wieder licht im Zimmer wurde , waren sie sehr vergnügt , pflückten von den Ästen des kleinen Weihnachtsbaumes die letzten vergessenen Zuckersachen , freuten sich auf das Wiedersehen unter lauter gleichgültigen Menschen , das ihnen bevorstand , wie auf ein heiteres Abenteuer , lachten und redeten lustigen Unsinn . Sobald Anna fortgegangen war , versperrte Georg die Notenblätter in der Tischlade , löschte die Lampe aus und öffnete ein Fenster . Leicht und dünn fiel der Schnee . Über die Stiege aus dem Dunkel kam ein alter Mann , und sein mühseliges Atmen tönte durch die unbewegte Luft herauf . Grau ragte die stumme Kirche gegenüber ... Georg blieb eine Weile am Fenster stehen . Er war in diesem Augenblick beinahe überzeugt , daß Anna sich in ihrer Annahme täuschte . Wie eine Beruhigung fiel ihm jene Äußerung Leo Golowskis ein , daß Anna bestimmt wäre im Bürgerlichen zu enden . Wahrhaftig es konnte nicht in der » Linie ihres Schicksals « liegen , von einem Liebhaber ein Kind zu bekommen . Und nicht in der Linie des seinen lag es , Verpflichtungen ernster Art zu tragen , heute schon und vielleicht für alle Zeit an ein weibliches Wesen festgebunden zu sein ; Vater zu werden in so jungen Jahren . Vater ! ... Schwer , beinahe düster sank das Wort in seine Seele . Um acht Uhr abends trat er in den Ehrenbergschen Salon . Walzerklänge tönten ihm entgegen . Am Klavier saß der alte Eißler , dem der lange graue Vollbart fast bis auf die Tasten herabsank . Georg , der , um nicht zu stören , am Eingang stehenblieb , wurde von allen Seiten durch Blicke begrüßt . Der alte Eißler spielte mit weichem Anschlag und kräftigem Rhythmus seine berühmten Wiener Tänze und Lieder , und Georg hatte wie immer viel Freude an den süßen , wiegenden Melodien . » Herrlich « , sagte Frau Ehrenberg , als der Alte sich erhob . » Bewahren Sie sich die großen Worte für größere Gelegenheiten , Leonie « , erwiderte Eißler , dessen altes Vorrecht es war , alle Frauen und Mädchen bei ihren Vornamen zu nennen . Und es schien jeder wohl zu tun , ihn von diesem schönen alten Mann , mit der tiefen , klingenden Stimme aussprechen zu hören , in der es manchmal bebte wie ein sentimentales Echo aus bewegten Jugendtagen . Georg fragte ihn , ob alle seine Kompositionen im Druck erschienen wären . » Die wenigsten , lieber Baron ; ich selbst kann leider keine Noten schreiben . « » Es wäre aber wirklich jammerschade , wenn diese charmanten Melodien ganz verloren gehen sollten . « » Ja , das hab ich ihm auch oft gesagt « , nahm Frau Ehrenberg das Wort . » Aber er gehört leider zu den Menschen , die sich selber nie ganz ernst genommen haben . « » O , das ist ein Irrtum , Leonie . Wissen Sie denn , wie ich meine musikalische Karriere begonnen habe ? Eine große Oper hab ich komponieren wollen . Allerdings war ich damals siebzehn Jahre alt und in eine Sängerin rasend verliebt . « Die Stimme der Frau Oberberger tönte vom Tische in der Ecke her : » Es wird eine Choristin gewesen sein . « » Sie irren sich , Katharina « , erwiderte Eißler . » Choristinnen waren nie mein Fall . Es war sogar eine platonische Liebe , wie die meisten großen Leidenschaften meines Lebens . « » Waren Sie so ungeschickt ? « fragte Frau Oberberger . » Manchmal wohl auch das « , erwiderte Eißler sonor und mit Anstand ; » denn wahrscheinlich hätte ich gerade soviel Glück haben können wie ein Husarenrittmeister . Aber ich bedaure es nicht , ungeschickt gewesen zu sein . Ungetrübte Erinnerungen bewahren wir doch nur an versäumte Gelegenheiten . « Frau Ehrenberg nickte beifällig . » Man dürfte also nicht fehlgehen , Herr Eißler « , bemerkte Nürnberger , » wenn man in Ihrer Lebensgeschichte den getrübten Erinnerungen die größere Rolle zuweist . « Wieder nickte Frau Ehrenberg . Sie war entzückt , wenn man in ihrem Salon geistreich war . » Warum sagten Sie « , fragte Frau Oberberger , » Sie hätten so viel Glück haben können wie ein Husarenrittmeister ? Es ist gar nicht wahr , daß Offiziere besonders viel Glück bei den Frauen haben . Wenn meine Schwägerin auch einmal ein Verhältnis mit einem Oberleutnant gehabt hat ... « » Ich glaube nicht an platonische Liebe « , sagte Sissy und leuchtete durch den Saal . Frau Wyner schrie leise auf . » Fräulein Sissy hat wahrscheinlich recht « , sagte Nürnberger . » Wenigstens bin ich überzeugt , daß die meisten Frauen platonische Liebe entweder als Beleidigung auffassen oder als Ausrede . « » Es sind junge Mädchen da « , erinnerte Frau Ehrenberg mild . » Das merkt man schon daraus « , sagte Nürnberger , » daß sie mitreden . « » Trotzdem möchte ich mir erlauben , zu dem Kapitel platonische Liebe eine kleine Anekdote zu erzählen « , sagte Heinrich . » Nur keine jüdische « , warf Else ein . » Gewiß nicht . Hören Sie nur . Ein kleines blondes Mädel ... « » Das beweist nichts « , unterbrach Else . » Laß doch zu Ende erzählen , « mahnte Frau Ehrenberg . » Also : ein kleines , blondes Mädel « , begann Heinrich von neuem , » hat einmal , im Gegensatz zu Fräulein Sissy , mir gegenüber die Überzeugung ausgesprochen , daß platonische Liebe tatsächlich existiere . Und wissen Sie , was sie mir als Beweis dafür angeführt hat ... ? Ein eigenes Erlebnis . Sie hat nämlich einmal eine Stunde , wie sie mir erzählte , ganz allein in einem Zimmer mit einem Leutnant verbracht und ... « » Es ist genug « , rief Frau Ehrenberg angstvoll . » Und « , schloß Heinrich unbeirrt und beruhigend , » es ist