auf ihrem und - meinem Wege aufwärts als grämliche Sieger zu fallen , nicht bekamen , und mir sagen darf Wenig ! , so ist das auch ein Trost , aber nur ein geringer , und man hat erst an seine eigenen Nachkommen und deren Tröstungen zu denken , ehe man sich wieder beruhigter , gelassener vor solch einem Aktenbündel wie dieses hier vorliegende im Sessel zurechtrückt . - Jawohl , mein Weg ging aufwärts in der Rangordnung des Staatskalenders und der bürgerlichen Gesellschaft : meine Eltern starben - die Mutter zuerst und der Vater ihr bald nach ; und ich heiratete . Daß ich ihnen » Schlappes « Schwester als liebe Braut und gute Tochter zuführte , war der beiden guten und lieben alten Leute letzte Freude und drückte ihnen das letzte Siegel auf die Gewißheit , daß auch ich ein guter , braver Sohn gewesen sei , daß ich allen ihren Erwartungen entsprochen habe und mich auch fernerhin aller hohen und höchsten Ehren und Genugtuungen unserer Welt im kleinsten würdig erweisen werde und also aller durch zwei ganze treusorgliche Elternleben aufgewendeten Ängste , Mühen , Kümmernisse und Entsagungen wert . Wahrlich , ich schreibe nicht , um in diesen Blättern Komödie zu spielen und von Tränen zu fabeln und zu faseln , die auf irgendeine Seite der Handschrift gefallen seien ( ich weiß es ja eigentlich selber nicht , wie sich dieses alles plötzlich infolge jenes Briefes aus Berlin , den Helene Trotzendorff , den Mrs. Mungo schrieb , in den tagtäglichen Aktenwechsel auf meinem Schreibtische schiebt ! ) , aber ich nehme mir wieder die Muße , zu dem Bildnis über diesem Schreibtische , dem alten , teuren Herrn mit dem verkniffenen deutschen Schreibergesicht und dem zu dem Landesorden hinzugestifteten Ehrenkreuz Erster Klasse auf der Brust , melancholisch-dankbar aufzuschauen . Wer hatte es besser mit dir im Sinne als der ? - - - Der Weg nach dem Friedhofe jenseits des Vogelsangs führte noch immer durch unsere vordem so grüne Kindheitsgasse . Jetzt vorbei an den Plätzen , wo vordem Hartlebens weitgedehntes Anwesen gewesen war und meiner Eltern Haus , mein Vaterhaus und ihrer Väter Haus , gelegen hatte . Es ist eine Redensart : » Ich komme selten mehr in die Gegend ! « Wie schwer sie einem aufs Herz fallen kann , das sollte ich am Begräbnistage meines Vaters im vollsten Maße erfahren . Ich war nicht so häufig in die Gegend gekommen , wie ich gesollt hatte , und nun war grade die rechte Gelegenheit , um zu erkennen , wie sehr sie sich verändert hatte , nicht seit unseren Kinderjahren , sondern seit dem Tage , an welchem die Nachbarin Andres , die Frau Doktern , dort von uns allen allein zurückgelassen worden war . Es gibt auch eine Redensart : » Das ist mir bis jetzt nicht aufgefallen ! « Und dann kommt plötzlich die Gelegenheit , der Augenblick , die Stunde , der Tag , wo das um so eindringlicher einem ans Herz gelegt wird . Ich hatte wirklich so viel mit meinen persönlichen Lebensangelegenheiten , mit mir selber zu schaffen gehabt , daß ich mich um das , was hinter mir lag , und wenn auch in nächster Nähe , wenig bekümmern konnte , und der Vogelsang war mir davon nicht ausgenommen gewesen . - Zwischen den neuen Mauern der Fabriken , Mietshäuser , Tanzlokale war ' s allein die alte Frau , die Mutter Veltens , welche , wie sie es dem Sohne versprochen hatte , nicht von ihrer Heimstätte gewichen war und trotz des neuen Lebens , das ihr von allen Seiten unbehaglich , spöttisch , ja drohend sich andrängte , ihr Häuschen , ihr Gärtchen , ihre lebendige Hecke festhielt . Wieviel Vernunft hatten meine Eltern deswegen die letzten Jahre hindurch vergeblich auf sie hineingeredet ! » Er hat seinen Willen gewollt und hat ihn nun in aller Herren Ländern zu Land und Meer : ich habe den meinigen hier im Vogelsang , und wenn es auch nur des Kitzels wegen wäre , der mir zukommt , wenn er heimkommt und ich ihn frage Na , Velten , wie war ' s denn draußen ? « antwortete in den verschiedenartigsten Variationen ( auch je nach Jahreszeit verschiedenen ) die Frau Doktorin Andres im Vogelsang auf alles , was ihr Häuserspekulanten , sachverständige Freunde und wohlmeinende Freundinnen vortragen mochten , um ihr den Sinn zu brechen und ihr zum Besten zu raten . Es war mit der Frau jetzt immer noch ebensowenig anzufangen wie vor Jahren , wenn mein Vater als » Familienfreund « von einer Erziehungskontroverse mit ihr nach Hause kam . Und nun war es kaum acht Tage her , daß er zum letztenmal in dem kleinen hartnäckigen Häuslein gewesen war , um sich in der altgewohnten , treufreundschaftlich-nachbarschaftlichen Weise zu ärgern und sich wieder zu vertragen mit der Frau » Exnachbarin « . Nun stammte der werteste Kranz auf seinem Sarge aus dem letzten Hausgarten des Vogelsangs , und Veltens Mutter hatte ihn selbst gebracht und mit mir und meiner jungen Frau , die nichts mehr von dem Vogelsang wußte , neben dem schwarzen Schrein gesessen und mir mehrfach die Hand aufs Knie gelegt und geseufzt : » Ich werde ihn sehr , sehr vermissen , deinen guten Vater , bester Karl ! Nun bin ich die letzte von den Alten unterm Osterberge . Manchmal in dem jetzigen Lärm dort um mich her , wenn ich so von meinem Strickzeug am Fenster aufsehe , kommt es mir doch wirklich vor , als gehöre auch ich nicht mehr dahin : aber ich habe es ihm ja versprochen , daß er mich jederzeit dort in seines Vaters und seinem eigenen alten Wesen noch vorfinden soll , und so muß ich noch etwas bleiben . Wer verdunkelt einem nun noch mit einem Auf ein Wort , Frau Nachbarin ! das Fenster , um einen fester in der Gewißheit , zur Seite und gegenüber die beste , liebste Nachbarschaft