben – aber – war ihm dieser Preis nicht mehr begehrenswert genug , oder hatten ihn die Kräfte in der Tat verlassen , der junge Mann verschwand plötzlich . Sievert rannte am Ufer hin und rief in verzweiflungsvollen Tönen den Namen des Versinkenden – da hob sich noch einmal das totenbleiche Gesicht hoch aus den Wassern – der alte Soldat schwur sein Leben lang , er habe in diesem Augenblick den Hüttenmeister noch lächeln sehen – , noch einmal streckten sich die Arme wie zum Gruß empor – » Leb wohl , Bertold ! « scholl es herüber . Gleich darauf trieben Bretter über dieselbe Stelle , wo so viel Jugend und Schönheit und ein braves deutsches Herz versunken war ... Der alte Soldat starrte mit gesträubtem Haar hinüber – dicht am Wehre tauchte noch einmal der dunkle Arm auf – dann stürzte der Schwall donnernd in die Tiefe ... Auf dem Neuenfelder Kirchhof , neben dem Grab der blinden Frau , wurde der Hüttenmeister in die Erde gebettet ; man hatte den Körper des Verunglückten eine halbe Stunde von Neuenfeld entfernt im Weidengebüsch hängend gefunden ... Das Gerücht ging , auch der Student sei ertrunken , denn er war spurlos verschwunden seit der unglückseligen Nacht – » zu seinem Glücke « , sagten die Leute im weißen Schlosse . Sie erzählten in tiefster Entrüstung , welch schreckliche Dinge der verabscheuungswürdige » Demagoge « Seiner Exzellenz ins Gesicht gesagt – und daß dieses schauderhafte Verbrechen eine eklatante Sühne verlangt hatte , war selbstverständlich ... Ein Jahr nach diesen Ereignissen , genau zu der Zeit , als auf dem Grab des Hüttenmeisters die Primeln und Schneeglöckchen ihre schuldlosen Augen aufschlossen , stand ein Brautpaar am Altar der Schloßkapelle zu A .... Auf den Emporen drängten sich die Damen des Adels und der höchsten Beamtenkreise , und sämtliche Glieder des Fürstenhauses waren anwesend . Schuldloses Weiß umfloß die Glieder der Braut – weiß war der prachtvolle Spitzenduft über der glitzernden Atlasschleppe und weiß der Orangenblütenkranz in den dunklen Locken . Und das Antlitz leuchtete wie der kalte , unberührte Marmor durch das Helldunkel der Kirche – in den Augen aber loderte Triumph – Haltung und Gesichtsausdruck entbehrten völlig den veilchensüßen Hauch bräutlicher Scheu und Demut ; kein » Engel « , wohl aber das schönste Weib stand dort , das die Hand begehrlich nach Glanz und hoher Lebensstellung ausstreckte . Der mit Orden bedeckte Bräutigam war Baron Fleury , fürstlich A.scher Minister , und neben ihm stand die fürstliche Hofdame Jutta von Zweiflingen , » Tochter des Freiherrn Hans von Zweiflingen und der Adelgunde , geborenen Freiin von Olden « . » Tadelloses Vollblut , Durchlaucht ! « flüsterte die Oberhofmeisterin der Fürstin mit dem Lächeln tiefster Befriedigung zu und verneigte sich glückwünschend bis zur Erde . 10 Seit dem Tode des Hüttenmeisters waren elf Jahre verflossen ... Wäre – wie ein frommer Wahn annimmt – der abgeschiedene , unsterbliche Menschengeist wirklich verurteilt , in ewig beschaulicher Untätigkeit auf die alte irdische Heimat herabzusehen , dann hätte der Verstorbene , dessen Herz so warm und so treu für seine bedürftigen Landsleute geschlagen hatte , die tiefste Genugtuung empfinden müssen beim Anblick des Neuenfelder Tales . Das weiße Schloß freilich lag noch so unberührt von Zeit und Wetter auf dem grünen Talgrunde , als sei es während der langen elf Jahre von einer konservierenden Glasglocke überwölbt gewesen