davon , ein großes helles Dachzimmer , freundliche alte Wirtsleute . Die Luft hat beinah etwas Südliches in diesen heißen Tagen , die Straßen ganz weiß von dem flimmernden Kalkstaub . - Und das Arbeiten in unserm großen kühlen Atelier , und dann wieder in die Sonne hinaus , den ganzen Tag sein eigner Herr sein , keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu müssen ! So habe ich mir ' s geträumt , das ist endlich die Luft , in der ich leben kann . Mein Gott , und jetzt muß ich arbeiten , arbeiten bis aufs Blut , und dann faßt mich der Jammer an um all die verlorene Zeit , was für Jahre hätte ich jetzt schon arbeiten können . Und die Angst , ob meine Kraft doch noch voll ist - manchmal jubelt es in mir , und ich möchte alle Himmel stürmen , aber dann kommt wieder dies sonderbare Gefühl , als ob irgend etwas fehlte - als ob da irgendein toter Punkt wäre , über den ich nicht wegkam . Da habe ich nun , seit ich halbwegs selbständig denken kann , diesen Heißhunger nach der Kunst gehabt - wie man sich mit allen Gedanken nach einem geliebten Menschen sehnt . Aber in dem Augenblick , wo er da ist und man mit ihm zusammenschmelzen möchte in jeder Empfindung , da versagt wieder die innere Glut und man tut nur so , als wäre es , was es sein sollte . Manchmal glaube ich überhaupt , ich bin wirklich mit dem verkehrten Fuß auf die Welt gekommen und werde mich nie zurechtfinden . 5. September Allmählich lerne ich meine Kolleginnen kennen ; sie sind im ganzen ziemlich langweilig , nur mit der Dalwendt freunde ich mich immer mehr an . Sie ist aus meiner Heimat , sieht aus wie eine Germania , groß , mit schwerem blonden Haar . Wir gehen nachmittags zusammen ins Café und dann spazieren . München ist wundervoll in dieser Sommer-Herbststimmung mit dem blauen Duft . Gestern lud sie mich den Abend zu sich ein . Sie lebt mit ihrer Mutter , die den ganzen Tag arbeitet , um ihr das Studium zu ermöglichen . So etwas greift mich an meiner sentimentalen Seite an . - Die Erinnerungen sind mir noch zu nah , ich darf nicht daran denken , - an nichts , als daß ich jetzt weiterkomme . Nach Tisch ließ sie mich ihre Sachen sehen , Federzeichnungen , alle möglichen Kompositionen . Ich bin ganz in mich zusammengesunken . Was hat die für ein Können und ist kaum älter wie ich . Wir gingen noch spät im Mondschein an die Isar hinunter , standen lange auf der Brücke und sprachen von unserm Leben und von der Kunst . Jetzt ist es nach Mitternacht , ich bin eben erst heraufgekommen , habe die Fenster weit aufgemacht , Mondlicht und Nacht kommen von draußen herein . Heute hab ' ich einen Einblick in das ganze , bewußte Schaffen eines andern Menschen getan und ringe nun darum , das auch in mir zu finden . Es ist wie Gebetsstimmung in mir . 9. September Früh an der Akademie , um ein Modell zu suchen . Ich war schlecht angezogen - wie immer , denn ich habe überhaupt fast nichts mehr anzuziehen - und wurde selbst für ein Modell gehalten . Ein Maler wollte mich mitnehmen , ich hatte die größte Lust , aber ich darf jetzt nur für meine Arbeit leben und keine Kindereien treiben . 14. September In den Bergen gewesen , und da bekam ich Heimweh nach dem Meer , nach dem Freien , Weiten . Die andern lachten mich aus , weil ich mir die Berge höher vorgestellt hatte . Überhaupt bin ich fast immer enttäuscht , wenn ich etwas sehe , das ich mir irgendwie vorgestellt habe . Es ist nie so überwältigend , wie ich es haben wollte . Zu Hause Briefe von Reinhard vorgefunden . Er freut sich über meine jetzige Lebenslust . - Es kommt mir fast wie Ironie vor - denn ich bin gar nicht lustig - mir ist , als ob mein Leben in einer Krisis wäre , die vielleicht alles verschlingt . Ich denke viel über Reinhard und über unser Verhältnis nach . Wie waren wir glücklich zusammen diesen Sommer - ich war also doch einmal wirklich glücklich und glaubte selbst daran . Aber mitten im Glück dachte ich wieder an einen anderen - Leon - , es zuckt immer noch etwas in mir nach , wenn ich seine Karte lese , und ich möchte ihn wiedersehen . Das war noch bei allen meinen Lieben so . Vielleicht kann ich überhaupt nicht ganz und ungeteilt lieben - das habe ich mir schon oft gesagt - oder wenigstens nicht einen allein . Wie oft haben Reinhard und ich darüber gesprochen - er glaubt selbst , daß er sehr frei denkt - aber nur da , wo es nicht unser Verhältnis zueinander angeht . Er ist im Grunde doch ein moralischer Mensch und ich bin es nicht , das ist die ganze Geschichte . Hätte ich ihm von Leon erzählt , so wäre alles zwischen uns aus gewesen . Gestern sprach ich mit der Dalwendt darüber - sie ist auch verlobt ; aber noch ganz unschuldig - aus Überzeugung , weil sie es so will . Bei mir ist es immer nur , daß ich gezwungen bin oder mich zwingen lasse , nach dem Empfinden eines andern zu handeln . Mir selbst gegenüber habe ich nie das Gefühl , etwas einzubüßen - im Gegenteil , mich drückt oft nur meine Tugend nieder , dies ewige Vorbeigehen am Leben , und manchmal verlangt mich danach , mich besinnungslos in den Strudel zu stürzen . 20. September Heut haben wir den ganzen Abend in einer Schnapsschenke gezeichnet - eine niedrige , verräucherte Gaststube , wo wahre Banditengestalten an langen Tischen saßen , mit kleinen Schnapskelchen aus dickem gelben oder rotem Glas vor