auch vorhanden bin ! « Wer sich in dieser Weise mit einer so hohen Mauer umgibt , daß er sie selbst nicht übersteigen kann , der darf nicht erwarten , daß Andere sich die Mühe machen werden , über sie hinweg zu ihm zu kommen . Wer sich mit solcher Ostentation abschließt , wird abgeschlossen bleiben ! Nun wußte ich , wie das Notizbuch auf die Straße des Pettah gekommen war . Es hatte in der Brusttasche gesteckt und war während seines Sturzes von der Rickschah herausgerutscht . Wie bequem für mich , daß er gerade neben mir wohnte ! Ich konnte es ihm unbemerkt wieder in die Tasche stecken und hatte gar nicht nötig , zu diesem Zwecke zu versuchen , über den Söller in sein Zimmer zu gelangen . Die Dienerschaft pflegte nämlich , sobald ein Gast seinen Raum verlassen hatte , die Korridortür desselben mit Hilfe einer besondern Vorrichtung so halboffen einzuhaken , daß die Luft hindurchstrich und das Zimmer kühlte . Auf diesen Umstand rechnete ich . Ich wartete , bis er mit seinem Besuche zum Essen hinuntergegangen war ; dann klingelte ich , um mir das Diner heraufbringen zu lassen . Meine Singhalesen rannten alle beide fort , um für gleichen Dienst dann gleiches Trinkgeld zu bekommen , und ich war also nun unbeobachtet . Ich trat hinaus auf den Korridor , auf dem sich jetzt Niemand befand , hakte die Nachbartür aus und sah beim Scheine des in dem Hotel gebräuchlichen , im Zimmer brennenden Windlichtes das weiße Jackett am Nagel hängen . Es genügten drei Schritte ; ich steckte das Notizbuch in die Brusttasche , eilte hinaus , hakte die Tür wieder ein und kehrte in meine Stube zurück . Niemand hatte Etwas gesehen . Als der Professor nach Tische wieder heraufkam , war er allein . Er ging einige Male hin und her ; dann wurde es still . Er schrieb wahrscheinlich . Ich vermied jedes Geräusch , damit er glauben möge , daß er unbeobachtet sei . Am nächsten Vormittage hörte ich ihn abreisen . Ich ließ mir die Zimmerliste geben und las : Garden , Professor , Amerika . Es war so eigentümlich , fast als sei ein lieber Bekannter von mir fortgegangen . Seine Ansichten waren zwar nicht ganz die meinigen gewesen , ihnen aber doch sehr nahe verwandt , und geistige oder seelische Verwandtschaft ist ein Band , welches nie zerreißt , auch wenn man es nicht pflegt . In den nächsten Tagen unternahm ich Ausflüge zu Land und zu Wasser , teils um Erinnerungen aufzufrischen , teils auch um neue hinzuzufügen . Sie waren alle hochinteressant ; hier aber habe ich nur einen von ihnen zu erwähnen : Ich fuhr mit Sejjid Omar mit der Bahn nach Point de Galle , dem mir unvergeßlichen Schauplatze einer meiner früheren Reiseerzählungen , in welcher ich auch das dortige Hotel Madras erwähne . Die Bahn geht längs des Meeres , oft auf einem im Wasser liegenden Damme hin , welcher durch Korallenklippen vor Ueberflutung und Zerstörung geschützt wird . Rechts hinaus liegt die entweder blau träumende oder beweglich funkelnde See , die ich hier nie in Erregung gesehen habe , und links die Küste mit dem tiefen Grün ihrer herrlichen Vegetation , aus welcher einzelne Häuser oder zusammenhängende Dorfschaften mit fremdblickenden , verwunderten Augen auf den vorüberrollenden Zug schauen . Die Pflanzenwelt prangt hier in fast noch größerer Ueppigkeit , als drüben auf dem ostindischen Festlande . Bambusgruppen , Jack- und Brotfruchtbäume , riesige Bananen und volltragende Feigen , gelblich leuchtende Pisonien , Borassus- , Caryota- , Corypha- , Calamus- und Arecapalmen bilden die Unterbrechung von Kokospflanzungen , welche kein Ende nehmen . Die dazwischen liegenden Häuser der Wohlhabenden sind mit blumengeschmückten Veranden versehen ; der Aermere lebt in einfachen Ziegel- oder Lehmhäusern , deren Dächer meist aus Palmblättern bestehen . Auch diese Wohnungen sind von Gärten umgeben und machen den Eindruck der Sauberkeit , welcher für Jeden , der aus mit Arabern bevölkerten Gegenden kommt , doppelt angenehme Wirkung hat . Die Eingeborenenstadt von Point de Galle liegt im Niveau der See ; die Europäerstadt zieht sich über die hohe , luftige Klippe nach dem wieder tiefer stehenden Leuchtturm hin . Von dem noch oberhalb der Kirche liegenden Hotel aus konnte ich den ganzen Hafen mit den hier ankernden Schiffen fast aller seefahrenden Nationen überblicken . Ich habe Point de Galle und seinen Hafen schon wiederholt beschrieben und will hier nur sagen , daß sich eine Fahrt von Colombo nach diesem Ort und Matara fast überreich belohnt . Mein diesmaliger Aufenthalt währte nicht länger als von heute früh bis morgen abend , also nur eine Nacht , und diese Nacht war keine angenehme . Da ich gern hoch , frei und licht wohne , wählte ich ein Zimmer in der zweiten Etage , während ich Sejjid Omar in der ersten unterbringen ließ . Die Räume hier oben hatten die Eigentümlichkeit , daß ihnen die Decken fehlten ; das Hausdach , welches noch hoch über sie emporstieg , schützte sie gemeinschaftlich vor dem Regen , und da die Zwischenwände diesem Dach nicht folgten , sondern in etwas über Manneshöhe aufhörten , so konnten sich die Bewohner dieser Etage zwar nicht sehen , aber Alles , was in dem einen Zimmer gesprochen wurde und ebenso jedes Geräusch und jeder andere Schall fiel von dem hohen Dache mit verdoppelter Stärke in die andern Räume zurück , so daß es fast nicht möglich war , ein lautes Wort zu sagen oder irgend etwas Hörbares zu tun , was Niemand wissen sollte . Man wohnte da , wenigstens in Beziehung auf das Ohr , in vollster Oeffentlichkeit . Ich aß auch hier , wie fast stets im Hotel , auf meinem Zimmer , bekümmerte mich um Niemand und wußte also nicht , was für Gäste noch vorhanden waren . Doch erfuhr ich von Omar , daß eine Anzahl von Europäern per Segelschiff von Pondichery angekommen seien , welche mit der Bahn nach Colombo wollten