griffen so ineinander , daß jedes einzelne nur mit der Zerstörung des ganzen Gebäudes gehoben werden konnte . Und sie wurzelten so tief , daß Sylvester seinem alten Freunde eine ungewohnte Hartnäckigkeit entgegensetzte , wenn er die Freisinger Weltgeschichte angriff . Freilich beurteilte er als gutherziger Jüngling die Äußerungen Schratts mit Nachsicht . Er wußte ja , daß ihm Unrecht widerfahren war , und schrieb seine Heftigkeit einem verbitterten Gemüte zu . Diese Milde war nicht ganz frei von Hochmut . Mang hatte doch etwas von den Leuten angenommen , welche ihr Leben lang eine gefestigte Meinung herumtragen und lächelnd abweisen , was sie hinzulernen sollten . Schratt sah bald , wie selbstbewußt sich der junge Theologe hinter Vorurteilen verschanzte , die nicht seine eigenen waren . Er wunderte sich nicht darüber . Neun Jahre unter den Händen von Lehrern , die alles in eine Form gießen ; wie sollte sich ein junger Mensch ganz frei halten von ihrem Einflusse ? Es war viel , wenn das Wachstum nicht völlig erstickt war . Deshalb wurde er nicht unmutig und lockte nur den klugen Sylvester häufig aus seiner Burg heraus auf das Blachfeld , wo er ihm standhalten mußte . Er zeigte ihm meist in scherzhaftem Tone , daß unser Wissen nicht genau da aufhört , wo man es in Freising abschneidet . Er nahm ihm ganz allmählich die Selbstzufriedenheit und lehrte ihn das Verlangen , die Wahrheit kennen zu wollen . Und Sylvester kam täglich mehr von dem Glauben ab , daß er sein junges Wissen mit Milde gegen den Alten aufführen müsse . Ja , sein Mitleid verwandelte sich in begeisterte Verehrung , mit einer Schnelligkeit , welche Jünglingen erlaubt ist . Er lernte einsehen , daß die heitere Überlegenheit Schratts , seine Menschenkenntnis auf tiefgründiger Liebe ruhte ; das gab ihm ein Recht über falsche Größen zu lächeln , sein Urteil gegen alle zu stellen . Aber auch die Möglichkeit , im Kleinsten das Anregende , Bedeutsame zu finden . Er stand auf einer sicheren Höhe und durfte darum auch Torheiten behaglich betrachten . Sein freier Geist konnte nicht ohne Einfluß auf Sylvester bleiben . Der streifte unmerklich die Härten ab , welche einseitige Bildung zeitigt . Die ersten Jahre auf der Universität verflogen ihm rasch . Er tat seine Pflicht und besuchte fleißig die Kollegien . Noch war er seinem Berufe innerlich nicht völlig entfremdet . Aber wenn er jetzt an die Zukunft dachte , geschah es nicht mit freudiger Zuversicht ; immer stärker mengte sich das Gefühl unabweisbarer Pflicht ein . Da ereignete sich ein Vorfall , der nachhaltig auf ihn wirkte . Einer seiner Lehrer hatte ein Buch herausgegeben , welches heftig angegriffen wurde . Die ultramontane Presse erging sich in Schmähungen gegen ihn , der Professor antwortete in würdiger Weise , und das ganze Land nahm an dem Streite Anteil . Viele ergriffen seine Partei und lobten seine Festigkeit . Seine jungen Hörer traten leidenschaftlich für ihn ein . Sie hatten kein Urteil über die Sache ; ihnen überwog das persönliche Moment . Der Ruhm ihres Lehrers , sein männlicher Mut . Da erging an den Gefeierten die Aufforderung , seine öffentlich bekundete und so ehrenhaft verteidigte Überzeugung aufzugeben und Widerruf zu leisten . Er unterwarf sich . Sein Gehorsam und der laute Beifall , den die früheren Gegner ihm spendeten , stießen Sylvester ab . Er fühlte sich gedemütigt , unsicher in seinem Glauben an eine Autorität , welche diesen Schritt verlangte , in seiner Achtung vor einer Wissenschaft , welche ihn tat . Wie konnte dieser Mann eine Meinung als falsch erkennen , welche er im eifrigen Streben errungen hatte ? Und wenn er nicht überzeugt war von ihrer Falschheit , wie konnte er sich von ihr auf Befehl lossagen ? » Sie war nichts wert von allem Anfang , « sagte Schratt , » es ist nicht schade darum . Um den Mann noch weniger . Töricht ist nur diese Begeisterung der Kirche über den Sieg . Sie hat wenig Ursache , sich darüber zu freuen , daß sie keine Kämpfer mehr heranzieht . « In dieser Zeit des Wachstums , der Zweifel und des Lernens kam das Ereignis , welches ihm die Zukunft um so düsterer erscheinen ließ , je heller ihm die Gegenwart deuchte . Sylvester Mang faßte eine herzliche Liebe zu dem hübschen Mädchen , dem er in der Heimat begegnet war . Das Glück schien freundlich in sein kleines Zimmer und verlockte ihn , die Blicke in weite Fernen zu richten . Auf einen holdseligen Garten , in welchem die schönsten Blumen blühten , die herrlichsten Früchte reiften für einen , den fremder Wille zur Einsamkeit verdammt hatte . Und er wußte , daß er ohne Reue umkehren würde . Jetzt baute er Luftschlösser , eines über das andere . Und keines ähnelte denen , welche der Veronika Mang tagsüber vor Augen standen und nachts im Traume erschienen . Keines sah aus wie ein Pfarrhof , mit dem gepflegten Garten nach vorne und den großen Stallungen nach rückwärts . Es waren darinnen keine gewölbten Gänge mit Hausaltären , brennenden Ampeln und heiligen Bildern , keine Zimmer , vor deren Fenstern aus man stündlich in frommer Beschaulichkeit zur Dorfkirche hinübersehen konnte . Sylvesters Luftschlösser waren alle in einem Stile erbaut , lagen in engen Gassen , und aus den Toren strömte der liebliche Duft von frisch gebranntem Kaffee . Und wer sie betrachtete , der wurde traurig und wieder fröhlich im Gemüte . So traurig , daß er tagelang schweigend umherging , so fröhlich , daß er am Morgen singend die Treppe hinunterschritt und des Mittags singend heraufkam . Und daß er an gewissen Tagen der Woche mit dem Geigenkasten unter dem Arme achtlos an Sekretärswitwen vorüberstürmte , als hätten diese urplötzlich jede Bedeutung in der Welt verloren . » Was hat nur grad ' der Herr Mang ? « fragte Frau Rottenfußer . » Gestern waren seine Augen verweint und heut ' hat er wieder g '