den Inhalt des Bulletins ; wir vermieden ein Gespräch darüber , um ihn nicht zu verletzen . Unter diesen Umständen war es fast wie Erlösung , als ein lose zusammengeschürzter Zettel an mich abgegeben wurde , der in der lapidaren Schreibweise unseres Jürgaß lautete : Heute , Donnerstag , den 24. , Weihnachtsbowle . Mundts Weinkeller , Königsbrücke 3. Neun Uhr ; besser spät als gar nicht . Gäste willkommen . v. J. Ich reichte dem Grafen , der erst tags vorher den Wunsch geäußert hatte , unseren Klub kennenzulernen , den Zettel hin , wies auf die beiden Schlußworte und fragte ihn , ob es ihm genehm sein würde , mich zu begleiten . Er sagte zu , fast zu meiner Überraschung , da seine Stimmung wenig gesellig schien . Übrigens hatte ich später keine Ursache , seine Zusage zu bedauern . Bald nach neun Uhr waren wir am Rendezvous , das nicht glücklicher gewählt sein konnte . In solchen Sachen kann man sich auf Jürgaß verlassen . Du entsinnst Dich , daß die Flußufer der Königsbrücke zu beiden Seiten einen hohen Quai bilden , auf dem die Giebel und Seitenflügel einzelner alter Gebäude stehen . So auch das Mundtsche Haus . Wir stiegen , von der Straße her , in den Weinkeller hinunter , tappten uns in einem dunklen Gange vorwärts und traten endlich in einen großen , aber niedrigen und holzgetäfelten Salon , der , alte Bilder in mir weckend , mich lebhaft an die Kajüten englischer Kriegsschiffe erinnerte . Einige Freunde waren schon versammelt : v. Schach , Bummcke , Dr. Saßnitz und Buchhändler Rabatzki . Jürgaß fehlte noch . Ich stellte Bninski vor ; dann nahmen wir Platz . Ich hatte nun erst den vollen Eindruck von dem Anheimelnden des Lokales , eine gute Beleuchtung , ein Feuer im Ofen , ein langer , weißgedeckter Tisch , dessen Plätze so gelegt waren , daß sie den Gästen einen freien Blick auf die Spree gönnten . An den Fenstern vorbei , die fast die ganze Höhe des Zimmers hatten und bis auf den Fußboden niedergingen , bewegte sich ein bunter Weihnachtsverkehr , eine Art Newamesse . Schlittschuhläufer mit Stocklaternen , Waldteufeljungen , kleine Mädchen mit Wachsengeln , alles zog wie eine Erscheinung , mal hell , mal dunkel , an unseren Fenstern vorüber , und von der Königsbrücke her klang das Schellengeläute der Schlitten und der gedämpfte Lärm der Stadt . Endlich kam Jürgaß ; in der Hand hielt er eine große blaue Tüte . Hier bring ich Weihnachten ; die Hauptsache aber , die ich meinen Gästen bringe - denn ich bitte , Sie heut als solche betrachten zu dürfen - , ist selber ein Gast . Versteht sich , ein Poet . Damit wies er auf einen Herrn , der mit ihm zugleich eingetreten war . Ehe ich noch Zeit hatte , Bninski und Jürgaß miteinander bekannt zu machen , fuhr dieser fort : Ich habe die Ehre , Ihnen hier Herrn Grell oder , mit seinem vollen Rang und Namen , den Theologie-Kandidaten Herrn Detleff Hansen-Grell vorzustellen , eine Art Hintersassen von mir , einen Hörigen derer von Jürgaß auf Gantzer . Genealogisches über die Grells , beziehungsweise über die Hansen-Grells , behalte ich mir vor . Alles sah lachend , wenn auch einigermaßen überrascht , auf Jürgaß , der , ohne eine Antwort abzuwarten , in demselben Tone fortfuhr : Unsere Kastalia vertrocknet ; es fehlt ihr frisches Blut . Man könnte die Herren Poeten unseres Kreises in Verdacht haben , sie scheuten die Rivalität neu auftretender Kräfte . Wenn ich nicht wäre und Bummcke und hier unser Freund Rabatzki , der , um die letzte Spalte seines Sonntagsblatts zu füllen , dann und wann einen jungen Lyriker einfängt , so wär es mit dem Sprudeln unseres Musenquells , trotz seines hochtönenden Namens , bald vorbei . Ist es nicht unerhört , daß ich , um die drohendste Gefahr abzuwenden , von meines Vaters Gütern einen lyrischen Sukkurs verschreiben muß ? Das Eintreten eines Küfers , in vorschriftsmäßiger Lederschürze , unterbrach die Rede . Er trug eine Bowle auf , und die große Weihnachtstüte begann zu kursieren , die , neben rheinischen Walnüssen , einige Pakete französischer Pfefferkuchen enthielt . Jürgaß hatte den Vorsitz . Ich heiße Sie willkommen , nahm er abermals das Wort . Hinsichtlich der Tüte empfehl ich weise Sparsamkeit ; ihr Inhalt ist momentan unersetzlich . Aber die Bowle hat einen Zuschuß zu gewärtigen , eventuell mehrere . Die Gläser klangen zur Begrüßung zusammen . Ich hatte gleich bei unserem Eintritt an einer der Schmalseiten des Tisches Platz genommen ; Bninski mir gegenüber . Dieser Platz gestattete mir , den lyrischen Sukkurs , der unserer Kastalia wieder aufhelfen sollte , ohne Auffälligkeit zu beobachten . Er war , trotz eines guten Profils , eher häßlich als hübsch . Das Haar strohern , die blassen Augen vorstehend , und wenig Wimpern . Dabei die Lider leicht gerötet und etwas Stoppelbart . Sein Schlimmstes war der Teint . Gesamteindruck : alltäglich . Mein Auge glitt zu Bninski hinüber , der ihn auch gemustert haben mochte . Ich erriet seine Gedanken . Wir hatten leichte Konversation . Bummcke beklagte lebhaft , daß Du fehltest ; außerdem wurde Kandidat Himmerlich am meisten vermißt ; aus welchem Grunde , konnt ich nicht erraten . Vielleicht glaubte man , daß einem Kandidaten der Theologie wie Grell nichts Besseres vorgesetzt werden könne als seinesgleichen . Ich bezweifle aber , daß dieser Satz richtig ist . Es war wohl elf Uhr , und das Schellengeläute von Brücke und Straße her schwieg bereits ganz , als Jürgaß anhob : Ich denke , wir improvisieren eine Kastalia-Sitzung . Herr Hansen-Grell wird die Güte haben , uns einiges vorzulesen . Diese Mitteilung wurde mit bemerkenswerter , aber freilich auch verzeihlicher Kühle aufgenommen . Der Gast sah so unpoetisch wie möglich aus , und die Empfehlung unsers Jürgaß , wie Du nachempfinden wirst , war nicht eben dazu angetan ,