Frau Rehorst begann Einhart zu quälen und nicht loszulassen . Er überraschte sich selber viele Male am Abend , wie seine Augen ganz in der schlanken , still und bestimmt belebenden Rätselgestalt dieser Herrin ruhten und suchten . Er hatte auch Herrn Rehorst gesehen . Herr Rehorst war fast so scheu , wie er . Ein kleiner Mann mit einfacher Rede . Ein ganz schlichter Mensch , der in die Räume voll Bilder , Duft , Statuen , Mädchen- und Künstlerköpfen , in den Rausch und Zusammenklang der Künste schüchtern eintrat und sich zurückhaltend bewegte . Von ihm hörte er keinen Grundton ausgehen . » Dieser Herr wird draußen in seinen lärmenden Werken unter seinen tausend Arbeitsmännern ein sicherer Brot- und Ordnunggeber sein , und hier weiß er nichts zu tun , als sich nicht zu fühlen , « so dachte es Einhart . Aber wie ein starker , voller Akkord klang ihm allmählig durch alles durch diese seltsame , melancholisch bleiche , dunkle , hoheitsvolle Frau , die in dem Durchfluten und Durchbluten der Räume und der Menschen mit Zutraulichkeit zueinander den Sinn und Atem zu geben schien , also daß es Einhart fast jetzt mit Zwange dünkte , als wenn heimlich nur von ihr das Leben , Lachen , Bewegen und Umwirbeln , aber auch ein geheimes Wehen von Nichtigem und von Trauer und vom Verhall und Verfall und Nichtsein der Dinge in aller Augenglanz ausginge . Einhart war jetzt angefüllt mit fast schmerzhafter Gier , nur Frau Rehorst zuzusehen und zuzuhorchen , ganz nur von ferne , und ohne daß es jemand bemerken konnte , weil er jedem Zuspruch immer mit kindlichem Lächeln begegnete . Wie Einhart auf dem Heimwege mit Grottfuß ging , und der immer nur in die Sterne schwärmte nach Margit , weil er auch genug Bowle hinuntergegossen , redete Einhart dunkles Gerede von Schicksalsfrauen , die ein Leben geben und Lebensfäden in Paradiese spinnen , und die auch Lebensfäden abschneiden . 7 Der Wind blies eine Husche Schnee eiskalt zum Fenster herein , als Einhart in sein Atelier trat , wo hinter einem Wandschirm sein Bett stand . Die Aufwärterin hatte es aus Vergeßlichkeit offen gelassen . Obwohl Einhart es im Unwillen zuwarf und die Gardinenlumpen noch zu Seiten einklemmte , war die Luft nicht zu atmen , und der Dampf ging aus seinem Munde wie den Stieren des Jason der Feueratem . Einhart war in einer ihm fremden Erregung . Der ganze Abend bei Rehorsts ging ihm im Blute um . Die Lieder , die er gehört , kamen in Fetzen wieder und leierten sich ab . Er ertappte sich immer auf einer Melodie , die er sich dann erinnerte , ewig im Geiste gesummt zu haben . Und fortwährend sah er Gesichter huschen . Wen nicht alles ? Er hatte sich eine Zigarette angebrannt und das kleine Kerzenflämmchen flackerte im einsamen Dunkelraume und beleuchtete schemenhaft einige Lackflaschen und die Dachsparren und den Fensterschlitz . Einhart hatte sich in Hut und Mantel , wie er war , in einen Stuhl geworfen und sann dem Abend bei Rehorsts nach , indessen in neckischen Prozessionen bald das , bald jenes , bunt oder wie aussetzende Weisen , deren Takt allein übrig bleibt , in ihm hineilten . Es war ein Spiel der inneren Traumgeberden , müde und übermäßig erregt , wie ihn die guten Speisen und der feine Wein , und zum Schluß viele Tassen des in kleinen Schalen präsentierten Kaffees zurückgelassen . Einhart war bleich im Gesicht , und die Augen lagen glänzend und groß und wie geisterhaft erfüllt in den mageren , fast geschwundenen Zügen . Die Kälte des Dachraumes war so arg , daß die Balken knackten und Einharts Sinnen ein paarmal zerrissen . Aber Einhart konnte nicht von der Stelle . Er mochte keine Hand rühren . Er war wie gelähmt . Das war ganz Einhart . Er trug seine ganze Seele und sein lächerliches Sein und Wesen jetzt wie auf einer heimlichen Tafel vor sich hin . Da kamen Einhart Selle und Grottfuß gerade ins Haus . » Diese beiden komischen Knaben , « dachte Einhart und sah sie eben im Hausflur bei Rehorsts vom Diener bedient . Und er hörte gar nicht auf zu knicksen , dieser ergebene Herr Einhart , der sogar vor einem Diener fortwährend seinen Hut bis auf die Erde riß ... wie ein Hampelmann . Wie ein Narrenspiel taumelte und hüpfte er vor sich selber . Er lachte in sich so heftig , bis fast zum Weinen , und konnte sich gar nicht zur Ruhe bringen . Er hätte am liebsten vor Unbehagen plötzlich um sich geschlagen . Da besann er sich , weil eine unerhörte Stille im Raume herrschte , und seine Gedanken bekamen eine andere Richtung . Eine heiße Welle ging in ihm vom Herzen aus . Sein Gesicht begann zu glühen . Er saß mit geschlossenen Augen jetzt . Er hatte die ganze Welt um sich vergessen , obwohl er wach war , und neue Erinnerungen in seinem Kopfe ihr Wesen trieben . Das , was ihn jetzt anwandelte , gewann für ihn selbst keine Klarheit . Es war eine hohe Dame zu ihm getreten . Er mußte ewig hinlauschen . Der Mund dieser Dame war feinbogig mit einem kleinen Spitzchen , und die Oberlippe war wie ein Flaum . Dieser Mund däuchte ihm zart , wie ein Blatt . Auf diesen Mund mußte er fortwährend hinstarren . Es gingen Worte und ging sanftes Zutrauen aus diesem Munde . Aber es kamen gar keine Töne . Er hungerte fast . Es quälte ihn . Der ganze , schöne , volle Kopf schwamm allein wie in einer fernen Welt . Der Kopf sah traurig aus . Er hatte etwas Erhabenes . Dunkle Scheitel umhingen ihn . Dunkle Agraffen lagen auf den Scheiteln . Es hingen Perlen über den Agraffen und blitzende Tropfen . Und auch die Augen schienen Tränen zu weinen , die blinkten . Ganze Kettchen Tränen oder Perlen hingen irgendwo