Hanna gehörten zu keiner Art von Hautevolee , leider ja nicht einmal zu der des Kirchentums ; sie waren in der neuen Provinz niemals über ihre beiden kleinen Nachbarstädte hinausgekommen , hatten niemals ein Exemplar der Abendzeitung oder Eleganten Welt in der Hand gehalten , und da weder die preußische Staatszeitung noch ein theologisches Fachblatt der Harfenkönigin Thusnelda von Werben jemals Erwähnung getan , gutsherrliche Traditionen aber seit einem Menschenalter in der Gemeinde erloschen waren , war nicht bloß die Bedeutung , sondern sogar die Existenz einer noch lebenden Werbenschen Schwester neben den beiden verblichenen dem Pfarrerpaar eine absolute Neuigkeit ; um so lebhafter aber auch das Interesse an dem , was der bisherige Patron mit bravem Reiterhumor von der gegenwärtigen Patronin berichtete . Eingängliches war es just nicht , und eine Besserung der Patronatszustände deutete es leider auch nicht an . Ein geistreiches Weltkind , das in der Jugend , wenngleich reich und schön , den Dienst der Musen dem der Laren vorgezogen , nach dem Verlust einer trefflichen Singstimme es im Harfenspiel zu ungewöhnlicher Virtuosität gebracht und den Mittelpunkt eines großen geselligen Kreises gebildet hatte , darauf beschränkte sich ungefähr , was der Schwager von der Schwägerin wußte oder mitzuteilen beliebte . Die Dame war überdies - keineswegs aus religiösem Drang , sondern lediglich weil das Vaterland ihren gesteigerten ästhetischen Bedürfnissen Gnügendes nicht mehr bot - in alten Tagen noch gen Rom gepilgert , mit der noch kürzlich ausgesprochenen Absicht , bei Lebzeiten nicht in die Heimat zurückzukehren , dahingegen dereinst ihre Gebeine , statt unter der Pyramide des Cestius , in der Werbenschen Erbgruft eine Ruhestatt finden zu lassen . » Ein Indizium , « so meinte der alte Herr , » daß auch in der verdrehtesten aller schöngeistigen und freigeistigen Schrauben eine patriarchalische Erbader nicht zu verwüsten ist . « » Meiner Person « , so erklärte er weiterhin , » war die Harfenistin , wie man so sagt , spinnefeind . Nicht sowohl aus königlich sächsischem Patriotismus , denn die Musen und ihre Jünger sollen ja Kosmopoliten sein ; vielmehr aus Verdruß , weil ihr Vater meiner Frau und nicht ihr , der ältesten Tochter , die Werbenschen Erbgüter hinterlassen hatte . Zugegeben , daß sie diese standhafter als meine gute Sidonie behauptet haben würde . Die Harfenistin hat ihre bare Abfindung zwischen ihren geschmeidigen Fingern nicht nur wacker zusammengehalten , sondern noch klüglich vermehrt ; auch von anderer Seite ist ihr eine Erbschaft zugefallen , sie gilt für eine sehr reiche Person und hatte das Zeug dazu , es zu werden . Aber was wollen Sie ? Zum Erben von Land und Leuten sucht ein Mann sich einen Mann , und wenn Künstlerinnen auch nicht altern , der Vater rechnete nicht nach dem Genie , sondern nach dem Kalender und dachte : immer noch besser ein preußischer , mit einem Sohne gesegneter Oberst , als eine sächsische alte Jungfer . Kurz und gut : Sidonie erhielt die Güter , und die Fäden zwischen der Harfenkönigin und der Soldatenfrau rissen seitdem kurz und klein . Ich tat daher schlechthin einen Schuß ins Blaue - auch , weiß Gott ! nicht mit vergnüglichem Herzen ! - , als ich ihr vor einiger Zeit den Vorschlag machte , das letzte Familiengut den Krallen dieses Mehlwurm zu entwinden , will sagen , es mir zu einem zivilen Preise abzukaufen , und seit dem Abschied von meinem armen Jungen hat mir zum ersten Male wieder ein Tropfen geschmeckt , als sie umgehend , kurz und bündig , meinen Vorschlag akzeptierte und eine Kaufsumme bewilligte , just hinreichend , daß kein Schmuhl und kein Mehlborn sagen sollen , sie seien durch die Hartenstein Vater und Sohn um eines Deutes Wert zu kurz gekommen . Für die Enkel mag einer sorgen , dem Sorgen leichter wird als den Hartenstein . Eingebüßt haben sie durch den Handel nichts , - der alte Bauer wird das ausgezahlte Kapital nicht zum Fenster hinauswerfen ; - leicht aber könnten sie nach anderer Seite einer Erbaussicht näher gerückt worden sein . Mein Sohn und Ottilie sind Thusneldens nächste Blutsverwandte , und wird sie den alten Stammsitz nicht , wie vielleicht ihr bewegliches Vermögen , in fremde Hände kommen lassen . Blieb also nur die Rücksicht auf Brigitte - - « » Die , « fiel die Pastorin ein , » dafür bürge ich , Exzellenz , aus der Entäußerung weder Ihnen einen Vorwurf machen noch auf einen Vorteil für die Zukunft rechnen wird . « » Nun , um so besser ! « versetzte gutmütig der alte Herr . » Ich will kein Vatergefühl für diese Tochter heucheln , kann ihrerseits mich auch keiner Tochterzärtlichkeiten rühmen . Allein auf Rosen ist sie in meiner Familie nicht gebettet gewesen , und sie zu guter Letzt noch mit einem Dorne ritzen zu müssen , würde mir wahrlich den sonst so erwünschten Handel verleidet haben . « Der alte Herr machte von neuem eine Pause ; auch das Pfarrerpaar schwieg . Er wie sie legten nach ihrer Art sich die Veränderungen zurecht , die urplötzlich über eine liebe Heimat gekommen waren . » Nach dieser Eröffnung « , hob Herr von Hartenstein wieder an , » bin ich noch mit einer zweiten im Rest , die Sie , Freund , als Ortspfarrer nicht sonderlich anmuten , Ihr gutes Herz aber , denkich , mit mir altem Schadenfroheinigermaßen aussöhnen wird , da dieses Anliegen weit mehr als der Mehlbornsche Kitzel es war , das mich bewogen hat , in den sauren Apfel der Unterhandlung mit meiner feindlichen Schwägerin zu beißen . Es handelt sich um meinen Bruder , den Propst . Sie kennen ihn und wissen , wie er sich gegen die Auslegung dreier Buchstaben gebäumt , Amt und Brot dafür in die Schanze geschlagen und , wie billig , den kürzeren gezogen hat . Sie werden vielleicht auch gehört haben , in welcher Weise er es seitdem unter den Getreuen seiner alten Gemeinde getrieben , dem Anschein nach als