gräbt die Kluft zwischen ihm und ihr tiefer , schürzt das Band mit jenem enger . Die Angewöhnung , das Verständnis , die gemeinschaftlichen Erinnerungen , die gegenseitigem Dankverpflichtungen , das nimmt ja doch nicht ab ; im Gegenteil , das mehrt sich , das häuft sich . Das Kind , das beide vereint , wird je länger , desto mehr ihre Sorge und Teilnahme beanspruchen , mithin die Eltern noch inniger befreunden ; es ist ja auch nicht gesagt , daß es das einzige bleibe , es kann möglicherweise ein Brüderchen oder ein Schwesterchen erhalten ; warum nicht ? wer wills ihnen wehren ? Ach , hatte er sie unterschätzt , die Macht der Ehe , als er sie für eine Art Statthalterei betrachtete , meinend , es ließe sich billig teilen : jenem , dem Statthalter , der Leib und ihm die Seele ! So scharf er auch sah , eines hatte er bei seiner Unerfahrenheit doch übersehen , die Hauptsache : das Mysterium des Fleisches , die tierische Gewalt des Naturtriebes , der die Mutter nötigt , Himmel und Erde um eine Kraftbrühe für ihr Kind herzugeben , der die Frau zwingt , das Herz dem Leibe nachzuwerfen , mit allen Fibern dem Manne angehörend , der sie körperlich geprägt , der sie aus der Jungfrau zur Frau und Mutter umgewandelt hat , verurteilt , diesen einen zu lieben , auch wenn sie ihn verachtete . Puppe , Bebé und Papa , diese drei Worte erschöpfen den Lebensinhalt des Weibes . O ihr Toren , die ihr euch darum kümmert , ob euch jene liebt , die ihr zur Frau begehrt ! Herzhaft ! lache ihres Abscheus , schleppe sie zum Altar ; denn die Ehe ist stärker als der Haß , dauerhafter als die Liebe . Eine Jungfrau wankt mit dem Verhaßten zur Kirche wie zum Schlachthof , leichenfahl , den Tod im Herzen , das einem andern gehört ; frag nach zwanzig Jahren nach : » Kinder , freut euch , der Papa kommt morgen heim . « » Wenn nur dem Papa kein Unglück zustößt ! « Der andere dagegen , der einst Heißgeliebte , wenn der stirbt , so erhält er bei der Todesnachricht ein kleines Wehmütchen , wenns hoch kommt ein mühsam erquetschtes Tränelein ; nachher heißt es wieder Papa . Das ist die Macht der Ehe . Nein , keine Hoffnung . Einen Naturtrieb bekämpfen ? Narrheit . Gegen die Weltgesetze streiten ? Wahnsinn . Die Wahrheit sprach zu ihm : » verdammt auf ewig « , und sein Gram gestand : » so ist es . « Da ward er inne , daß , wer einen Menschen zu seinem Gott macht , sich einen Fluch pflanzt . Sind sie zu beneiden , die einen überweltlichen Gott haben , einerlei , was für einen ; wäre er ein Zornbold wie Jehova , ein Ungeheuer wie Moloch ; denn kein Gott keiner Religion ist unerbittlich , keiner verstößt in die Hölle , wer ihm liebend naht , keiner spricht zum Verzweifelnden : » ich kenne dich nicht . « Und wäre selbst einer der Himmlischen fühllos wie Stein , eines ist er jedenfalls nicht : er ist nicht kleinlich . Man stößt auf keinen Direktor Wyß zwischen sich und ihm , man hängt nicht von der Gewogenheit eines Kurt ab , die Madonna der Christen gebärt kein Rudel von Buben , um deretwillen sie Himmel und Erde vergäße . Einen Menschen anbeten : nicht viel gescheiter als einen Wurm anbeten . Mit hellem Geiste sah er das ein ; allein Einsicht heilt keine Entzündung . Sieh ein , daß das Gift , das dein Blut zu Eiter zersetzt , nur ein verächtliches Körnlein Schmutz ist , der Brand frißt trotzdem weiter . Eben darum aber , weil seine Liebe Religion war , weil ihm in Theuda-Imagos symbolischem Antlitz alles Leben der Welt mitklang wie im Mutterangesicht die Heimat , verspürte er sein Leiden am schmerzlichsten in den edelsten Teilen der Seele . All die Andeutungen und Bedeutungen , all die Lichter , Gesichter und Gedichter , die da über die Brücke gewandelt kommen , welche die Wirklichkeit mit der Geisteswelt verbindet , langten wund an , mit einem blutigen Stich ; sein gesamtes Lebensgefühl erkrankte zu einem sehnsüchtigen Heimweh ; Heimweh nach ihr , Heimweh nach der gemeinsamen Heimat aller Geschöpfe , Heimweh nach sich selber . Denn er war ja sie ; aber - o Höllenwunder der Unmöglichkeit ! - sie war nicht er . Und da er ein Mensch von Geist war , gezwungen , wenn er gebissen wurde , wissen zu wollen , was für eine Schlange ihn biß , mochte er sich mit seiner Vernunft über das Wunder der Lieblosigkeit unterhalten ; zwecklos , wohl wissend , daß ihm die Erkenntnis nichts nützen würde , nur weil er als Denker nicht anders konnte als denken . Herzeleid aber stellt nicht das Denken still , im Gegenteil , es nötigt die Gedanken zu nagen . » Bist du wach ? hast du Zeit ? kannst du mir das Rätsel lösen , wie es seelenmöglich ist , daß ein Mensch , dem man das höchste Gut , den einzigen Trost auf Erden , also die Liebe schenkt , einem nicht mit Gegenliebe vergilt ? « Die Vernunft antwortete : » Sammle und vergleiche : Wenn du den lieben Gott liebst , liebt er dich wieder ? « » Ohne Zweifel . « » Wenn du den Papst liebst , liebt er dich wieder ? « » Mäßig . « » Wenn du die Herzogin von Aragonien und Kastilien liebst , liebt sie dich wieder ? « » Wird ihr schwerlich einfallen . « » Wenn du eine Schnecke liebst , liebt sie dich wieder ? « » Könnte sie schon gar nicht . « » Nun also , da hast dus . Je tiefer hinunter mit der Seele , desto weniger Liebe . Liebe bedingt Seelenfülle , Lieblosigkeit verrät Stumpfheit