zu ziehen , wo sie einkaserniert werden sollten . Wenn anders eine ganz unvernünftige Anstrengung der Stimmbänder durch Schreien , Jauchzen und Singen auf eine frohe Seelenstimmung schließen läßt , so waren die jungen Leute , welche da den Ort verließen , die zufriedensten , glücklichsten Menschen . Den Müller Simerl von Schwenkdorf riß vermutlich nur die Fröhlichkeit seiner Kameraden mit , der Anlaß , den diese zur selben hatten , fehlte ihm , seinen Hut zierte kein Sträußchen , denn der Arme hatte sich vier Wochen vor der Stellung auf einer Hochzeit beim Freudenschießen den Daumen der rechten Hand zerschmettert . » So kommt mancher oft ums Schönste « , klagte er seinen scheidenden Freunden . Als der Zug eine Strecke weit außer Ort war , erhob sich unter einem Busche am Wege eine Dirne und erwartete das Herankommen der Rekruten . Toni erkannte Helene . » Du « , sein Nachbar stieß ihn mit dem Ellbogen an , » mir scheint , da kriegst was mit afn Weg , ich glaub aber nit , daß ' s a Bußl sein wird . « Toni zog den Mund breit und blinzte pfiffig dazu . » Ah , was ! « sagte er . » Gehts nur voran , ich hol euch bald ein . « Er blieb ein paar Schritte zurück . Die Voranschreitenden streckten unter Scherzreden die Arme gegen die Dirne , sie am Kinn oder um die Hüfte zu fassen , aber sie lief , an ihnen vorüber , auf Toni zu . Als dieser sie herankommen sah , da fiel ihm doch ihre Schönheit ins Auge und ihr Verlust aufs Herz . Nur die verweinten Augen , das vergrämte Gesicht , das Gejammer und Geklage hatte er gefürchtet und gemieden ; wie sie aber jetzt sich ihm näherte , zwar mit bösem Geschau und zornroten Wangen , doch so stramm und entschlossen , da zuckte es ihm in den Händen , diese ihr entgegenzustrecken , sie an den ihren festzuhalten , zu fragen , ob sie ihm treu bleiben wolle , dieweil er ferne sei , ihr zu sagen , daß nichts vermöge , ihn von ihr abwendig zu machen , und daß alles noch gut werden würde ! Denkend , wie das die Dirne überraschen müsse , die ihm jetzt ganz erregt und wild nahe trat , öffnete er lächelnd die Lippen . Da stand sie hart an ihm . » Schuft ! « schrie sie und spuckte ihm ins Gesicht . Aufstöhnend holte er mit der Faust aus , aber das Mädchen wich flink zurück und lief eilig gegen das Dorf . Er hörte das laute Gelächter seiner Kameraden , die in einiger Entfernung stehengeblieben waren , da fuhr er sich mit dem Ärmel der Jacke über das Gesicht und begann vor Zorn zu weinen , daß es ihn schütterte ; aber bald ermannte er sich und eilte auf die Wartenden zu . » Vorwärts ! « schrie er . » Das wär überstanden ! Lachts nit ! Was will mer denn machen gegn ein Weibsbild ? Das muß mer sich gfallen lassen , und jeder von euch leidet gern , daß so a Saubere ihm darum bös würd , weil s ' ihm vorher z ' gut gwesen war ! « » Recht hast , Toni , neiden tun s ' dir s ' , weiter nix ! « rief der Müller Simerl und stimmte an : » Ei meingerl - sagt ' s Dirndel - bin ich dir hitzt z ' schlecht ? « Hoiöh , hoiöh , hodero ! Und früher , du Rauber , da war ich dir recht ! Hoiöh , hoiöh , hodero ! Der Bub , der sagt drauf : ' s liegt mer hitzt nix mehr dran , Hoiöh , hoiöh , hodero ! Weil ich dich , mein Schatzerl , schon auswendig kann ! Hoiöh , hoiöh , hodero ! « Der Sänger begann nun , sich über die Freuden der Liebe in jener naiven Anschaulichkeit auszulassen , welche man heutzutage nur noch dem unverdorbenen Volke oder einem alttestamentarischen Könige nachsieht . Unter diesem zarten , sinnigen Liede , dessen Jodler die Bursche begeistert unisono grölten und fistelierten , ging es des Weges weiter . Helene war in fliegender Hast durch das ganze Dorf gerannt , bei ihrer Hütte angelangt , warf sie sich auf die Schwelle nieder und lag , unter krampfigem , stoßendem Geschluchze , laut heulend . Die Türe hinter ihr öffnete sich , und die alte Zinshofer flüsterte : » Dummes Ding , komm hrein , komm hrein , mach kein Aufsehen . « Helene schüttelte heftig den Kopf und wehrte mit den Armen ab . Lange lag sie , gerüttelt , das Herz wie unter einem furchtbaren Drucke angstvoll hämmernd , ihrer selbst nicht Herr ; dann setzte sie sich auf und starrte vor sich hin , über den Bach , wo hinter den Weiden die grüne Matte anstieg . Sie hielt den Blick , unter gesenkten Lidern , nach dem Fuße des Hügels gerichtet , keine Wimper zuckte empor , um verstohlen nach dem Kamme zu sehen , ob dort noch das Gehöft stünde . Sie kehrte sich seufzend ab . Flüchtig streifte ihr Auge die Nachbarhütte , dann beschattete es die Hand , mit der sie sich über die Stirne strich . Nachdem sie eine geraume Weile nachsinnend gesessen , hob sie den Kopf und blickte unbefangen wie ein Kind , das eine Züchtigung vom vorigen Tage überschlafen . Sie zog das rechte Bein an sich , lockerte den Schuh und nahm ihn ab . Mit dem Absatze scharrte sie kleine Kiesel aus der Erde und schnellte sie mit der Spitze der Sohle gegen das Vorgärtchen der Nachbarhütte . Sie trieb dieses Spiel mit großem Eifer und sah jedem Steinchen nach , wie nah es fiel oder wie weit es traf , bis es ihr zuletzt gelang , paarmal hintereinander Steine in des Nachbars Garten zu werfen ,