Juni 1893 . Lieber Freund ! Zufällig habe ich Ihren jetzigen Aufenthalt und Ihre Adresse erfahren . Sie sind schon auf dem Rückweg und kommen wohl bald hier an . Nach andert halbjähriger Abwesenheit ! Sie wissen nicht , was inzwischen geschehen . In meinem Hause hat sich Trauriges - furchtbar Trauriges zugetragen . Und Sie sollen es zuerst durch mich erfahren - daher schreibe ich Ihnen . Sie sind mein Freund und Rudolfs Freund - Ihrer Teilnahme bin ich sicher . Der Tod ist bei uns eingebrochen . Zweimal . Zuerst mein Enkelkind - Friedrich . Zwei Tage nur war der arme Kleine krank . Ein harter Schlag für uns alle . Was mit solchen Kindern stirbt , ist nicht nur das gegenwärtige liebe herzige Wesen selber - es sind die ganzen Träume , die man für die Zukunft geträumt ... Der Erbe des Dotzkyschen Majorats , der Nachfolger meines Sohnes , wäre er nicht auch geistig sein Nachfolger geworden und hätte das Werk weitergeführt , das Rudolfs Lebensaufgabe ist ? Und alles das durch ein paar Konvulsionen des kleinen Körperchens aus der Zukunft weggewischt ! Rudolf war sehr unglücklich . Beatrix , die eben einer zweiten Niederkunft entgegensah , war ganz verzweifelt . Und jetzt kam der zweite Schlag . Eine Fehlgeburt und - auch Beatrix ist tot . Sie können sich meines Sohnes Schmerz wohl vorstellen . Er hatte sein Weibchen unendlich lieb - sie war auch ein gutes , liebes , hübsches Geschöpf ... er beweint sie innig . Diese beiden , so kurz auf einander folgenden Verluste haben ihn ganz schwermütig gemacht . Er wird sich wieder aufraffen . Sein Alles war ihm Beatrix nicht . Er ist jung , ich sehe die Zeit kommen , da er sich eine neue Häuslichkeit gründen wird . Aber als ich ihm neulich so etwas sagte , wehrte er heftig ab . So , nun wissen Sie , mein alter Freund , daß Sie in uns ein paar recht gedrückte , traurige Leute wiederfinden . Mein holdes Enkelkind , daß den so teueren Namen Friedrich trug - war mir gar fest ans Herz gewachsen ... Der Tod , der Tod ... wie wandelt der doch so grausam unter uns herum und knickt die Blüten unseres Glücks ... Was mir unter seiner Sense gefallen - ich denke immer noch an 1871 - das hat mich eigentlich gegen seine Hiebe abgehärtet . Damals war es nicht einmal sein Hieb , nicht er hat ausgeholt - menschliche Barbarei hat ihm die Sense geführt . Ist ja ein viel zu schwaches , leistungsunfähiges Instrument , diese Sense ... einfach nur für Handarbeit zu brauchen ; - das menschliche Ingenium hilft da auch , mit bei Krupp und Konsorten fabrizierten Mähmaschinen . O über die bodenlos wilde Unvernunft , Krieg genannt - die muß niedergekämpft werden ... Wieder zu meiner fixen Idee abgeschweift ? Das sind Sie ja an mir gewohnt , teurer Freund . In den feierlichen Stunden der großen Freude und besonders der großen Leiden flüchtet jede Seele zu dem , was ihr als Höchstes gilt . Sie werden bei Ihrer Rückkunft Rudolf nicht antreffen . Er ist auf einer vom Arzt verordneten Reise - zur Zerstreuung , zur Ablenkung , sagte Doktor Bresser - ach , ich fürchte , er hat seinen Kummer als Reisegefährten mitgenommen . Sylvia finden Sie noch in Wien . Auch Sylvia macht mir Sorge - das erzähle ich Ihnen mündlich . Ich bin allein in Brunnhof . Vielleicht besuchen Sie mich . « Auf der in einen Garten umgewandelten Terrasse eines Berner Hotels saß Rudolf Dotzky und blickte nachdenklich auf das von der Abendsonne überstrahlte Alpenpanorama . Um ihn herum war reges Leben . Zahlreiche Hotelgäste saßen um kleine Tische , andere gingen plaudernd auf und nieder oder lehnten an der Balustrade - eine bunte Gesellschaft aus aller Herren Länder . Rudolf , der seit einer Woche hier weilte , hatte mit niemand Bekanntschaft angeknüpft . Er war auf Reisen gegangen , um eine Zeitlang einsam zu sein , und einsam war er auch geblieben . Er hatte nun , eine nach der andern , fast alle Städte der Schweiz besucht und Bern sollte die letzte Etappe vor seiner Heimfahrt sein . Angeblich war der Zweck seiner Reise Zerstreuung gewesen , aber was er gefunden hatte , war vielmehr das Gegenteil - war Sammlung . Ein Gedanke , der ihm den Kopf durchkreuzt an dem Tage , da er die Gruft verließ , in die man die Särge seiner Frau und seines Sohnes versenkt hatte - dieser Gedanke hatte ihn während seiner Reise nicht mehr losgelassen und war allmählich zum Entschluß gereift : dem Majorat entsagen . Frei sein , ganz frei sein , nicht mehr zweien Herren dienen müssen , oder gar dreien : Familie , Ranggenossen und Menschheit . Nein , fortan nur mehr den einen Dienst : den Menschheitsdienst . Frei für die Zukunft , und frei von den Fesseln der Veraanaenheit . Frei ? ... Als ob bei der bestehenden Ordnung irgend ein Mann sich frei nennen dürfte ! Mit dem Worte wird lächerlich großgetan . Rudolf wußte ganz gut , welche Fesseln ihn noch banden und die abzustreifen es überhaupt keine Möglichkeit gab . Er war ja - wie jeder gesunde Bürger im Militärstaat - Soldat . Zwar nur achtundzwanzig Tage im Jahre , aber immerhin - Soldat . Und im Kriegsfall jederzeit verpflichtet , einzurücken . » Verpflichtet « ist da auch nicht der ganz passende Ausdruck - unter Pflichterfüllung denkt man sich eine als recht erkannte , freiwillig ausgeübte Tat . » Gezwungen « wäre das richtige Wort . Man hat ja keine Wahl - man muß . Und mag man den Militärdienst aus was immer für Gründen hassen - man muß ihn verrichten . Auf Verweigerung steht Gefängnis und Tod . Und da wagt man , von mehr oder minder ausgedehnten Freiheiten zu reden ? Leibeigenschaft und Sklaverei : das war einstens das Los eines Teils der