Sie , Wilibald , daß das beneidete Leben , das ich jetzt führe , meinem Ohr und meinem Herzen solche Worte versagt , daß lange Zeiten vergehen , ehe Aussprüche von solcher poetischen Tiefe zu mir sprechen , das ist für eine Natur , wie sie mir nun mal geworden , ein ewig zehrender Schmerz . Und Sie sprechen dabei von Glück , Wilibald , sogar von großem Glück ! Glauben Sie mir , mir , die ich dies alles durchlebt habe , diese soviel begehrten Dinge sind wertlos für den , der sie hat . Oft , wenn ich nicht schlafen kann und mein Leben überdenke , wird es mir klar , daß das Glück , das anscheinend soviel für mich tat , mich nicht die Wege geführt hat , die für mich paßten , und daß ich in einfacheren Verhältnissen und als Gattin eines in der Welt der Ideen und vor allem auch des Idealen stehenden Mannes wahrscheinlich glücklicher geworden wäre . Sie wissen , wie gut Treibel ist und daß ich ein dankbares Gefühl für seine Güte habe . Trotzdem muß ich es leider aussprechen , es fehlt mir , meinem Manne gegenüber , jene hohe Freude der Unterordnung , die doch unser schönstes Glück ausmacht und so recht gleichbedeutend ist mit echter Liebe . Niemandem darf ich dergleichen sagen ; aber vor Ihnen , Wilibald , mein Herz auszuschütten ist , glaub ich , mein schön menschliches Recht und vielleicht sogar meine Pflicht ... « Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches : » Ach , Jenny ... « mit einem Tone , drin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens zum Ausdruck zu bringen trachtete . Was ihm auch gelang . Er lauschte selber dem Klang und beglückwünschte sich im stillen , daß er sein Spiel so gut gespielt habe . Jenny , trotz aller Klugheit , war doch eitel genug , an das » Ach « ihres ehemaligen Anbeters zu glauben . So gingen sie , schweigend und anscheinend ihren Gefühlen hingegeben , nebeneinander her , bis Schmidt die Notwendigkeit fühlte , mit irgendeiner Frage das Schweigen zu brechen . Er entschied sich dabei für das alte Rettungsmittel und lenkte das Gespräch auf die Kinder . » Ja , Jenny « , hob er mit immer noch verschleierter Stimme an , » was versäumt ist , ist versäumt . Und wer fühlte das tiefer als ich selbst . Aber eine Frau wie Sie , die das Leben begreift , findet auch im Leben selbst ihren Trost , vor allem in der Freude täglicher Pflichterfüllung . Da sind in erster Reihe die Kinder , ja , schon ein Enkelkind ist da , wie Milch und Blut , das liebe Lizzichen , und das sind dann , mein ich , die Hülfen , daran Frauenherzen sich aufrichten müssen . Und wenn ich auch Ihnen gegenüber , teure Freundin , von einem eigentlichen Eheglücke nicht sprechen will , denn wir sind wohl einig in dem , was Treibel ist und nicht ist , so darf ich doch sagen , Sie sind eine glückliche Mutter . Zwei Söhne sind Ihnen herangewachsen , gesund , oder doch was man so gesund zu nennen pflegt , von guter Bildung und guten Sitten . Und bedenken Sie , was allein dies letzte heutzutage bedeuten will . Otto hat sich nach Neigung verheiratet und sein Herz einer schönen und reichen Dame geschenkt , die , soviel ich weiß , der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist , und wenn ich recht berichtet bin , so bereitet sich im Hause Treibel ein zweites Verlöbnis vor , und Helenens Schwester steht auf dem Punkte , Leopolds Braut zu werden ... « » Wer sagt das ? « fuhr jetzt Jenny heraus , plötzlich aus dem sentimental Schwärmerischen in den Ton ausgesprochenster Wirklichkeit verfallend . » Wer sagt das ? « Schmidt geriet , diesem erregten Tone gegenüber , in eine kleine Verlegenheit . Er hatte sich das so gedacht oder vielleicht auch mal etwas Ähnliches gehört und stand nun ziemlich ratlos vor der Frage » wer sagt das ? « Zum Glück war es damit nicht sonderlich ernsthaft gemeint , so wenig , daß Jenny , ohne eine Antwort abgewartet zu haben , mit großer Lebhaftigkeit fortfuhr : » Sie können gar nicht ahnen , Freund , wie mich das alles reizt . Das ist so die seitens des Holzhofs beliebte Art , mir die Dinge über den Kopf wegzunehmen . Sie , lieber Schmidt , sprechen nach , was Sie hören , aber die , die solche Dinge wie von ungefähr unter die Leute bringen , mit denen hab ich ernstlich ein Hühnchen zu pflücken . Es ist eine Insolenz . Und Helene mag sich vorsehen . « » Aber , Jenny , liebe Freundin , Sie dürfen sich nicht so erregen . Ich habe das so hingesagt , weil ich es als selbstverständlich annahm . « » Als selbstverständlich « , wiederholte Jenny spöttisch , die , während sie das sagte , die Mantille wieder abriß und dem Professor über den Arm warf . » Als selbstverständlich . So weit also hat es der Holzhof schon gebracht , daß die nächsten Freunde solche Verlobung als eine Selbstverständlichkeit ansehen . Es ist aber keine Selbstverständlichkeit , ganz im Gegenteil , und wenn ich mir vergegenwärtige , daß Ottos alles besser wissende Frau neben ihrer Schwester Hildegard ein bloßer Schatten sein soll - und ich glaub es gern , denn sie war schon als Backfisch von einer geradezu ridikülen Überheblichkeit - , so muß ich sagen , ich habe an einer Hamburger Schwiegertochter aus dem Hause Munk gerade genug . « » Aber , teuerste Freundin , ich begreife Sie nicht . Sie setzen mich in das aufrichtigste Erstaunen . Es ist doch kein Zweifel , daß Helene eine schöne Frau ist und von einer , wenn ich mich so ausdrücken darf , ganz aparten Appetitlichkeit ... « Jenny lachte . » ... Zum Anbeißen