liebes Riekchen , meine liebe , alte Freundin ! « Und während sie so sprach , war sie bemüht , ihr beim Ablegen behilflich zu sein und das Seidenmäntelchen an einen Haken zu hängen , an den die Kleine nicht heranreichen konnte . » Meine liebe , alte Freundin « , wiederholte Melanie . » Ja , das warst du , Riekchen , das bist du gewesen . Eine rechte Freundin , die mir immer zum Guten geraten und nie zum Munde gesprochen hat . Aber es hat nicht geholfen , und ich habe nie begriffen , wie man Grundsätze haben kann oder Prinzipien , was eigentlich dasselbe meint , aber mir immer noch schwerer und unnötiger vorgekommen ist . Ich hab immer nur getan , was ich wollte , was mir gefiel , wie mir gerade zumute war . Und ich kann es auch so schrecklich nicht finden . Auch jetzt noch nicht . Aber gefährlich ist es , soviel räum ich ein , und ich will es anders zu machen suchen . Will es lernen . Ganz bestimmt . Und nun erzähle . Mir brennen hundert Fragen auf der Seele . « Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben , jetzt aber sagte sie , während sie die Augen niederschlug und dann wieder freundlich und fest auf Melanie richtete : » Habe doch mal sehen wollen ... Und ich bin auch nicht hinter seinem Rücken hier . Er weiß es und hat mir zugeredet . « Melanie flogen die Lippen . » Ist er erbittert ? Sag , ich will es hören . Aus deinem Munde kann ich alles hören . In den Weihnachtstagen war Reiff hier . Da mocht ich es nicht . Es ist doch ein Unterschied , wer spricht . Ob die Neugier oder das Herz . Sag , ist er erbittert ? « Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte : » Wie denn ! Erbittert ! Wär er erbittert , so wär ich nicht hier . Er war unglücklich und ist es noch . Und es zehrt und nagt an ihm . Aber seine Ruhe hat er wieder . Das heißt , so vor den Menschen . Und dabei bleibt es , denn er war dir sehr gut , Melanie , so gut er nur einem Menschen sein konnte . Und du warst sein Stolz , und er freute sich , wenn er dich sah . « Melanie nickte . » Sieh , Herzenskind , du hast nicht anders gekonnt , weil du das andre nicht gelernt hattest , das andre , worauf es ankommt , und weil du nicht wußtest , was der Ernst des Lebens ist . Und Anastasia sang wohl immer : Wer nie sein Brot mit Tränen aß , und Elimar drehte dann das Blatt um . Aber singen und erleben ist ein Unterschied . Und du hast das Tränenbrot nicht gegessen , und Anastasia hat es nicht gegessen und Elimar auch nicht . Und so kam es , daß du nur getan hast , was dir gefiel oder wie dir zumute war . Und dann bist du von den Kindern fortgegangen , von den lieben Kindern , die so hübsch und so fein sind , und hast sie nicht einmal sehen wollen . Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet . Ach , mein armes , liebes Herz , das kannst du vor Gott und Menschen nicht verantworten . « Es war , als ob die Kleine noch weitersprechen wollte . Aber Melanie war aufgesprungen und sagte : » Nein , Riekchen , an dieser Stelle hört es auf . Hier tust du mir unrecht . Sieh , du kennst mich so gut und so lange schon , und fast war ich selber noch ein Kind , als ich ins Haus kam . Aber das eine mußt du mir lassen : ich habe nie gelogen und geheuchelt und hab umgekehrt einen wahren Haß gehabt , mich besser zu machen , als ich bin . Und diesen Haß hab ich noch . Und so sag ich dir denn , das mit den Kindern , mit meiner süßen kleinen Heth , die wie der Vater aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist wie die Frau Mama , nein , Riekchen , das mit den Kindern , das trifft mich nicht . « » Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen . « » Ja , das bin ich , und ich weiß es wohl , manch andre hätt es nicht getan . Aber wenn man auf etwas an und für sich Trauriges stolz sein darf , so bin ich stolz darauf . Ich wollte gehn , das stand fest . Und wenn ich die Kinder sah , so konnt ich nicht gehn . Und so hatt ich denn meine Wahl zu treffen . Ich mag eine falsche Wahl getroffen haben , in den Augen der Welt hab ich es gewiß , aber es war wenigstens ein klares Spiel und offen und ehrlich . Wer aus der Ehe fortläuft und aus keinem andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne , der begibt sich des Rechts , nebenher auch noch die zärtliche Mutter zu spielen . Und das ist die Wahrheit . Ich bin ohne Blick und ohne Abschied gegangen , weil es mir widerstand , Unheiliges und Heiliges durcheinanderzuwerfen . Ich wollte keine sentimentale Verwirrung . Es steht mir nicht zu , mich meiner Tugend zu berühmen . Aber eines hab ich wenigstens , Riekchen : ich habe feine Nerven für das , was paßt und nicht paßt . « » Und möchtest du jetzt sie sehen ? « » Heute lieber als morgen . Jeden Augenblick . Bringst du sie ? « » Nein , nein , Melanie , du bist zu rasch . Aber ich habe mir einen Plan ausgedacht . Und wenn er glückt , so laß ich wieder von mir hören . Und ich komm entweder ,