Tag nicht ohne seltsame Spuren vorübergegangen . Als die Familie beim Mittagsmahle vereinigt saß , zog er eine Zeitung aus der Tasche , die um eilf Uhr ausgegeben worden . Er warf nur einen Blick auf die neuesten Nachrichten , worunter die Eröffnung des Großen Rates nebst den zwei oder drei ersten Geschäften ; des Eintrittes der beiden jungen Notare war erwähnt . Salander , dem die Wahlen nicht unbekannt geblieben , hatte noch nicht daran gedacht , daß heute eine Session begann und die Gebrüder Weidelich an derselben teilnahmen . Er fühlte sich wunderlich überrascht . Die unwillkommenen Liebhaber seiner Töchter waren nicht nur als seine Gönner aufgetreten und nahe daran gewesen , ihm selbst in den Obersten Rat zu verhelfen , sondern sie saßen jetzt selber darin , während er , der bewährte und erfahrene Volksfreund , der Vater , in der Zeitung lesen mußte , was dort vorging . In Gegenwart seines weiblichen Haushaltes überlief mit dem Schatten der Menschlichkeit eine unbequeme Eifersucht sein Gemüt . » Was gibt es in der Zeitung , daß du so ein bedenkliches Gesicht machst ? « fragte Frau Marie , die ihn ansah , weil die Töchter ihn verstohlen zu beobachten schienen . » Ich ? « sagte er , die Augen nicht von dem Blatte wegwendend , » es gibt weiter nichts ! Ich lese da just , daß die Herren Weidelich heut in das Rathaus eingezogen sind . « Erst jetzt blickte er auf , da die Gattin sich bewegte , wie wenn sie erschräke . Mit ihr zusammen nahm er wahr , daß die Augen der Jungfrauen seltsam glänzten und ihre Lippen zuckten , als wollten sie sagen : Sind sie nun alt genug ? » Die gute Suppe ist versalzen , Magdalene , nehmt mir den Teller weg ! « rief die Mutter der eintretenden Köchin zu . Diese nahm den Teller samt dem Löffel und kostete die Suppe . » Ich begreife nicht , « entgegnete sie , » ich habe gewiß nicht mehr Salz genommen als gewöhnlich ! « » Gleichviel , sie ist versalzen ! Ich mag überhaupt nicht essen ! « Hiemit legte Frau Salander ihr Tellertuch weg und erhob sich . » Marie , sei nicht töricht und iß ! Oder ist dir nicht wohl ? « rief nun Martin , als er sah , daß die Frau blaß geworden . Besorgt stand er auf , und auch die Töchter schoben mit ganz veränderten Gesichtern die Stühle zurück , um der Mutter beizuspringen . Sie faßte sich jedoch unvermutet . » Bleibt nur sitzen und eßt ! « sagte sie , » ich will es auch tun , so gut ich kann ! « Als alle ihre Plätze wieder eingenommen und die bewegte Frau etwas ruhiger geworden , fuhr sie zu sprechen fort : » Ich sehe , daß ihr nicht von eurem Willen weicht und die Dinge ihren Lauf nehmen . Wenn ihr etwas zu sagen habt , so redet offen , ich mische mich nicht mehr darein und überlasse eurem Vater den Rat und die Tat , wenn etwas zu tun ist ! « » Sprich nicht so ! « sagte Martin , » wir wollen nicht als geschiedene Leute vor den Kindern stehen ! Wie steht es denn nun , « wandte er sich an die Töchter , » was geht vor mit den jungen Leuten , den Zwillingen ? « Es blieb ein Weilchen still . Dann nahm Fräulein Setti sich zusammen . » Liebe Eltern ! « sagte sie mit gesenkten Augen , während Netti mit Herzklopfen neben ihr saß , » die Zeit ist jetzt da . Am nächsten Sonntag wollen sie kommen und um uns anhalten . Wir bitten euch , uns nicht entgegen zu sein ! « Wieder herrschte ein kurzes Schweigen . Dann sagte Salander : » Wir wollen sie kommen lassen ! Bis dahin dürfen eure Eltern wohl noch ein wenig nachdenken und auch dann die übliche Bedenkzeit ausbitten , insofern es wünschenswert scheint . « » Oh , wir wollen ja nichts überstürzen ! « rief Nettchen . » Schon gut , iß jetzt nur , es wird ja alles kalt ! « schloß Salander und setzte allein die Mahlzeit fort , da die Mädchen feierten und die Mutter wieder aufgestanden war und sich schweigend im Zimmer zu schaffen machte . Die Töchter zeigten sich von dieser Stunde an unterwürfig und sehr liebenswürdig gegen Vater und Mutter . Wenn sie auch entschlossen waren , ihr persönliches Recht zu behaupten , so wußten sie doch den Unterschied zwischen einem friedlichen Ausscheiden aus dem Elternhaus und einem gewaltsamen Bruche richtig zu schätzen . Sie hatten auch ihr gutes Gewissen wiederhergestellt , indem sie mit den Geliebten nicht mehr zusammengetroffen und den brieflichen Verkehr auf das Notwendige beschränkten . Zur etwelchen Entschädigung bestiegen sie in schönen Morgen- oder Abendstunden zuweilen die Berghöhe , wo man das Haus des Notars am Lindenberg und dasjenige des Notars im Lautenspiel sehen konnte . Jede trug ein Doppelglas an schmalem Riemen umgehängt , und wenn sie oben anlangten , forschten sie mit beseelten Augen in dem Ferneblau , welches die darin entrückten Gegenstände ihrer Liebeswahl noch tausendmal verschönerte . Netti vermochte durch ihr Glas die Fenster am Hause Julians zu zählen ; der Schwester gelang das an Isidors Hause nicht , weil es zu jener Zeit im Schatten stand . Dafür sah sie im Lautenspiel einen weißen Rauch aufsteigen und deutlich einen Streifen Sonnenlichts auf einem Weiher und durch die Bäume blitzen . » Wie schön wird es sein , « rief sie , » wenn ich meinen Brief an dich datieren kann : Lautenspiel , den 1. Mai ! « » Auf Lindenberg , am 1. Juni wird sich auch nicht übel ausnehmen ! « meinte Nettchen und guckte weiter ; » wenn ihr zum Besuch kommt , so essen wir in der obern Eckstube , sieh mal das äußerste Fenster links , dort muß man