ich sehe im Geist in ihren Händen vor allem die Tabellen und Statistiken . Und wo früher die Träne des Mitleids rann , hört man jetzt das Wort soziale Pflicht . « » Ist es nicht ein Fortschritt , daß Pflicht wurde , was früher Gnade war ? « fragte sie . » Ja . Mein Gott - ich fürchte , Sie werden mir nichts , gar nichts entgegnen , wozu mein Verstand nicht ja sagen müßte , « fuhr er immer eindringlicher fort ; » aber das Holde , das Ergreifende , das die Mildtätigkeit hatte - dem Ausübenden eine Gloriole verleihend - dem Empfangenden das Herz erweichend und den Gram lösend - hat sich dies Ergreifende nicht da und dort verflüchtigt ? Hat die Barmherzigkeit nicht einen doktrinären , sozialpolitischen Zug bekommen ? Wenn sie so von Vereins wegen nach Prinzipien , in umrissenen Grenzen ausgeübt wird ? « » Es gibt keine menschliche Institution , der nicht auch Mängel anhaften . « » Und die Hauptsache - sehen Sie - die Hauptsache - man muß auch das Menschenmaterial gegeneinander abwägen - wie kann man ein schönes , hochbegabtes , junges Mädchen auf ein Gebiet hinaussenden , wo ihr Gefahren drohen ? - Ich selbst hab ' Sie in einer solchen gesehen - welcher Schaden wäre größer , wenn Ihnen Furchtbares zustieße ? Furchtbares - nicht Auszusprechendes ! Oder wenn ein doch entartetes Kind oder sonstiges Wesen aus der Unterschicht mal keine Kleider und Vermahnungen bekäme ? « » Wenn mir bei Erfüllung meiner Pflichten etwas zustieße , wäre es wie mit dem Heldentod meines Vaters : er infizierte sich , als er eine Operation ausführte , und starb . Sollte er nicht Arzt werden , weil ihm Gefahren vom Beruf drohten ? « » Ihr Vater ? « fragte Allert verdutzt . » Ich bin das Adoptivkind von Amsters , « sagte Marieluis ruhig , » und ich bin meiner Mutter unendlich dankbar , daß sie mir , sehr früh schon , den Blick öffnete für die Notwendigkeit , an der Ausgleichung sozialer Ungerechtigkeiten mitzuarbeiten . Daß sie mir große Ziele zeigte . Daß sie mir vor einigen Jahren offenbarte , wie viel Unglück nicht aus Leichtsinn , sondern aus Unkenntnis entsteht . Das macht milde und gerecht . Wie zahllose junge Mädchen wurden durch die Roheit und Gewissenlosigkeit der Männer ins Elend gebracht , nur weil sie gar nicht wußten , welche Gefahren ihnen vom Manne drohen . « Allert wußte ja : mit Worten ließ sich hier nicht fechten . Ihre Worte waren unwiderleglich . Sein Verstand , seine soziale Einsicht gaben ihr wohl recht . Und doch ... » In uns Männern , « sagte er , » wenn wir Frauen in dieser Art wirken sehen - ja , da kommen zwiespältige Empfindungen auf . Die Frau zu behüten , sie vor der Berührung mit dem Häßlichen , vor dem zu genauen Wissen vom Schmutz möglichst zu bewahren , das ist nun mal unser tief angeborenes , ritterliches Bedürfnis . « » Sie sind sehr konservativ und vorurteilsvoll , « sprach sie und hatte einen bitteren Zug um den Mund . » Nein ! Ich ? Nein ! Meine Tätigkeit , die ich frei wählte , beweist , daß ich es nicht bin . Mein Geschlecht hat nur Offiziere , Diplomaten und Grundbesitzer gesehen . Ich wurde Kaufmann , weil ich die Zeit und bald auch den Beruf ganz verstand - in seiner kulturellen Bedeutung . Noch sind die adeligen Kaufleute wie weiße Raben - das wissen Sie ja auch . - Ich lasse mir nicht sagen , daß ich vorurteilsvoll bin - von niemand . « - - Er sah sie fest an , mit einem herrischen Blick vielleicht . Und sie hielt diesen Blick aus . Ihre Augen wurden dunkel und groß , ihre Nasenflügel bebten - es war ein stummes Kämpfen . » Ich nenne es aber vorurteilsvoll , wenn man ein überkommenes Gefühl nicht durch Erkenntnis überwinden kann . Unsere Zeit legt eben auch der Frau die Pflicht zur Mitarbeit auf und lehrt sie zugleich , sich selbst zu schützen . « - Er dachte natürlich an den Kerl , der schon nahe daran gewesen war , sie zu umfassen , zu küssen . - Und es schien , als läse sie diese Gedanken von seinem lebendigen Gesicht - sie brach ab und errötete ein wenig . Und dann kam wieder Thea Daister dazwischengefahren und fragte Allert , ob sie Tulla Rositz von ihm grüßen solle . » Ich habe gar nicht die Ehre , diese junge Dame zu kennen . « » Ach Gott - nein - pardon - ich bin so zerstreut - das ist ja Ihr Bruder - der Oberleutnant « - sie lachte ein wenig , wobei sie sich auch drolligerweise bückte , als müsse sie sich zum Lachen kleiner machen , » ich will mal indiskret sein - Raspe von Hellbingsdorf , das war so Tullas zweites Wort . - Völlig hin ist sie - passen Sie mal auf - das kann was werden - und trotz der unordentlichen Finanzwirtschaft der Frau - sicheres Geld ist ja da - das kann ' n Offizier immer brauchen - Ihr Bruder soll sich nur dazuhalten ... « » Junge Mädchen schwärmen heute und vergessen morgen , « sagte Allert in einer verallgemeinernden , sehr kühlen Ablehnung . Und er dachte : Sie zeigen ihr Herz auf dem Markt herum - und locken die taktlosen Zuschauer heran , die durch indiskrete Bemerkungen die Seele des Mannes verletzen und ihn verscheuchen . Wenn sein zurückhaltender und stolzer , sein vorsichtiger Bruder dies gehört hätte ! Es wäre genügend gewesen , ihn für immer von Tulla abzuwenden . Nachher wurde Allert noch von der Hausfrau mit einem kurzen Gespräch bedacht . Sie bewachte mit Feldherrnblick den Ablauf des Festes und ob die Gäste auch stets richtig gruppiert und unterhalten seien . » Wissen Sie schon , die Frau von Ihrem