notwendig , sondern auch schicklich . Ich habe mir sagen lassen , daß alle diese Gebräuche einen tiefer liegenden Grund und ihre eigene Bedeutung haben . Vater und Mutter haben ihr Kind , ihre Tochter erzogen , unter tausend schlaflosen Nächten , unter noch mehr Sorgen und Opfern . Da kommt ein fremder Mensch und nimmt sie von ihnen weg . Er raubt den Eltern den größten Teil des Herzens ihres Kindes , und dieses folgt ihm gern , ohne zu fragen , ob er es auch verdient . Diese innern Vorgänge sollen durch die indianischen Verlobungsgebräuche äußerlich dargestellt werden . Die Tochter ist bereit , sich rauben zu lassen ; aber die Eltern geben sich alle Mühe , dies zu verhüten . Sie wird eingesperrt , sehr wohl versteckt und scharf bewacht . Der Geliebte gibt sich ebenso große Mühe , die Eltern zu überlisten , und hilft das nicht , so greift er gar auch zur Gewalt . Es gibt da einen hochinteressanten Kampf zwischen dem gegenseitigen Scharfsinn , und der ganze Stamm befindet sich in Spannung , die einzelnen Phasen dieses Kampfes zu erfahren oder wohl gar daran teilzunehmen . Man hilft der einen oder der andern Partei . Es kommt dabei zu Taten der Schlauheit und des persönlichen Mutes , durch welche der Werbende zeigt , was der Stamm dann später im öffentlichen Leben , in Krieg oder Frieden von ihm erwarten darf . « » Als ich diese Neuigkeit von Tom Muddy erfuhr , war es mir , als ob ich von ihm einen schweren Faustschlag gegen die Stirn bekommen hätte . Das Gehirn begann mir zu brummen . Ich fühlte mich zunächst ganz dumm im Kopfe . Tom Muddy aber war wütend . Er schwor das Blaue vom Himmel herunter , daß der Siou das Mädchen nicht entführen werde ; es sei dafür gesorgt , daß ihm das nicht gelingen könne . Als ich ihn fragte , wodurch er das zu verhindern gedenke , verlangte er von mir einen Schwur , seinen Plan nicht zu verraten ; dann solle ich ihn erfahren . Ich leistete den Schwur , doch natürlich nur , um die Ausführung dieses Planes zu verhüten . Da zeigte er mir seine Pistole . Sie war bis oben herauf mit Pulver geladen . Dieses Pulver sollte dem Siou in die Augen geschossen werden , um sein Gesicht zu entstellen und ihn zu blenden , für immer blind zu machen . Dann fällt es ihr gewiß nicht ein , seine Squaw zu werden ! fügte er hinzu , bevor er sich entfernte . Aber noch ehe er ging , erinnerte er mich an meinen Schwur . Sollte ich ihn etwa verraten , so werde er nicht nur den Siou blenden , sondern auch mich . « » Der ist ja gar kein Mensch gewesen , sondern ein Teufel ! « rief das Herzle aus . » Wenn kein Teufel , so aber doch ein Schurke , dem nichts und nichts zu schlecht war , wenn es nur zum Ziele führte , « antwortete Pappermann . » Ich hielt es natürlich für meine Pflicht , die Missetat zu verhüten . Freilich , verraten durfte ich nichts . Doch hätten einige andeutende Worte gewiß genügt , den Siou die Gefahr , in der er sich befand , wenigstens ahnen zu lassen . Aber er war ja weder zu sehen noch zu sprechen . Von dem Augenblicke an , an dem er die Erlaubnis erhalten hatte , Aschta zu rauben , hatte er sich in die tiefste Heimlichkeit zu hüllen und sich so vorsichtig anzuschleichen , als ob es sein Leben gelte . Da verstand es sich ganz von selbst , daß er nicht am Tage kommen konnte und daß ich mir die Nächte hindurch alle Mühe gab , ihn irgendwo zu erwischen . Das war gar nicht ungefährlich für mich , denn ich wußte , daß Tom Muddy genau dieselben Anstrengungen machte , an ihn heranzukommen . Ich hatte also die Doppelaufgabe , den einen zu vermeiden , den andern aber zu entdecken , und ich sage Euch , daß es gar nicht so leicht war , die nötige Vorsicht zu entwickeln . Es gehörte Uebung dazu . So ging es über eine Woche lang , ohne daß meine Anstrengungen das geringste Ergebnis hatten . Dann kam eine mond- und sternenlose , feuchte Nacht , in der es zwar nicht regnete , aber es nässelte in Einem fort . Trotzdem blieb ich nicht auf meinem warmen Lager , sondern kroch draußen herum , denn es war , als ob mir Jemand sage , daß grad in dieser höchst ungemütlichen Nacht Etwas geschehen werde , was ich nicht versäumen dürfe . Ich kroch leise , leise an der Hinterseite des Hauses bis zur Ecke hin . Dort wollte ich liegen bleiben , um nach beiden Seiten hin lauschen zu können . Ich schob mich also , als ich die Ecke erreicht hatte , ein wenig vor und - - - Herrgott ! Da lag schon Einer ! Drüben auf der andern Seite ! Wir stießen fast zusammen . Er sah mich ebenso wie ich ihn , trotz der Dunkelheit und trotz der dicken , feuchten Luft . Aber wie ich ihn nicht erkannte , so konnte er auch mich nicht erkennen . Wer war es ? Der Siou oder Tom Muddy ? Schon öffnete ich den Mund , um ein leises , leises Wort zu sagen ; da erhob der da drüben den Arm . Er hatte Etwas in der Hand . Ich konnte nur schnell das Gesicht zur Seite wenden , da krachte auch schon der Schuß . Ich bekam die ganze Ladung . Es ging kein Körnchen verloren . Doch glücklicherweise nicht in die Augen , sondern in die durch meine schnelle Bewegung dem Schurken zugewendete linke Seite des Gesichtes . Ich hatte ihm zurufen wollen : Schieß nicht , schieß nicht ! war aber nicht dazu gekommen und gab auch jetzt keinen