machte diese Eigenschaften nur um so hintergründiger . Wer sie so nahm , wie sie sich gab , war im voraus betrogen . Was Caspar betrifft , so sah sie ihn zunächst bloß humoristisch und am meisten dann , wenn er ernst und nachdenklich war . » Nein , was er heute wieder Komisches gesagt hat « , war ihre beständige Phrase . Es hatte oft den Anschein , als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen . » Also , mein liebes Mondkälbchen , sprich « , forderte sie ihn vor den Gästen auf . Wenn sie ihn gar eifrig beflissen sah , lateinische Vokabeln auswendig zu lernen , lachte sie aus vollem Hals . » Wie gelehrt wie gelehrt ! ! « rief sie und fuhr ihm mit der Hand wüst durch das Lockenhaar . » Laß es sein , laß es sein , « tröstete sie ihn , wenn er über die Schwierigkeit einer Rechnung klagte , » bringsts ja doch zu nichts , ist genau so , wie wenn ich seiltanzen wollte . « Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr . Eines Morgens kam sie dazu , als er in der Küche stand und Zeuge war , wie der Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm und auf die Anrichte legte . Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars Zügen , er wich zurück , zitterte und war keines Lautes fähig , dann floh er mit bedrängten Schritten . Frau Behold war betroffen und wollte ihrer Rührung nicht nachgeben . Was ist das ? dachte sie ; er verstellt sich wohl ; was ist ihm das Blut der Tiere ? Um ihm gefällig zu sein , tat sie mehr , als ihre Bequemlichkeit ihr sonst verstattet hätte . Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fühlen . » Sapperment , was ist dir übers Leberlein gekrochen ? « fuhr sie ihn an , wenn sie ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte . » Wenn du nicht lustig bist , führ ich dich in die Schlachtbank , und du mußt zuschauen , wie man den Kälbern den Hals abschneidet « , drohte sie ihm einmal und wollte sich ausschütten vor Lachen über die Miene des Entsetzens , die er darüber zeigte . Nein , Caspar fühlte sich keineswegs wohl . Frau Behold war ihm ganz und gar unverständlich , ihr Blick , ihre Rede , ihr Gehaben , alles das stieß ihn aufs äußerste ab . Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken , um seinen Widerwillen nicht merken zu lassen , gleichwohl war er krank und elend , wenn er nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte . Es fehlte ihm dann jegliche Arbeitslust , und die Schule zu besuchen , die ihm ohnehin verhaßt war , unterließ er ganz . Die Lehrer beschwerten sich beim Magistrat ; Herr von Tucher , der jetzt wieder in der Stadt weilte und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden war , stellte ihn zur Rede . Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus , ein Betragen , das Herr von Tucher als Verstocktheit auffaßte und das ihm zu schlimmen Befürchtungen Anlaß bot . Und da war noch eines , was Caspar zu denken gab . Manchmal begegnete ihm auf der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds Tochter , ein Mädchen , halb erwachsen und bleich von Gesicht . Ihre Augen waren feindselig auf ihn gerichtet . Wenn er sie anreden wollte , lief sie davon . Einmal schaute er von der Galerie in den Hof und sah sie am Brunnen stehen , hinter dessen eisernem Rohr ein Brett weggeschoben war , so daß der Blick in die Tiefe offen lag . Das Mädchen stand unbeweglich und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das schwarze Loch . Caspar verließ leise die Galerie und schlich hinunter ; er betrat jedoch kaum den Hof , so flüchtete das Mädchen mit bösem Gesicht an ihm vorüber . Als Caspar ihr zaudernd folgte , begegnete ihm der Herr Rat , und Caspar erzählte voll Eifer , was er mitangeschaut . Herr Behold zog die Stirn kraus und sagte beschwichtigend : » Ja , ja , gewiß ; das Kind ist nicht gesund . Kümmer Er sich nicht darum , Caspar , kümmer Er sich nicht darum . « Caspar kümmerte sich aber doch darum . Er fragte die Mägde , was mit dem Kind sei , und eine von ihnen erwiderte bissig : » Sie kriegt nichts zu essen , der Findling frißt ihr alles weg ! « Darauf eilte er spornstreichs zu Frau Behold , wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte , ob das wahr sei . Frau Behold bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der Stelle davon . Als jedoch Caspar sie auch dann noch in seiner ungeschickten und altklugen Weise ermahnte , daß sie mehr auf ihre Tochter achten möge als auf ihn und daß er sonst fortgehen werde , schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz . » Wie willst du denn fortgehen ? « fuhr sie auf . » Wohin denn ? Wo bist du denn daheim , wenn man fragen darf ? « Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung , daß Caspar in ihre Tochter verliebt sei . Sie legte es darauf an , ihn über den Punkt auszuholen . Auf ihre Fragen antwortete er jedoch so blöde , daß sie sich beinahe ihres Verdachts geschämt hätte . » Grand Dieu « , sagte sie laut vor sich hin , » mir scheint , der Einfaltspinsel weiß nicht einmal , was Liebe ist « . Ja , noch mehr , sie spürte , daß er sich nicht einmal im entferntesten einen Gedanken darüber machte . Das war der guten Dame doch überaus seltsam , ihr , deren Begierden und Gelüste immer im trüben Gewässer halb romanhafter