Band umwundene Rosen- und Myrtenguirlande bildete . Die Frau hielt ja auch ein paar Myrtenzweiglein lässig zwischen den schlanken Fingern - so war sie jedenfalls als Braut gemalt . Das Bild war ein Kniestück , das junge Weib in smaragdfarbener , mit Silberblumen durchwirkter Brokatrobe darstellend - aber was für ein Weib war das ! Margarete hatte oft in kindlicher Neugier zu dem Bilde aufgeblickt ; aber was hatte sie damals von der Beseelung einer Gestalt , von der Darstellungskraft des Pinsels verstanden ? - Es war ihr immer nur aufgefallen , daß die hohe Frisur , die bei all den anderen Lamprechtschen Hausfrauen und Töchtern schneeweißer Puder bestäubte , ihre tiefe Schwärze behauptet hatte . Jetzt kniete das junge Mädchen auf den Dielen vor dem Bilde und sagte sich angesichts dieser erstaunlichen Haarfülle , aus deren nachtdunklem Geschlinge die täuschend gemalten fünf Rubinensterne förmlich glitzerten , und von welchem einzelne gelöste Ringel schlangenhaft weich auch über die zarte Brustwölbung hinabsanken , daß diese Frau sich kühn und energisch gegen die herrschende Mode und die Verunglimpfung ihres stolzesten Schmuckes verwahrt habe . Jetzt war es auch begreiflich , daß ihr der Volksmund das Wandern nach dem Tode angedichtet . Ihre Zeitgenossen , welche das Feuer aus diesen mächtigen dunklen Augen in Wirklichkeit hatten sprühen sehen , und vor welchen die zarte , bis in die graziös gebogenen Fingerspitzen hinein beseelte Erscheinung leibhaftig gewandelt und geatmet , sie hatten an ein wirkliches Sterben und Erlöschen solchen Zaubers nicht glauben können . Es war doch etwas Wunderbares um so ein urdeutsches , altes Haus mit seinen Traditionen , die sich an das altfränkische Gerät knüpften und jeden Winkel belebten ! Nur feierlicher , aber geheimnisvoller gewiß nicht war ihr beim Beschreiten der marmorbelegten Korridore alter venezianischer Paläste zumute gewesen , als jetzt im Vaterhause , wo die Gangdielen unter ihren Tritten seufzten und die Gestalten der alten Leinenhändler die Wand entlang mit gespenstigem Leben aus dem Halbdunkel auftauchten , in ihrer Reihe immer nur von einer der stummen , geschlossenen Thüren unterbrochen , hinter denen so manches Geheimnis schlafen mochte . Wohl hatte der Papa einst das hier seit vielen Jahren herrschende Schweigen gestört und sich in den verrufenen Zimmern einquartiert , um das abergläubische Gesinde von seiner Gespensterfurcht zu kurieren , war auch bei seiner jedesmaligen Heimkehr , die zu jener Zeit stets nur für wenige Wochen seine Reise unterbrach , mit Vorliebe in diesem seinem » Tuskulum « verblieben . Aber schon nach zwei Jahren hatte sich das geändert ; der Ausblick in den stillen Hof mochte ihm doch auf die Dauer nicht behagt haben . Nach einer fast halbjährigen Abwesenheit hatte er eines Tages von der Schweiz aus angeordnet , daß das ehemalige Boudoir seiner verstorbenen Frau wieder für ihn hergerichtet werde . Margarete erinnerte sich noch , daß damals zu ihrer Betrübnis die rosenfarbene Polstereinrichtung , die Aquarellen und Rosenholzmöbel in ein anderes Zimmer geschafft und durch ein dunkles Meublement ersetzt worden waren . Und als er nach Hause gekommen , da hatte er das große Oelbild seiner verstorbenen Frau , das einzige , welches seinen Platz an der Wand behauptet , sofort in den anstoßenden Salon hängen lassen - der Anblick des Bildes , ebenso wie die ganze Einrichtung scheine ihm neuerdings die alte Wunde aufzureißen , hatte die Großmama gemeint und deshalb das Arrangement vollkommen gebilligt . Die Zimmer im Seitenflügel aber waren unter seiner speziellen Aufsicht wieder in den früheren Stand versetzt worden - auch nicht der geringste Gegenstand der modernen Einrichtung war darin verblieben - dann hatte er lüften und scheuern lassen , hatte eigenhändig die Vorhänge zugezogen und den Schlüssel , wie früher auch , an sich genommen . Margarete bückte sich und sah durch das weite Schlüsselloch in das Zimmer mit dem herrlichen Deckengemälde . Wie Kirchenluft wehte es sie an , und die abgeblaßten , transparenten Klatschblumenbouketts der Seidengardinen hauchten drinnen über Dielen und Wände einen schwachrötlichen Schein . - Arme , schöne Dore ! In ihrem kurzen Leben angebetet , auf den Händen getragen , hatte sie ihr ertrotztes Glück mit einem frühen Tode gebüßt ; und nun sollten der Psyche auch noch bis in alle Ewigkeit die Flügel geknebelt sein , auf daß sie immer wieder angstvoll gegen die zwei engen Wände des düsteren Ganges aufflattern müsse ! Wie durch fernes Nebelgewoge dämmerte in dem jungen Mädchen die Erinnerung an die Weißverschleierte auf . Die mächtigen Reiseeindrücke , die sie draußen in der Welt empfangen , das hochgesteigerte geistige Leben im Hause des berühmten Onkels hatten diese Episode ihrer Kinderzeit ziemlich in ihrem Gedächtnis verwischt , so zwar , daß sie schließlich selbst oft gemeint , der ganze seltsame Vorfall sei doch wohl auf den Ausbruch ihrer damaligen schweren Nervenkrankheit zurückzuführen . In diesem Augenblick jedoch , wo sie wieder vor derselben Thüre stand , aus welcher » das Huschende « damals gekommen war , und schräg gegenüber den riesigen Kleiderschrank stehen sah , hinter welchen sie sich versteckt , da gewann der Vorgang wieder schärfere Umrisse , und es war ihr plötzlich , als müsse sie auch jetzt , wie in jenem Moment , das Geklapper der forteilenden kleinen Absätze wieder hören . An dem Schranke steckte der Schlüssel , dem ein mächtiges Schlüsselbund anhing . Margarete öffnete die nur angelehnte Thüre weiter und sah , daß Tante Sophie verschiedenes Gerät auf das obere Regal gestellt hatte , um es während der Zimmerrenovierung in Sicherheit zu wissen . An den Haken aber hingen die kostbaren Brokatschleppen der Urgroßmütter noch in Reih und Glied , wie sie es vor Jahren oft gesehen . Wie auf einem Tulpen- und Hyazinthenbeet flammten da alle starken Farben , und dazwischen funkelte Gold- und Silbergewebe und schweres Borden- und Tressenwerk - ein bedeutendes , totes Kapital , das die Pietät und der Stolz des alten Handelshauses unberührt im Schranke zerbröckeln ließen . Tief in der dunkelsten Ecke schimmerte auch ein Streifen der smaragdfarbenen Schleppe , in welcher sich die schöne Frau Dore hatte