beinahe mehr , als ich konjugiere , woraus mir der Vorteil wird , im Ungrischlernen auch zugleich die katholische Kirche kennenzulernen , von der ich offen gestanden bis dahin sehr unausreichende Begriffe hatte . Neben dem Geistlichen ist es der alte Toldy , der meine Zeit am meisten in Anspruch nimmt . Er lebt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart , und unter den Gegenständen seiner Adoration steht Comtesse Judith obenan . Ein wahres Kreuz könnte mir sein bei jeder Gelegenheit hervortretendes Magyarentum sein , wenn nicht die Naivität , mit der sich dasselbe gibt , etwas Versöhnendes und oft etwas geradezu Rührendes hätte . So nehm ich ihn denn als Type , folg ihm liebevoll auch in seinen Schwächen und vervollständige durch mein Geplauder mit ihm die Sprachstudien , zu denen der Geistliche von Szegenihaza die Fundamente legt . Meine Fortschritte setzen mich beinahe selbst in Verwunderung , aber mehr noch , als sie mich verwundern , beglücken sie mich . Denn ich gehöre nun diesem Lande mit meinem Herzen , und wenn vielleicht nicht voll mit meinem Herzen , so doch mit meinen Entschlüssen an und will das ganz sein , was zu sein ich mir an jenem mir unvergeßlichen Tage vornahm , der mir zuerst Ihr schönes Herz und Ihre wohlwollenden Gesinnungen für mich offenbarte . Nach dem nur kurzen Diner , sechs Uhr , folgen Fahrten über Land , ein paarmal auch schon über den See . Das schönste Wetter hat uns bis jetzt begünstigt ; nicht einmal ein Gewitter zog in den heißen Tagen herauf . Den Tee nehmen wir abwechselnd auf der Plattform in Front des Schlosses oder auf der obersten Gartenterrasse , die sich mehr und mehr in einen Blumengarten verwandelt hat . Ich erzähle dann , was ich von Josephine gehört oder auch in den Zeitungen gelesen habe , wobei mich immer wieder die schöne Milde des Grafen überrascht und ein Gerechtigkeitssinn , der , so möcht ich annehmen , auch Sie , gnädigste Gräfin , in Erstaunen setzen würde . Denn er ist doch anders , als Sie vermeinen , anders in diesem und manchem andern Punkte . Wohl zeigt er sich unruhig und unbefriedigt und sucht die Ruhe nicht da , wo sie vielleicht einzig und allein zu finden ist , aber er sucht sie doch und nicht bloß in dem , was man Zerstreuungen nennt . Er birgt vielmehr umgekehrt einen Schatz von Gemüt in seinem Herzen , und daß er nur selten und immer nur flüchtig und andeutungsweise davon spricht , ist mir ein Beweis mehr von seiner tiefer angelegten Natur . Erst gestern abend auf unserer Spazierfahrt bei Sonnenuntergang , was er besonders liebt , überraschte mich wieder ein Wort von ihm . Die Sonne stand schon unter dem Horizont , aber in dem zurückgebliebenen Glutscheine spiegelte sich noch von unten her ihr Schattenbild . Er wies darauf hin und sagte : Sieh , Franziska , das ist das Leben oder doch sein Ausgang . Wenn die Sonne fort ist , bleibt uns ihr Bild noch eine Weile zurück , aber ein Schattenbild nur , und auch das ist kurz . In dieser Weise spricht er öfter zu mir und verrät darin einen Anflug von Resignation , der mich betrübt . In allem andern aber bin ich glücklich und unzweifelhaft um vieles glücklicher , als ich zu hoffen wagte . Gute Sterne haben bisher über meinem Leben auf Schloß Arpa gestanden , und von dem , was ich fürchtete , hat sich nichts erfüllt . Ich fürchtete mich vor Unfreiheit , auch vor Unfreiheit in kleinen Dingen , aber in Wahrheit bin ich freier geworden . Wieviel schöner ist dies Leben als das , das abgeschlossen hinter mir liegt und in dem eines war , das mich stets empörte : das Sichbewerbenmüssen um Gunst und Liebe . Hier hab ich beides als ein freies Geschenk . Anfang Dezember will Petöfy wieder nach Wien zurück . Ich freue mich darauf und auch nicht . Das laute , großstädtische Leben hat einen unendlichen Reiz für mich gehabt und hat ihn vielleicht noch , aber ich möchte nur Zuschauer darin sein und nur andere leben und erleben lassen . Selbst wieder eine Rolle darin zu spielen widerstrebt meinem innersten Herzenszuge . Mir will es scheinen , daß ich , wenn nicht für die Stille , so doch für die Kontemplation geboren und in dem , was mir zurückliegt , in einem Irrtum befangen gewesen bin . Ich habe noch eine Sehnsucht , aber diese Sehnsucht ist nicht die Welt . Oder irrt ich auch darin wieder ? Schließen Sie mich in Ihre Gebete ein . Ihre Ihnen dankbar und herzlich ergebene Franziska Petöfy « Zweiundzwanzigstes Kapitel Abermals waren Wochen vergangen , und in Ablösung der sonnigen Tage , die seit Anfang August über Schloß Arpa gestanden , hatten sich Regentage eingestellt . » Es regnet wie auf dem Szekler Landtage « , sagte Franziska scherzhaft , und als der Graf nach der Bedeutung davon fragte , rezitierte sie zu seiner nicht geringen Erheiterung das gleichnamige Chamissosche Gedicht . » Ei , da muß ich aus einem norddeutschen Gedicht erfahren , wie ' s auf dem Szekler Landtag aussieht « , lachte der Graf , und jedesmal , wenn er Franziska begegnete , wies er auf die Wasser , die draußen nach wie vor niederströmten , und wiederholte die Refrainzeile : » Der Regen regnet immer noch . « Als es mit diesem Wetter anfing , versuchten beide zunächst noch ihre Spazierfahrten fortzusetzen , am dritten Tag aber waren die Wege bereits so grundlos geworden , daß man es aufgeben mußte . Nichts blieb ihnen als eine Promenade durch die Gewächshäuser und ein tagtägliches fleißiges Billardspiel , das Franziska wenigstens im Anfang sichtlich bemüht war zu lernen . Aber weder das eine noch das andere konnt ihr eine rechte Freude schaffen , in den Treibhäusern war es zu wasserschwül , und das Billardspiel ärgerte sie , weil es ihr