Doch das waren Vorkommnisse , welche in einem so beschränkten Haushalt wohl verzeihlich erschienen , und die Albrecht in den Familien seiner Kollegen unter ähnlichen mißlichen Umständen in ganz anders abstoßender Gestalt oft genug beobachtet hatte . Und was dort nicht selten der dunklere Hintergrund des dunklen Bildes war : die Not um das materielle Dasein , davon konnte hier keine Rede sein , für den Augenblick wenigstens sicher nicht . Seine jetzt vollendete Arbeit hatte ihm ein für seine Verhältnisse ansehnliches Honorar gebracht und für die geringen Ansprüche , die Klara und er an das Leben stellten , genügten auch sonst seine laufenden Einnahmen . Er sagte sich das alles in Momenten ruhiger Überlegung , aber deren hatte er jetzt wenige . Wie ein weidwunder Hirsch durch den Wald , schleppte er sich durch das Dasein , todmüde , den Schlaf herbeisehnend , der nicht kommen wollte vor dem brennenden , bohrenden Schmerz in der frischen Wunde . Sonst hatte er in trüben Stunden nur seinen Homer oder Sophokles , seinen Horaz oder Virgil aufzuschlagen brauchen und sich in eine Welt entrückt gefühlt , unter der die gemeine Wirklichkeit in wesenlosem Scheine lag . Nun wollte die Heilquelle nicht mehr fließen und der Balsam hatte seine Kraft verloren . Er , der früher nur ein verächtliches Lächeln gehabt hatte für die Klagen der Alltagsseelen über Alltagsleiden , mußte jetzt seinen ganzen Stolz zusammennehmen , um nicht in den Chor einzustimmen ; er spürte eine beständige Neigung zum Weinen , und manchmal fehlte nur ein Geringes und er wäre mitten in seiner Lehrstunde oder im Gespräch mit den Kollegen in Thränen ausgebrochen . Dann raffte er sich wohl gewaltsam zusammen , schalt sich einen Undankbaren , einen Feigling , einen Weiberknecht ; aber die heroische Wallung war nur zu bald verflogen . Wieder stand es vor seines Geistes Auge in erschreckender Klarheit , das Bild der Zauberin ; wieder fühlte er auf seinen Lippen ihren Kuß ; wieder fluchte er den Göttern , die mit dem Menschen ihren schnöden Spaß treiben und ihm ein Glück vorgaukeln , das ihm ewig unerreichbar bleibt . Weshalb in seine Brust die Leidenschaft der Schönheit pflanzen , wenn sie sie nicht stillen wollten ? Weshalb ihm das herrliche Weib an die Brust drücken , um es sofort in eine Ixion-Wolke zu wandeln ? Aus der nur noch ein leises , ironisches Kirchen schallte : Weißt Du jetzt , wie weich einer Göttin Arme sind und ihre Küsse brennen , du armseliges , gefopptes Menschenkind ? Ja , er war gefoppt , genasführt ; sein übermütiges , frivoles Spiel hatte man mit ihm getrieben ; und war dann unbekümmert um ihn , der sich verzweifelt am Boden rang , auf- und davongeflogen in höhere Regionen . Wären es doch wirklich höhere gewesen ! Konnte er die so nennen , in welchen die Herren von Fernau und Genossen Sterne erster Ordnung waren ? die jungen Herren , mit denen er nach der Ballnacht in dem Café gewesen war , das große Wort führten ? Und sie » die Sorbitz « nannten ? und von ihr sprachen , wie von einer Balletteuse ? Den abscheulichen Eindruck , den diese Reden auf ihn gemacht hatten , konnte er nicht los werden , wie den Nachgeschmack einer widerlichen Medizin . Und er hatte die Empfindung , als sei gerade von ihr in einem besonders leichtfertigen Ton gesprochen worden . Es konnte doch wohl nur sein , weil alles , was über sie gesagt wurde , ihn so viel schmerzlicher berührt hatte ; und doch , mochte er dagegen ankämpfen , wie er wollte , der Zweifel an ihr schlich sich in seine Seele und verdoppelte seine Qual . Sein gutes Weib zu verraten , war schlimm ; sie verraten zu haben um eine , die von der Courtisane nur der gesellschaftliche Rang trennte , schien unerträglich . Die Flurschelle wurde gezogen ; er war es jetzt schon gewohnt , selbst zu öffnen . Der Postbote brachte zwei Briefe ; der eine von einem Studienfreund in Petersburg mit dem er gelegentlich korrespondierte ; die Handschrift auf dem Couvert des andern , eines Stadtbriefes , kannte er nicht . Als er sie bei dem helleren Licht in seinem Zimmer genauer ansah , sagte er sich sofort , daß es eine weibliche , und im nächsten Augenblick , daß sie verstellt sei . Ein Zittern überfiel ihn ; in dem Berliner Zimmer bewegte es sich ; er ließ den Brief zwischen ein paar Bücher gleiten , die auf dem Schreibtisch standen . Es war Klara , die mit einer Frage kam , auf welche er eine kurze , verwirrte Antwort gab . Du bist sehr beschäftigt ? sagte Klara . Ich habe noch ein paar Hefte zu korrigieren und möchte dann eine Stunde in den Straßen herumlaufen ; mein Kopf ist heute nicht besonders . Du kommst auch jetzt so wenig heraus . Wer schreibt Dir denn da ? Professor Möller . Warum ? Ich frage nur so . Zieh Dich hernach warm an . Doktor Ribbeck sagte vorhin , es sei ein häßlicher Nordost . Helenchen hustet auch heute abend wieder mehr . Klara war aus dem Zimmer , um Albrechts Lippen zuckte ein unschönes Lächeln . Wie klug von ihm , daß er den andern Brief hatte verschwinden lassen ! und auf alle Fälle gesagt hatte , er wolle noch ausgehen ! Es war doch möglich , der Brief war von ihr , und dann - Der Brief war von ihr , konnte nur von ihr sein , wenn er auch keine Unterschrift hatte . Über seine Schulhefte gebückt , zwischen deren Blättern das teure Blatt in jedem Moment einen sichern Versteck finden konnte , las er mit wild klopfendem Herzen : Ich bin heute abend bei S. bis neun Uhr . Da ich weiß , daß Du zu derselben Zeit in der Nähe bist , rechne ich darauf , daß wir eine Strecke zusammen fahren . Ich werde zu