Abendhimmel entgegen und die Strahlen der untergehenden Sonne funkeln in den großen Hörnern . Die kleine Doralice steht am Gartengitter und schaut ihnen mit schwerem Herzen nach . Ungeduldig wandte sich Doralice vom Fenster ab und kleidete sich an . Etwas Schweres und Wichtiges mußte sich heute noch begeben , sie mußte Hans begegnen . Unruhig schritt sie im Wohnzimmer auf und ab , allein es schien ihr , als sei es hier kalt . Sie wollte sich erwärmen . Sie ging hinaus und setzte sich auf die Bank , auf der die Wardeins am Abend zu sitzen pflegten . Jetzt saß nur die alte Mutter Wardein da , sonnte sich und schaute auf das Meer hinaus . Sie rückte ein wenig , um Doralice Platz zu machen , und murmelte nur ein » Warm « . So saßen sie nebeneinander und Doralice wartete . Sie tat nichts als warten , denn es gibt Ereignisse , die erst gekommen sein müssen , damit wir weiter denken können . Endlich kam Hans die Landstraße herauf . Er ging langsam und sah müde und angegriffen aus , als hätte er einen weiten Weg gemacht . Als er an der Bank vorüberging , nickte er : » Guten Morgen , Mutter ! Guten Morgen , Doralice ! « und ging gerade in das Haus . Doralice folgte ihm . Im Wohnzimmer lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Wand , legte auch die Flächen der Hände an die Wand , als ob sie sie kühlen wollte . Hans war zu seinen Malgeräten gegangen und beschäftigte sich mit den Pinseln . Beide schwiegen eine Weile , bis es wie ein Stöhnen aus Doralice hervorbrach : » Mein Gott , so sprich ! so sage doch etwas . « Hans wandte sich ihr zu , er steckte beide Hände in die Rocktaschen , stand ein wenig gebeugt da . Wenn ihn etwas drückte oder stark hinnahm , dann konnte seine schöne Gestalt zuweilen das Schwere , Ungelenke eines Dorfburschen bekommen , der müde von der Feldarbeit ist . » Was kann ich sagen « , versetzte er , » was habe ich für ein Recht ? Das Recht , das du mir gegeben hast , kannst du mir nehmen und dem anderen geben . Wie du es dem alten Herrn genommen und es mir gegeben hast , anders ist es nicht . Wir Bauern können gut rechnen . « Doralice hob die Arme empor und legte die ineinander gerungenen Hände auf ihren Scheitel : » Du bist sehr gerecht « , stieß sie hervor und es klang wie Zorn , » aber so ist es nicht . Da ist kein anderer . Er ist fort , ganz fort . Er hat kein Recht . Ich brauche keinen , der vor mir kniet « , sie brach ab und die aufsteigenden Tränen machten ihre Stimme unsicher und leise , als sie hinzufügte : » Was hilft das ? Was soll ich jetzt tun ? « Hans wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus . Einen Augenblick war es wieder ganz still im Zimmer . Draußen auf dem Zaune sangen noch immer die Kinder ihr : » henne , henne , helle , helle , ho , ho ! « in den Wind hinein . Endlich wandte er sich um , ging langsam zu Doralice hin , strich vorsichtig mit der Hand über ihr Haar und sagte : » Was kannst du tun ? Jetzt wird es hier wohl einsam werden . Wir können ja eine Weile still nebeneinander hergehen . Hier tut keiner dir was . Und dann vielleicht besinnen wir uns wieder aufeinander . « Doralice antwortete nicht , stumm und verschüchtert stand sie da . Das » stille Einhergehen « neben diesem starken , sanften Manne erschien ihr jetzt wie Geborgenheit und in der Angst ihrer Seele , in der Angst vor sich und den anderen glaubte sie , Geborgenheit sei es , was ihr nottat . Vierzehntes Kapitel Die Septembertage waren hell , dabei wehte ein frischer Nordost . Die Wolken ballten sich zu großen weißen Inseln zusammen und zogen schnell über den Himmel und ihre Schatten liefen dunkelgrün über das grüngraue Meer . Am Ufer war alles in beständiger Bewegung , die harten Halme auf den Dünen zitterten , die zum Trocknen aufgehängten Netze und Fische wiegten sich und die Röcke und Tücher der Fischersfrauen flatterten . » Ich habe , wie Sie wissen , meinen Abschied genommen « , sagte der Geheimrat Knospelius zu Hans , während sie langsam dem Winde entgegen am Meere spazierengingen , » ich habe genug gerechnet , und ich finde , daß meine Tage vollkommen befriedigend mit dem Kämpfen gegen den Wind ausgefüllt werden . « » Mich ärgert dieser Wind « , meinte Hans . » Sie wissen , ich male das Meer , ich male es den ganzen Tag , wenn ich es nicht gerade studiere . Nun , bei diesem Winde sitzt das Meer schlecht , es hat alle fünf Minuten ein anderes Gesicht . « » Das kann ich mir denken « , bemerkte Knospelius . » Die Mutter Wardein ist bequemer , die sitzt da wie eine aus Holz geschnittene heilige Anna . « Hans , von seinen Gedanken hingenommen , fuhr eifrig fort : » Überhaupt eine verteufelte Geschichte mit diesem Meere , es läßt sich nicht fassen , ich kriege die Logik seiner Linien und Bewegungen nicht heraus , sein Durchschnittsgesicht , wissen Sie , denn bei dem Porträt muß ich mir in dem Modell ein Durchschnittsgesicht konstruieren , das die Möglichkeit aller Augenblicksgesichter in sich schließt . Nun , bei dem Meere bringe ich es nicht fertig , und ich studiere es doch in- und auswendig . Ich schwimme Stunden in ihm herum , ich fahre auf ihm bei Tag und bei Nacht , ich beschleiche es zu allen Tageszeiten . Wahrhaftig , es wird für mich zu einer Art Besessenheit . « » So ,